Überwachungskamera

4.5.2012 | Von:
Bernhard Frevel

Die Kriminalitätslage – im Spiegel der Polizeilichen Kriminalstatistik

"Mord und Totschlag" dominieren die Medienberichte über Kriminalität - dabei sind Diebstahl, Betrug und Sachbeschädigung weit häufiger, zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik. Doch längst nicht alle Straftaten werden erfasst, und viele Faktoren verzerren die Zahlen, mit denen in der politischen Diskussion immer wieder argumentiert wird.

Mit dem Brecheisen ins Haus: Diebstahl und Sachbeschädigung sind weitaus häufiger als schwere Straftaten wie Mord.Mit dem Brecheisen ins Haus: Diebstahl und Sachbeschädigung sind weitaus häufiger als schwere Straftaten wie Mord. (© picture-alliance, www.picturedesk.com)

Jährlich wird vom Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) erstellt und vom Bundesinnenminister öffentlich präsentiert. Die PKS erfasst alle der Polizei angezeigten sowie die von ihr selbst ermittelten Straftaten. Sie enthält unter anderem Angaben über
  • Art und Zahl der erfassten Straftaten,
  • Tatort und Tatzeit,
  • Opfer und Schäden,
  • Aufklärungsergebnisse,
  • Alter, Geschlecht, Nationalität und andere Merkmale der Tatverdächtigen,
statistisch erfasst und in verschiedenen Tabellen und Grafiken aufbereitet. Die Jahresberichte werden vom BKA im Internet der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt unter www.bka.de.

Straftaten gesamt

2010 wurden erstmals seit der Wiedervereinigung und der Einführung der gesamtdeutschen PKS (1993) weniger als 6 Millionen Straftaten in der PKS gezählt. Der Rückgang der Kriminalität lässt sich – mit einem Zwischenhoch 2001 bis 2004 - über fast alle Berichtsjahre ablesen:

Die Häufigkeitszahl beschreibt die erfassten Straftaten je 100.000 Einwohner. Werden die Delikte nach Straftatengruppen geordnet und nach ihrer Häufigkeit sortiert, wird deutlich, dass die in der Öffentlichkeit besonders häufig und heftig diskutierten Fälle von gefährlicher Körperverletzung, Mord und Totschlag im Vergleich relativ selten vorkommen, während der Diebstahl mit ca. 40 Prozent den Schwerpunkt darstellt. Werden noch der Betrug und die Sachbeschädigung hinzugenommen, so decken diese zwei Drittel der erfassten Kriminalität ab.


Rangfolge einzelner Straftaten(gruppen) nach ihren Anteilen an der Gesamtzahl der erfassten FälleRangfolge einzelner Straftaten(gruppen) nach ihren Anteilen an der Gesamtzahl der erfassten Fälle (© Polizeiliche Kriminalstatistik 2010)
Registrierte Kriminalität 2010 - Straftatenanteile an „Straftaten insgesamt“Registrierte Kriminalität 2010 - Straftatenanteile an „Straftaten insgesamt“ (© Polizeiliche Kriminalstatistik 2010)



Aufklärung

Entwicklung der Aufklärungsquoten einzelner Straftaten(gruppen)Entwicklung der Aufklärungsquoten einzelner Straftaten(gruppen) (© Polizeiliche Kriminalstatistik 2010)
In der Gesamtheit betrachtet wurden 2010 nach Ansicht der Polizei 56 Prozent der erfassten Straftaten aufgeklärt. Dies ist die höchste Aufklärungsquote seit der PKS-Berichtslegung. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht aber, dass die Aufklärung zwischen den verschiedenen Delikten sehr deutlich differiert. Werden nahezu alle Mord- und Totschlagsdelikte geklärt, bleiben bei dem Wohnungseinbruchdiebstahl fast sechs von sieben Taten und drei Viertel der Sachbeschädigungen unaufgeklärt.

Besonders hohe Aufklärungsquoten zeigt die PKS bei den so genannten Kontrolldelikten, wie zum Beispiel Rauschgiftdelikten, bei denen verdächtige Personen kontrolliert werden und im Falle des Fundes von Betäubungsmitteln sofort eine Tat und ein Täter festgestellt werden. Hohe Quoten gibt es auch dort, wo ein Opfer schon ganz konkret einen Täter bezichtigt und dies auch nachweisbar ist. Dies ist besonders häufig bei der Beleidigung oder auch den Straftaten gegen die persönliche Freiheit der Fall. Hohe Aufklärungserfolge bei Betrug und Urkundenfälschung lassen darauf schließen, dass mit dem Entdecken der Straftat auch häufig gut der Täter ermittelt werden kann – aber viele dieser Straftaten bleiben von Polizei und Opfern unentdeckt.

Tatverdächtige

Die PKS benutzt ausschließlich den Begriff des Tatverdächtigen. Dies bedeutet, dass die Polizei zwar meint, den "Täter" gefasst zu haben – aber allein die Gerichte können über die Schuld und damit die Täterschaft entscheiden. Bis zum Urteil gilt eine Person als unschuldig und kann deshalb nur als Tatverdächtiger angesehen werden.

Alter und Geschlecht der Tatverdächtigen

Tatverdächtigenbelastung der Deutschen bei Straftaten insgesamtTatverdächtigenbelastung der Deutschen bei Straftaten insgesamt (© Polizeiliche Kriminalstatistik 2010)
Die PKS erfasst die ermittelten Tatverdächtigen nach Alter und Geschlecht sowie der Nationalität. Nach der absoluten Zahl betrachtet, werden die meisten Delikte von deutschen Erwachsenen begangen – aber diese stellen ja auch den größten Teil der Bevölkerung. Sinnvoll ist es deshalb, nach den Belastungen der verschiedenen Alters- und Geschlechtsgruppen bei der Kriminalität zu unterscheiden. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Kriminalität bei allen Alters- und Geschlechtsgruppen, bei allen Nationen und – leider nicht in der PKS erfasst, aber durch die Kriminologie belegt – bei allen Religionen, Schichten und Klassen vorkommt. Keine soziale Gruppe ist kriminalitätsfrei. Aber manche Gruppen haben höhere Belastungen. Männer sind häufiger polizeilich auffällig aus Frauen. Jugendliche und junge Erwachsene werden häufiger straffällig als die älteren Generationen.

Entwicklung der TVBZ*) der Deutschen bei Straftaten insgesamt ab 1993Entwicklung der TVBZ*) der Deutschen bei Straftaten insgesamt ab 1993 (© Polizeiliche Kriminalstatistik 2010)
Wird zudem noch die Deliktart mit in den Blick genommen, zeigt sich, dass (junge) Frauen bei dem einfachen Diebstahl (in der Regel Ladendiebstahl) und bei Betrug, Veruntreuung sowie bei Beleidigungen zwar etwas höhere Anteile bei den Tatverdächtigen haben und hier mehr als ein Viertel, aber immer noch weniger als ein Drittel der Verdächtigen stellen.

Bei dem Rückgang der registrierten Kriminalität ist auch mit einem Rückgang der Tatverdächtigenbelastung zu rechnen. Nahm seit 1993 vor allem bei deutschen Jugendlichen (14-17) Jahre), Heranwachsenden (18-20 Jahre) und Jungerwachsenen (21-25 Jahre) die Tatverdächtigenbelastung zu, so ist seit 2004 eine Stagnation beziehungsweise ein Rückgang zu beobachten. Da die Tatverdächtigenbelastungszahl die Tatverdächtigen je 100.000 Einwohner der jeweiligen Altersgruppe beschreibt, ist festzustellen, dass auch im Jahr der höchsten Belastung (2004) 92 Prozent der am stärksten betroffenen Altersgruppe polizeilich nicht auffällig wurden. Die medial vermittelte Bedrohung, dass junge Menschen immer mehr kriminell und immer gefährlicher seien, ist durch die PKS nicht zu belegen.


Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ Innere Sicherheit

Innere Sicherheit

Sicherheit zu gewährleisten ist eine der Kernfunktionen des Staates. Auf welchem Wege, mit welcher ...

Coverbild Organisierte Kriminalität

Organisierte Kriminalität

In Fachkreisen wird seit Jahren um die "richtige" Definition Organisierter Kriminalität gerungen. S...

Innere Sicherheit im Wandel

Innere Sicherheit im Wandel

Der Staat muss seinen Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit gewähren – und zugleich die Freiheit s...

Polizei

Polizei

Die Aufgabe der Polizei besteht laut Grundgesetz in der Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit. Hi...

Coverbild Überwachtes Deutschland

Überwachtes Deutschland

Überwachung ist ein hoch aktuelles Thema – aber zugleich eines mit Wurzeln bis in die Frühzeit d...

Coverbild Freiheit und Sicherheit

Freiheit und Sicherheit

Freiheit und Sicherheit stehen in einer komplexen Beziehung zu einander – schließen sich aber kei...

Zum Shop

Europa kontrovers

Freiheit oder Sicherheit

Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Ganzkörper-Scanner: Die staatlichen Reaktionen auf den Terrorismus sind vielfältig. Vier Experten diskutieren: Wie stark muss die Freiheit eingeschränkt werden, um Sicherheit zu gewährleisten?

Mehr lesen

Krieg, Terror, gewaltsame Konflikte: Internationale Auseinandersetzungen sind allgegenwärtig. Aber auch auf nationalstaatlicher Ebene spielen Konflikte eine zunehmend wichtigere Rolle. Dabei geht es auch und immer wieder um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Seit 2001 verschickt die bpb daher einen täglichen Newsletter mit Beiträgen zu den Folgen von Krieg, Terrorismus und anderen Aspekten der Sicherheitspolitik.

Mehr lesen