Überwachungskamera

14.6.2012 | Von:
Jonas Grutzpalk

Das Gewaltmonopol des Staates

Eine staatliche Armee zum Schutz nach außen, Polizei und Sicherheitsbehörden, die auf dem Hoheitsgebiet eines Staates für Sicherheit sorgen sollen: Das gab es längst nicht immer.

Hobbes' LeviathanHobbes' Leviathan (© Public Domain)

Streiten sich zwei Leute so sehr, dass die Fäuste fliegen, greifen wir zum Telefon und wählen die 110 – eine Zahlenkombination, die jedes Kind kennt. Sollten jemals Truppen einer fremden Macht in Deutschland einmarschieren, würde der Staat dieser Macht den Krieg erklären und die Bundeswehr losschicken, die Eindringlinge zu vertreiben. Wenn Bundeswehr und Polizei wie beschrieben tätig werden, üben sie das so genannte "Gewaltmonopol des Staates" aus. Wir gehen heute damit um, als wäre es selbstverständlich, dass dieses Gewaltmonopol existiert. Aber das war nicht immer so.

Die Gattung Homo Sapiens gibt es seit circa 150.000 bis 100.000 Jahren. Bemerkenswert ist, dass die ersten Städte erst vor etwa 10.000 Jahren entstanden. Während des weitaus größten Teils ihrer Geschichte kannte die Menschheit demnach kein Gewaltmonopol des Staates. Und wie Staaten funktionieren, musste sie in einem langen Prozess erlernen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, sondern geht immer weiter. Immer neue Fragen entstehen und immer neue Lösungen werden entwickelt.

Wie sich Menschen in vorstaatlichen Zeiten organisierten, kann man anhand der archäologischen Funde nur vermuten. Es ist anzunehmen, dass die Familie oder die um aufgenommene Fremde erweiterte Sippe überall auf der Welt die ersten politischen Einheiten darstellten. Diese Familien zogen in Gruppen durch die Welt, legten sich räumlich nur selten fest. Vielleicht orientierten sie sich in ihren Wanderungen an einigen festen Orten wie zum Beispiel Höhlen, die als religiöse Kultstätte dienten.

Geschützt wird, wer dazugehört

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diese Frühphase der Menschheit, die mehrere zehntausend Jahre dauerte, mit der Fahrt auf einem Floß verglichen: Eine kleine Menschengruppe treibt durch die Weiten der Welt, nur auf sich selbst beschränkt und aufeinander bezogen. Wer Mitglied einer solchen Gruppe ist, der gehört beim wahrsten Sinne des Wortes dazu, denn die kleine Menschenansammlung, die hier unterwegs ist, bleibt meist in Hörweite, bildet eine Klangsphäre, in der erzählt, gesungen, gelacht und geklagt wird.[1]

Schutz bot in der vorstaatlichen Zeit nur die Gruppe selbst. Wurde sie überfallen, so schützten sich die Mitglieder gemeinsam beziehungsweise gegenseitig gegen den äußeren Feind. Verstieß jemand gegen ihre ungeschriebenen Regeln, so schloss sie ihn aus. Hier wurden die Grundlagen für das gelegt, was man später "Blutrache" nannte. Gemeint ist damit, dass individuelle Sicherheit allein durch die eigene Gruppe sichergestellt wird, indem potentiellen Übeltätern und ihren Gruppen mit Gegengewalt gedroht wird.

Bevor es funktionierende Staaten gab, regelten die Menschen ihre Streitigkeiten häufig unter sich. Sie griffen dabei nicht selten auf Gewalt zurück. Gerichte konnten einen gewissen Ausgleich zwischen den verfeindeten Parteien herstellen, doch die Durchsetzung von Recht war häufig an die eigene Fähigkeit gebunden, sich notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen.

Die ersten Staaten

Es ist bis heute nicht abschließend geklärt, warum die Menschen sesshaft wurden, warum sie Dörfer, dann Städte und schließlich Staaten gründeten. Wahrscheinlich war es ein schleichender Prozess, der sich über Jahrtausende hinzog. Häufig behielten sie die sozialen Strukturen der früheren, nicht-sesshaften Gruppen bei. Nach wie vor bleiben die Familien für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung zuständig. Auch als erste staatliche Strukturen entstanden, waren diese Staaten gar nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. So berichtet das Alte Testament der Bibel von einer Blutrachetat im jungen Staat Israel, die der König David handlungsunfähig geschehen lassen musste. (2. Samuel, drittes Kapitel[2]).

Die ersten großen Imperien, die zwischen dem achten und zweiten vorchristlichen Jahrhundert entstanden, änderten an der Praxis der Blutrache nicht viel. Sie sahen sich eher für die allgemeine Sicherstellung von Frieden innerhalb ihrer Grenzen zuständig, ohne jedoch ein Gewaltmonopol des Staates für sich in Anspruch zu nehmen. Die Rolle der Familien, Sippen und Stämme wurde sogar eher noch gestärkt, weil man sich auf sie verließ, wenn es um die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung ging.

So blieb es dabei, dass Familien einander befehdeten und Sicherheit durch die Androhung (und zeitweilig auch Durchführung) von Racheakten aufrechterhalten wurde. Wo die Macht des jeweiligen Königs stark genug war, wurden die schlimmsten Auswüchse dieses auf Rache basierenden Systems eingeschränkt – grundsätzlich in Frage gestellt wurde es in Europa aber erst im Mittelalter, durch die so genannte Gottesfriedensbewegung.

Die ersten Schritte hin zum Gewaltmonopol: Die Gottesfriedensbewegung

Diese sogenannte Gottesfriedensbewegung war eine religiöse Bewegung die beweisen wollte, dass die Menschen sich auf eine Gesellschaft einlassen können, in der sie auf die individuelle Anwendung von Gewalt verzichten. Sie entstand im 11. Jahrhundert im Süden Frankreichs, zwischen den Pyrenäen und der Rhône, wo die Königsgewalt schwach war.

Auf Diözesansynoden und anderen großen Versammlungen wurde der Adel dazu ermutigt, sich durch gegenseitigen Eid zur Einhaltung der so genannten Pax Dei (lat.. Gottesfrieden) zu verpflichten. Im Grunde verzichteten die adeligen Familien damit auf ihr Fehderecht – das Recht, im Falle einer Verletzung durch andere zurückzuschlagen und sich zu rächen.

Zunächst gelang lediglich eine zeitliche Reglementierung: An Sonn- und Feiertagen sollte der Frieden gewahrt werden. Nach und nach gelang aber eine Ausdehnung des Gottesfriedens. Im Jahre 1085 erließ Heinrich IV. auf dem Reichstag in Mainz den ersten reichsweiten Gottesfrieden, und es wurde Sache der königlichen Gewalt, diesen Frieden durchzusetzen. In regelmäßigen Abständen musste der Adel ihn neu beschwören.

Der souveräne Staat

"Mehr als sich im allgemeinen Geschichtsbewusstsein ausdrückt, ist die Bekämpfung der Fehde durch die Gottesfriedensbewegung beteiligt an der Herausbildung des modernen Staates"[3], schreibt die Soziologin und Juristin Sibylle Tönnies über die Gottesfriedensbewegung. Ein staatliches Gewaltmonopol aber letztlich denkbar zu machen, das ermöglichten die Schriften des Franzosen Jean Bodin (1529-1596) und des Engländers Thomas Hobbes (1588-1679).

Während Bodin die Theorie der staatlichen Souveränität begründete, einer Macht also, die keine andere Macht über oder neben sich hat, machte Hobbes das staatliche Gewaltmonopol denkbar. Bodin war der Erste, der die Funktion des Souveräns von seiner Familie unterschied und damit möglich machte, auch zwischen souveränem Staat und herrschenden Familien einen Unterschied zu erkennen. Hobbes erklärte, wozu die Souveränität des Staates dienen sollte: zur Eindämmung der Gewalt und zu ihrer Monopolisierung in seinen Händen.

Fußnoten

1.
Sloterdijk, Peter: Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik; Frankfurt a.M. 1993; S. 21
2.
http://www.bibel-online.net/text/luther_1912/2_samuel/3/
3.
http://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=1177

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