Überwachungskamera

14.6.2012 | Von:
Anja Bruhn

Wie entsteht kriminelles Verhalten?

Etikettierung – Definition – Label(l)ing Approach

Einige Theorien gehen davon aus, dass von der Norm abweichendes menschliches Handeln nicht von sich aus kriminell sei, sondern dass das Handeln erst in einem Zuschreibungsprozess durch die Instanzen der formellen Sozialkontrolle, also dem Gesetz oder der Justiz, als kriminell definiert wird. Diese Zuschreibung ‚kriminell‘ wird Etikettierung oder (englisch) label(l)ing genannt. Eine derartige Etikettierung ist ein aktiver Prozess, weshalb aus theoretischer Perspektive nicht mehr von Kriminalitätstheorien gesprochen wird, sondern von Kriminalisierungstheorien.

Der Schwerpunkt der verschiedenen Ausprägungen des labeling approaches liegt auf der Bewertung, der Zuschreibung (engl.=label; Etikett) und somit Stigmatisierung durch staatliche Instanzen als Reaktion auf als abweichend bezeichnetes Verhalten. Aus diesem Blickwinkel wird weniger das kriminelle Handeln als erklärungsbedürftig angesehen, sondern eher die Etikettierung. Genau darin liegt jedoch einer der Hauptangriffspunkte dieser Ansätze, denn in erster Linie soll das abweichende Verhalten erklärt werden und nicht das normkonforme, nichtkriminelle Verhalten. Wurde ein Verhalten als kriminell etikettiert, reagieren die Personen im Umfeld des Täters auf Grund des Etiketts mit Ausgrenzungs-, Stigmatisierungs- und Degradierungshandlungen - sie stempeln ihn ab. Abgesehen davon ist ein anderer Effekt des Etiketts „kriminell“, dass es auch Auswirkungen auf das Selbstbild des Täters haben, und zwar in Form der self-fullfilling prophecy, der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. Damit ist gemeint, dass ein Täter das Etikett ‚kriminell‘ für sich übernimmt, in das eigene Selbstbild integriert und sich dann entsprechend der offiziellen Zuschreibung rollenkonform – kriminell – verhält. Diese Etikettierung mit den weitreichenden Folgen ist besonders bedeutsam für die Erklärung des Konzeptes „kriminelle Karriere“ von Mehrfachtätern. Andererseits verschärfen die Stigmatisierungseffekte „kriminelle Karrieren“ weiterhin.

Alternativansätze

Keiner der bislang aufgezeigten, vorwiegend einseitig erklärenden Theorien wird in der Fachliteratur eine hinreichende Erklärungskraft zugestanden. Aus der Erkenntnis heraus, dass disziplin-, themen- oder gegenstandsbezogene Theorien immer eben wegen des gewählten Zugangs begrenzt sind, wurden integrative Konzepte entwickelt. Integrationskonzepte vereinen verschiedene Herangehensweisen. Die entwicklungskriminologische Sicht beispielsweise ist ein interdisziplinärer Ansatz mit Elementen der Psychologie sowie der Soziologie. Aus diesem Blickwinkel wird darauf verwiesen, dass in verschiedenen Entwicklungsstadien unterschiedliche Einflussfaktoren herangezogen werden müssen. Dabei müssen aber mögliche Wendepunkte, die die Entwicklungsrichtung beeinflussen, entsprechend berücksichtigt werden. Auch Integrationsbemühungen zielen darauf, durch Projektion auf den Lebenslauf, Themen und Befunde unterschiedlicher Herkunft in eine nachvollziehbare Abfolge zu bringen. Ähnlich der Integrationsbemühungen wurden auch sogenannte „übergreifende Theorien“ gebildet. Exemplarisch seien hier die „Low self control“-Theorie von Hirschis und Gottfredsons, die „Theorie des ‚reintegrative shaming‘ von John Braithwaite oder aber aus Deutschland Sebastian Scheer & Henner Hess‘ „Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie“ genannt. Obwohl diese Theorien mehrere Ansätze aus verschiedenen Disziplinen zusammenführen als auch die Etikettierung nicht außen vor lassen, sind sie keineswegs unumstritten. Daher wurde ihnen von Göppinger et al ein eher empirisch ausgerichteter Ansatz mit multifaktoriellen Analysen entgegengestellt. Dieser Ansatz zielt jedoch weniger auf Theorien mit ihren zugrunde liegenden Kausalbeziehungen als auf eine vorwiegend empirisch fundierte Erklärung, weshalb er wiederum als theorieloser Ansatz kritisiert wird.

Nicht nur die Verknüpfung und Integration verschiedener biologischer, sozial-/ psychologischer und soziologischer Theorien entweder auf der Ebene des Individuum, dessen Umfeld, der Gesellschaft oder querbeet sind geeignet, kriminelles Verhalten zu erklären. Das Problem hieran ist, dass sie alle in erster Linie täterorientiert erklären. Daher gibt es im Gegensatz zur täterorientierten auch die opferorientierte Herangehensweise.

Viktimologie: "Opferforschung"

Diese auch „viktimologisch“ (Viktimologie = Lehre vom Verbrechensopfer) genannten Ansätze, gehen davon aus, dass bestimmte Konstellationen das Risiko erhöhen, Opfer zu werden. Diese Forschungsrichtung gewinnt zunehmend an Bedeutung, orientiert sich aber zumeist an den traditionellen, oben vorgestellten Kriminalitätstheorien. Opferorientierte Theorien knüpfen an drei hauptsächlichen Punkten an, warum Menschen Opfer von Straftaten werden. Zum einen rückt dabei (1) die Person, die Persönlichkeit des Opfers in den Blick, hinzu kommen bestimmte Opferdispositionen (z.B. Theorie der erlernten Hilflosigkeit) und (2) die Beziehung zum Täter (Interaktionistische Theorie, Opferpräzipitation). Auch die Tatsituation (3) spielt insbesondere in situationsorientierten Ansätzen eine tragende Rolle. Weitere Aspekte sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie z.B. die Machtlosigkeit der Opfer oder auch kulturelle Einflüsse (z. B. die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Minderheit). Besondere Betonung erfahren in diesen Ansätzen situative Bedingungen, worunter die Attraktivität eines potentiellen Tatziels und das Fehlen wirksamer Schutzmechanismen fallen. Opferorientierte Ansätze dienen in erster Linie der Prävention und bedeuten keine Schuldzuschreibung auf die Opfer.

Schlussbetrachtung

Es gibt nicht DIE eine, richtige und vollständige Erklärungstheorie für abweichendes und kriminelles Verhalten. Der umfangreiche Forschungsbestand bietet zahlreiche Kriminalitätstheorien, Erklärungsansätze und Konzepte. Aber obwohl sich die Kriminalitätstheorien zum Teil deutlich unterscheiden, ist allen gemein, dass sie beschränkt sind in ihrer Reichweite und Perspektive. So zahlreich die Kriminalitätsdelikte sind, so verschieden sind auch ihre Akteure und ihre Gründe. Daher können Theorien immer nur einen Teil erklären. Jedoch bedeutet dies nicht, dass Kriminalitätstheorien deshalb nutzlos sind. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, einen größtmöglichen Teil kriminellen Verhaltens zu erklären. Für eine solche Theorie sind eine interdisziplinäre Sichtweise sowie verschiedene Bezugspunkte erforderlich und im Idealfall berücksichtigt eine solche Theorie auch, dass die Definition von Kriminalität immer wieder Veränderungen unterliegt.


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