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Die Dimensionen des Sicherheitsbegriffs


14.6.2012
Sicherheit hat sich zu einem zentralen Wertebegriff demokratischer Gesellschaften entwickelt. Wie genau er zu definieren ist, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander, so die Politologen Christian Endreß und Nils Petersen. Ein Überblick über die verschiedenen Facetten der Diskussion.

Rostiges Vorhängeschloss an einem verfallenen landwirtschaftlichen Gebäude in Munster (Örtze), Deutschland.Rostiges Vorhängeschloss an einem verfallenen landwirtschaftlichen Gebäude in Munster (Örtze), Deutschland. (CC, Foto: Oxfordian Kissuth)

Sicherheit ist eine der wesentlichen Voraussetzungen aller Bereiche des öffentlichen Lebens sowie Grundbedarf aller natürlichen und sozialen Systeme. Als konstitutiver Bestandteil des demokratischen Staatsauftrages ist sie Basis für Handeln und Planen und eine enorme Herausforderung nicht nur bei der Abwehr extremer Gefahrenpotentiale wie Terrorismus oder Katastrophen. Obwohl sich viele Forschungsbereiche mit "Sicherheit“ auseinandersetzen und sie Bestandteil verschiedener Diskurse ist, bleibt sie begrifflich eine unklare Größe, die einem permanenten Wandel unterlegen ist.[1]

Bisher ist es der Politikwissenschaft nicht gelungen, eine abschließende bzw. wirklich zufriedenstellende Definition des Terminus Sicherheit zu finden. Das ist umso erstaunlicher, als er schon seit der Prägung des Begriffs der inneren Sicherheit in den 1960er-Jahren von zentraler Bedeutung ist. Die im angelsächsischen und amerikanischen Sprachraum gängige Unterscheidung zwischen Security (am ehesten mit "Angriffssicherheit“ gleichzusetzen) und Safety (am ehesten mit "Betriebssicherheit“ gleichzusetzen) findet im Deutschen keine Entsprechung. Allerdings reicht das simple Ausweichen auf englische Terminologien nicht aus, um die Vielfalt und Vielschichtigkeit des Begriffs der Sicherheit zu erfassen. Denn er war und ist einer spezifischen Prägung im deutschen Sprachraum ausgesetzt.

Die Schwierigkeit bei der Definition besteht darin, dass Sicherheit ein "catch-all-Begriff“ der modernen Welt[2] geworden ist. Das heißt, dass er mittlerweile in jeden lebensweltlichen Bereich Einzug gehalten hat und dadurch allgemein und übergreifend kaum zu fassen ist. Zugleich gehört Sicherheit beispielsweise in der (internationalen) Politik zu einem der umstrittensten Begriffe: Mit ihm wird über die Priorität politischer Ziele entschieden und über die Wahl der Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen.[3]

Unstillbares Sicherheitsbedürfnis



Der ständige Ruf nach Kompetenzerweiterung des Staates aufgrund ständig neuer "Bedrohungen“ stellt eine maßgebliche Konstante in der Sicherheitsdiskussion dar.[4] Er kommt sowohl von politischen als auch von administrativen Akteuren, die sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, auf Gefahren nicht hingewiesen zu haben. Dies führt zu dem Dilemma, dass der Ausbau von Sicherheit immer weitere Unsicherheiten erzeugt.[5] Permanente technische Innovationen, ein hohes Niveau im Bereich der alltäglichen Gefahrenabwehr, die selbstverständliche und jederzeitige Verfügbarkeit von Kommunikationsmitteln und hohe Rechtsstandards suggerieren zwar Sicherheit, sie bringen aber auch eine hohe Abhängigkeit mit sich und können – dem genannten Dilemma folgend – neue Unsicherheiten auslösen.[6]

Geradezu paradox erscheint, dass der Staat Opfer der eigenen Erfolge wird. Indem er für grundlegende Sicherheit sorgt und somit seiner hoheitlichen Aufgabe gerecht wird, schafft er weiter reichende Sicherheitsbedürfnisse der Gesellschaft. Der Staat erscheint immer weniger in der Lage, diese komplexen Bedürfnisse zu befriedigen. Er kann sie allerdings auch nicht abweisen, ohne die eigene Legitimationsgrundlage, also explizit die Gewährleistung von Sicherheit, zu untergraben.[7]

Anknüpfend daran kann die zentrale Aufgabe der Sicherheitsakteure nur darin bestehen, Unsicherheiten zu reduzieren. Dies umfasst zwei Dimensionen: zum einen die tatsächliche Unsicherheit, ausgelöst durch Gefahren und Risiken, zum anderen die "gefühlte“ Unsicherheit. Beiden Dimensionen versuchen die Akteure im Bereich der inneren Sicherheit zu begegnen.

Verschiedene Perspektiven



In der Forschung hat sich eine segmentierte Betrachtung der jeweiligen Politikfelder durchgesetzt. So besteht auch weiterhin eine klare Trennung zwischen den Forschungsgebieten der inneren[8] und äußeren[9] Sicherheit [10] (siehe dazu auch den Abschnitt zum "erweiterten Sicherheitsbegriff" weiter unten). Die Kriminologie nimmt sich der veränderten Wahrnehmung von Gefahren und Risikobewusstsein[11] an, die Soziologie untersucht die Auswirkungen dieses Wandels auf unsere Gesellschaften.[12] Die Rechtswissenschaft spricht zumeist von öffentlicher Sicherheit und beschreibt die Entwicklung des Sicherheitsrechts.[13] Innerhalb der Geschichtswissenschaft werden die sicherheitsrelevanten Epochen in innen- wie außenpolitischer Hinsicht untersucht.[14]

Auch wenn in der wissenschaftlichen Literatur in den letzten 40 Jahren über 9 000 deutsche Titel[15] allein zur inneren Sicherheit verfasst wurden, fehlt es bislang an einer integrativen Perspektive, die den Wandel von Sicherheit als einen Prozess versteht. Interdisziplinäre Betrachtungen haben sich erst in jüngerer Zeit durchgesetzt.

Zum Wandel des Sicherheitsbegriffs



Seit Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt sich die Tendenz seitens der Sicherheitsakteure, bei der Herstellung von Sicherheit, stärker auf zeitliche Begrifflichkeiten wie präventiv, präemtiv, reaktiv, proaktiv zurückzugreifen. So wurde beispielsweise die Bedrohungsabwehr zunehmend durch die Risikovorsorge abgelöst.[16] Diese Entwicklung ist keineswegs frei von Brüchen: Eher bürger- und präventionsorientierte Sicherheitskonzepte wurden immer wieder von Forderungen nach einem repressiv vorgehenden "starken Staat“ abgelöst, wie dies zuletzt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu beobachten war.[17] Die Gefahr oder Bedrohung wird dabei mal als latent, mal als manifest benannt.[18] Unterschiedliche Auffassungen zum Vorgehen des Staates gab es allerdings schon im 17. Jahrhundert, zu Zeiten der Philosophen und Vertragstheoretiker Thomas Hobbes und John Locke. Während Hobbes die Sicherheit des Staates in den Vordergrund stellte, stand für Locke das Individuum, das vom Staat beschützt werden müsse, im Fokus.

Sicherheit hat sich zu einem der zentralen, wenn nicht dem zentralen Wertebegriff demokratischer Gesellschaften entwickelt. Konkurrierten noch vor einigen Jahren die Begrifflichkeiten "Frieden“ und "Sicherheit“ um die Vorrangstellung in Parteiprogrammen und Strategiediskussionen, so ist "Sicherheit“ heute Ausgangspunkt jeglichen Handelns nationaler und internationaler Politik – unabhängig von parteipolitischer Couleur und Interessenslage. Dabei hat sich der Begriff längst auch auf andere Politikfelder ausgeweitet.[19] Die daraus resultierende sich wandelnde Wahrnehmung politischer Probleme hat auch maßgeblich zu einem Wandel der "Sicherheitskultur" geführt.[20]

Unbestritten ist Sicherheit ein individuelles und kollektives Grundbedürfnis, das sowohl durch die Gemeinschaft bedient als auch gemeinschaftlich befriedigt wird. Sicherheit bedeutet die Abwesenheit von Gefährdung sowie den Erhalt der psychischen und physischen Unversehrtheit "in einer das Überleben ermöglichenden Umwelt".[21] In Anbetracht der rasanten politischen und sozialen Entwicklungen der heutigen Zeit stellen der Wunsch und das Bedürfnis nach Sicherheit eine grundlegende Komponente moderner Gesellschaften dar.[22]


Fußnoten

1.
vgl. Endreß, Christian / Schattschneider, Leonard (2010): Was ist Sicherheit? Interdisziplinäre Betrachtung einer unklaren Begrifflichkeit, in: Notfallvorsorge, Walhalla Fachverlag, 2/2010, S. 8 - 9.
2.
Münkler, Herfried (2010), Strategien der Sicherung: Welten der Sicherheit und Kulturen des Risikos. Theoretische Perspektiven. In: Münkler, Herfried / Bohlender, Matthias / Meurer, Sabine (Hg.) (2010): Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert. Bielefeld, S. 22.
3.
vgl. Daase, Christopher (2002), Internationale Risikopolitik. In: Daase, Christopher / Feske, Susanne / Peters, Ingo (Hg.), Internationale Risikopolitik. Der Umgang mit neuen Gefahren in den internationalen Beziehungen. Baden-Baden, S. 9-35.
4.
vgl. Lange, Hans-Jürgen / Lanfer, Jens / Petersen, Nils (im Erscheinen): Was kann Politikwissenschaft für die Forschung im Bereich Innere Sicherheit leisten? In: Gerhold, Lars / Schiller, Jochen (Hg.): Perspektiven der Sicherheitsforschung. Beiträge aus dem Forschungsforum Öffentliche Sicherheit. Lang Verlag.
5.
vgl. Münkler (2010), S. 12.
6.
vgl. Reichenbach, Gerold /Wolff, Hartfrid u. a. (Hg.) (2008): Risiken und Herausforderungen für die Öffentliche Sicherheit in Deutschland, Szenarien und Leitfragen, Grünbuch des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit, ProPress Verlagsgesellschaft. Berlin/Bonn.
7.
vgl. Daase, Christopher (2010): Wandel der Sicherheitskultur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, APuZ 50/2010, S. 9 - 16.
8.
Bspw. Lange, Hans-Jürgen / Ohly, H. Peter / Reichertz, Jo (Hg.) (2009): Auf der Suche nach neuer Sicherheit. Fakten, Theorien und Folgen, 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften; Knelangen, Wilhelm (Hg.) (2001): Das Politikfeld innere Sicherheit im Integrationsprozess. Die Entstehung einer europäischen Politik der inneren Sicherheit, Leske und Budrich Verlag, Opladen; Lange, Hans-Jürgen (Hg.) (1999): Innere Sicherheit im Politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Leske und Budrich Verlag, Opladen.
9.
Bspw. Buzan, Barry / Waever, Ole / de Wilde, Jaap (Hg.) (1998): Security. A New Framework for Analysis, Lynne Rienner Publishers, Boulder, CO.
10.
vgl. Daase, Christopher (2011): Sicherheitskultur – Ein Konzept zur interdisziplinären Erforschung politischen und sozialen Wandels, in: Sicherheit und Frieden (S+F), 2/2011, 29. Jahrgang, S.59 - 65.
11.
Bspw. Dinges, Martin / Sack, Fritz (Hg.) (2000): Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter zur Postmoderne, UVK Universitätsverlag, Konstanz.
12.
Bspw. Gronemeyer, Axel (Hg.) (2010): Wege der Sicherheitsgesellschaft. Gesellschaftliche Transformation der Konstruktion und Regulierung innerer Unsicherheiten, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden; Mempel, Leon / Krasmann, Susanne / Bröckling, Ulrich (Hg.) (2010): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Leviathan Sonderheft 25/2010.
13.
Bspw. Kötter, Matthias (Hg.) (2008): Pfade des Sicherheitsrechts. Begriffe von Sicherheit und Autonomie im Spiegel der sicherheitsrechtlichen Debatte der Bundesrepublik Deutschland, Nomos Verlag, Baden-Baden.
14.
Bspw. Conze, Eckart (Hg.) (2009): Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, Siedler Verlag, München.
15.
Ohly, H. Peter (2008): Die Innere Sicherheit im Spiegel der deutschsprachigen Literatur, in: Lange, Hans-Jürgen / Ohly, H. Peter / Reichertz, Jo (Hg.): Auf der Suche nach neuer Sicherheit. Fakten, Theorien und Folgen, 1. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 377 - 392.
16.
Vgl. Daase (2010).
17.
Vgl. Lanfer, Lange, Petersen (2012).
18.
Frevel, Bernhard (2007): Sicherheit gewähren – Freiheit sichern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 12/2007, S. 3.
19.
Vgl. Gusy, Christoph (2010): Vom neuen Sicherheitsbegriff zur neuen Sicherheitsarchitektur, in: Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik, 101. Band, Heft 3.
20.
Vgl. Daase (2010).
21.
Bockenförde, Stephan (2009): Die Veränderung des Sicherheitsverständnisses, in: Böckenförde, Stephan / Gareis, Sven B. (Hg.): Deutsche Sicherheitspolitik, Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, S. 11 - 44.
22.
vgl. Glaeßner, Gert-Joachim (2002): Sicherheit und Freiheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 10 - 11 / 2002, S. 3 - 13.

 

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