Überwachungskamera

30.3.2016 | Von:
Nina Oelkers

Sicherheit im ländlichen Raum

Für viele Menschen ist die moderne Großstadt ein Ort der Unsicherheit und Kriminalität. Der ländliche Raum gilt hingegen oftmals als Ort der Geborgenheit und menschlichen Nähe. Tatsächlich bestätigt die Statistik, dass die Kriminalitätsbelastung erheblich mit der Gemeindegröße ansteigt. Prof. Dr. Nina Oelkers stellt zudem fest, dass auch die Unsicherheitswahrnehmungen bzw. die Kriminalitätsfurcht der kleinstädtischen und ländlichen Bevölkerung wesentlich schwächer ausfallen. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass die länger andauernden Sozialkontakte sowohl die informelle Sozialkontrolle als auch das Sicherheitsgefühl fördern.

Spezialisten der Polizei untersuchen einen Brandort. Bei Löscharbeiten in dem Pferdestall sind zwei Leichen gefunden worden.Spezialisten der Polizei untersuchen einen Brandort. Bei Löscharbeiten in dem Pferdestall sind zwei Leichen gefunden worden. (© picture-alliance/dpa)

Der ländliche Raum wird von jeher als (besonders) lebenswert eingeschätzt und gilt in der Vorstellung vieler Menschen als Ort der Geborgenheit und menschlichen Nähe, "Gemeinschaft, Einfachheit, Bescheidenheit und Natürlichkeit, kurz als "Quell des Wahren, Guten und Schönen"[1]. Neben solchen romantisierenden Sichtweisen handelt es sich auch um eine Raumkategorie, die auf eine geringere Einwohnerdichte verweist (vgl. deutsches Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR)) und sich vom stark verstädterten Raum mit hoher Einwohnerdichte unterscheidet. Vom ländlichen Raum wird bspw. gesprochen, wenn dort unter 5.000 Einwohner leben, vom intermediären Raum, wenn es zwischen 5.000 und 50.000 Einwohner sind. Für die BRD ist festzuhalten, dass 98% der Gemeinden eine maximale Einwohnerzahl von 50.000 haben. Rund 60% der Gesamtbevölkerung der BRD (48.436.362 Menschen) leben in Gemeinden mit einer Einwohnerzahl von bis zu 50.000 (nach ZENSUS 2011, Gebietsstand 31.12.2012). Allerdings gibt es nicht "den" ländlichen oder ländlich geprägten Raum, weil es keine Homogenität der als ländlich zu bezeichnenden Räume gibt. Zudem wird Ländlichkeit oder kleinstädtisches durch die dort lebenden Menschen hergestellt, denn Ländlichkeit ist als soziale Konstruktion zu betrachten. So sind der Zusammenhalt, das sich Kennen und die Gegenseitigkeit typische Phänomene, die mit Ländlichkeit zusammen gedacht werden. Diese soziale Konstruktion oder Herstellung von Ländlichkeit muss also nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit (administrativen) Raumkategorien und Einwohnerzahlen stehen.

Plattenbauten im Hamburger Stadtteil Billstedt. Dieser Stadtteil gilt genauso wie Berlin Neukölln als ein sozialer Brennpunkt. (© picture-alliance/dpa)

Sicherheitsmentalitäten[2] im Stadt-Land-Verhältnis

Gemeinhin gilt die moderne Großstadt als Ort der Unsicherheit oder Kriminalität, während ländliche Räume und Kleinstädte häufig mit Vorstellungen wie "hier ist es sicher" sowie informeller Sozialkontrolle und sozialem Zusammenhalt in Verbindung gebracht werden. Informelle Sozialkontrolle beschreibt weitestgehend alle nicht direkt staatlich organisierten Maßnahmen und Prozesse, die auf die Herstellung und Sicherung einer sozialen Ordnung hinwirken, also beispielweise die Kontrolle durch "Privatpersonen" wie Nachbarn, Eltern, Freunde, Bekannte etc. Sozialer Zusammenhalt (auch Kohäsion genannt) ist ein Merkmal von Gruppen, die beispielsweise gemeinsame Werte und Verhaltensanforderungen teilen, sich ihrer Gemeinschaft zugehörig und auch verpflichtet fühlen.

Die Anonymität der Großstadt bzw. die universelle Fremdheit ihrer Bewohner/innen untereinander ("ich kenne niemanden hier") und die Integration in eine sozialräumlich gedachte (ländliche) Gemeinschaft ("hier kennt jeder jeden") stehen sich in der Alltagswahrnehmung der Bevölkerung, aber auch der professionellen Akteure (Polizei, Justiz, Soziale Arbeit etc.) häufig gegenüber. Das Kriminalitätsverständnis wird weitestgehend von (groß)städtischen Unsicherheitserzählungen und Problemlagen geformt. Unsicherheitserzählungen sind jene Geschichten, die über Orte erzählt werden, an denen Furcht und Unsicherheit empfunden wird, aufgrund von tatsächlichen Vorkommnissen ("da wurde schon mal jemand angegriffen") oder Befürchtungen ("da ist es dunkel und manchmal halten sich dort Betrunkene auf"). Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Umweltkriminalität oder das "Familiendrama" in der Vorstadt) fällt es uns schwer, das Verhältnis "Großstadt = Unsicher" zu "Land = Sicher" anders zu denken. Diese Annahmen beeinflussen auch unsere sicherheitsbezogenen Wahrnehmungen, unsere Meinungen und unser Handeln oder anders gesagt: die sogenannten Sicherheitsmentalitäten[3]. Sicherheitsmentalität zeigt sich beispielsweise in den wahrgenommenen Bedrohungen, dem Ergreifen von Schutzmaßnahmen, den Meinungen zur Kriminalitätskontrolle oder in den Erwartungen an die Sicherheitsinstitutionen (z. B. Polizei).

Nähert man sich entlang kriminalstatistischer Daten der ländlichen/kleinstädtischen Kriminalitätsbelastung und setzt diese in ein Verhältnis zur großstädtischen, so zeigen sich die o.g. Vorstellungen weitestgehend bestätigt (siehe Tabelle 1). Entlang einer Zeitreihe lässt sich zwar durchweg ein Anstieg der registrierten Kriminalität seit Mitte der 1960er Jahre nach vollziehen, aber die Kriminalitätsbelastung steigt konstant mit der Gemeindegröße an. Das Verhältnis von 1:3 in der Kriminalitätsbelastung, wenn man ländliche Regionen und Metropolregionen vergleicht, bleibt bestehen.

Tab. 1.: Kriminalitätsbelastung in der BRD nach Gemeindegröße: Anzahl der bekannt gewordenen Fälle von Straftaten auf 100.000 Einwohner, ohne Straßenverkehrsdelikte (Gesamtkriminalitätsziffer, nach 1990 Ost und West, entnommen GESIS-ZUMA Abt. Soziale Indikatoren XII Öffentliche Sicherheit und Kriminalität, S. 1-2, Indikator K001)

Insgesamt Bis 20.000 Einwohner 20.000-100.000 Einwohner 100.000-500.000 Einwohner Über 500.000 Einwohner
1964 2.998 1.520 2.097 3.601 4.616
1970 3.924 1.883 2.750 4.191 6.267
1975 4.722 2.763 4.803 6.018 7.547
1980 6.198 3.565 6.469 7.806 10.078
1985 6.909 3.731 6.867 8.985 12.454
1990 7.108 3.688 7.102 8.445 13.671
1995 7.774 4.846 8.353 10.552 14.260
2000 7.625 4.533 7.555 9.990 13.829
2005 7.747 4.533 7.925 10.388 13.650
Hinweis: Mit "insgesamt" ist die Häufigkeitszahl "Straftaten je 100.000 Einwohner" bundesweit gemeint. In den weiteren Spalten wird dies auf die Gemeinegrößenklassen bezogen. Hier wird deutlich, dass in kleinen Gemeinden eine unterdurchschnittliche Kriminalitätsbelastung vorliegt, während Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohner größere Häufigkeitszahlen aufweisen.

Dennoch greift eine einfache Gegenüberstellung zu kurz: Auch wenn durch den subjektiven Eindruck der Bevölkerung, sich untereinander zu kennen und den kleinstädtischen und ländlichen Raum überblicken zu können, das Land als gefahrenarm und "sicher" angesehen wird, wird dabei verkannt, dass diese (kollektiven) Sichtweisen von den Besonderheiten eines ländlichen/kleinstädtischen Kohäsionsmodus (siehe oben) geprägt sind, die im Weiteren erläutert werden.

Sicherheitswahrnehmung und das "Kriminalität in der Distanz"–Phänomen

Nicht nur die Kriminalitätsbelastung im kleinstädtischen und ländlichen Raum ist geringer, auch die Unsicherheitswahrnehmungen bzw. die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung fällt wesentlich schwächer aus (siehe Tabelle 2).

Tab. 2: Kriminalitätsfurcht Standardfrage: Gibt es eigentlich hier in der UNMITTELBAREN Nähe – ich meine so im Umkreis von einem Kilometer – irgendeine Gegend, wo Sie nachts nicht alleine gehen möchten? (auf Grundlage der Daten des ALLBUS 2008, eigene Auswertung)

Einwohner Ja, gibt es hier Nein, gibt es hier nicht Gesamt
Bis 20.000 16,9% 31,6%
Ab 500.000 81,1% 68,4%
(n) 1.199 / 100%

Kriminalitätsfurcht, also die Befürchtung einem strafrechtlich relevanten Übergriff zum Opfer zu fallen, ist vor allem als ein großstädtisches Phänomen zu betrachten. Dies zeigt sich in großen Bevölkerungsumfragen (siehe Tabelle 2) ebenso wie in Interviews und Gruppendiskussionen mit ländlich verorteten professionellen Akteuren (bspw. Polizei, Justiz oder Sozialen Arbeit) sowie mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen (bspw. Jugendliche, junge Erwachsene, Eltern, ältere Menschen). Kriminalität ereignet sich, nach Einschätzung der Befragten, weitestgehend "woanders". Der ländlich-kleinstädtische Raum wird unter der Prämisse beschrieben, wonach "hier die Welt noch in Ordnung sei". Dies bedeutet, im ländlichen oder kleinstädtischen Nahraum fühlt man sich relativ sicher. Dies bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf das alltägliche Handeln: Immer wieder wird von Seiten der Polizei oder privater Sicherheitsdienstleister beschrieben, dass es aufgrund dieser zugrunde liegenden Sicherheitsvorstellungen auch zu Nachlässigkeiten der Anwohner im ländlichen Raum kommt: […] wenn ich jetzt bei uns durch das Dorf fahre, wo ich wohne, dann finde ich von den Hintertüren, nicht die Vorderen, aber von den Hintertüren, finde ich Pi mal Daumen 10 Prozent nicht verschlossen vor, da komme ich rein.[…] (SIMENTA-Gruppediskussion: Experten).

Angleichung der Lebensstile und regionale Unterschiede

Auch wenn die dokumentierte Kriminalitätsbelastung im ländlich-kleinstädtischen Raum geringer ausfällt als in Großstädten, steigt sie im Laufe der Jahre doch kontinuierlich an (siehe Tabelle 1). Dieser Anstieg fällt mit einer Angleichung ländlicher und (groß)städtischer Lebensstile zusammen: Die ländliche und kleinstädtische Bevölkerung ist mobiler und auch hier werden die Lebensstile individueller, sind also weniger traditionell vorgezeichnet. Städtische Zentren sind für weite Teile der Bevölkerung erreichbar und die sozialen Schichtungen und sozialen Milieus in städtischen und ländlichen Regionen haben sich tendenziell angeglichen. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, (groß)städtische und ländliche Lebensstile als entgegengesetzt zu verstehen (unsicher – sicher).

Außerdem sind auch regionale Unterschiede des ländlich-kleinstädtischen Raumes zu beachten: Berücksichtigt werden muss, ob es sich zum Beispiel um sogenannte ländliche bzw. städtische Wachstumsregionen innerhalb des Strukturwandels handelt (zum Beispiel im Sinne von Suburbanisierungsbewegungen rund um regionale Zentren und sogenannte "Speckgürtel" um prosperierende Großstädte) oder um Regionen, die vor erheblichen strukturellen Problemen stehen (bspw. hohe Arbeitslosigkeitsquoten, Abwanderung der Bevölkerung, wirtschaftliche Schwäche etc.). Ähnliches gilt für grenznahe Landkreise oder aber stark touristisch geprägte Orte, die häufig eine erhöhte Kriminalitätsbelastung aufweisen.


Fußnoten

1.
Gängler, H. (1990): Soziale Arbeit auf dem Lande. Vergessene Lebensräume im Modernisierungsprozeß. Weinheim und München, S. 164
2.
Die hier dargestellten Befunde, empirischen Daten und Theoriekonzepte entstammen dem durch das BMBF im Rahmen der Forschung für die Zivile Sicherheit geförderten Projektverbund "SIMENTA Sicherheitsmentalitäten im ländlichen Raum". Weiter Informationen unter: www.simenta.de sowie unter Oelkers/ Schierz 2015, Tietz 2015 sowie Völschow/ Helms 2015.
3.
Vgl.: Klimke, D. (2008): Wach- & Schließgesellschaft Deutschland – Sicherheitsmentalitäten in der Spät-moderne. Wiesbaden.

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