Überwachungskamera

14.6.2012 | Von:
Manfred Bornewasser

Kriminalitätsfurcht

Ein Phänomen mit abnehmender Bedeutung?

Die Ursachen für Kriminalitätsfurcht sind vielfältig und lassen sich auf individueller, nachbarschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene finden. In Deutschland nimmt die Kriminalitätsfurcht seit vielen Jahren ab. Dennoch gibt es zahlreiche Überlegungen, wie das subjektive Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung verbessert werden kann.
Ein Grafitti-Tag, aufgenommen am Dienstag (12.10.2010) an einer U-Bahn-Rolltreppe in Berlin. Foto: Florian Schuh
pixelEin Grafitti-Tag an einer U-Bahn-Rolltreppe in Berlin. (© picture-alliance/dpa)



Soziale und personale Kriminalitätsfurcht

Kriminalitätsfurcht bezeichnet das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen. Diese Furcht ist grundlegend in zwei Formen zu unterscheiden: [1]

Die soziale Kriminalitätsfurcht richtet sich auf die Wahrnehmung von Bedrohungen des Gemeinwesens und kann sich in Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger zu Strafe, dem Strafsystem und Institutionen der strafrechtlichen Kontrolle widerspiegeln. Sie erfasst, in welchem Ausmaß sich die Bürgerinnen und Bürger Sorgen über die Entwicklung der inneren Sicherheit und der Kriminalität im Allgemeinen machen.

Die personale Kriminalitätsfurcht hingegen bezeichnet die individuellen Befürchtungen der Bürgerinnen und Bürger, selbst Opfer einer Straftat zu werden. Hier soll also erfasst werden, in welchem Ausmaß sich der Einzelne durch Kriminalität bedroht fühlt [2]. Dabei werden drei Elemente der personalen Kriminalitätsfurcht zusammengefasst:
  1. die emotionale Reaktion auf antizipierte, als bedrohlich empfundene kriminelle Ereignisse (affektiv),
  2. die Einschätzung des persönlichen Risikos, Opfer einer Straftat zu werden (Viktimisierungsangst) (kognitiv) und
  3. das Verhalten zur Vermeidung oder zum Schutz vor Kriminalität (konativ).
Vor allem die erlebte persönliche Unsicherheit kann die Lebensqualität senken, zu einem Rückzug der Bürgerinnen und Bürger aus öffentlichen Räumen führen und damit die informelle Sozialkontrolle verringern [3].

Politische, polizeiliche und soziale Maßnahmen, die auf eine Verbesserung der subjektiven Sicherheit der Bürger abzielen, sind demnach sinnvoll, wenn übersteigerte Viktimisierungsängste zu realistischen Risikoeinschätzungen reduziert werden können. Ein absolutes Gefühl der Sicherheit kann jedoch niemals erreicht werden. Es ist wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger ein Furchtniveau erreichen, das dem tatsächlichen Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, angemessen ist [4].

Messprobleme

Die Erfassung von Kriminalitätsfurcht ist methodenabhängig und auf vielfältige Weise möglich. So überschätzt der weit verbreitete Standardindikator, der mit nur einer Frage das individuelle Sicherheitsempfinden erhebt ("Wie sicher fühlen Sie sich, wenn Sie nach Einbruch der Dunkelheit allein in Ihrer Wohngegend unterwegs sind?"), die tatsächliche personale Kriminalitätsfurcht generell als auch für bestimmte Teilgruppen wie Ältere und Frauen [5]. Weitere Kritiken betreffen den fehlenden expliziten Bezug zu Kriminalität, den immer wieder nur hypothetischen Bezug auf Simulationen von Abläufen oder vorgestellten Situationen als auch das uneinheitliche Verwenden verschiedener Antwortformat (Häufigkeitsabfragen, Intensität des Furchtgefühls, Rangbewertungen). Um diese Messprobleme abzumildern wird empfohlen, Kriminalitätsfurcht deliktspezifisch zu erfassen und z.B. auf Einbruch, Raub, sexuelle Übergriffe etc. zu beziehen.

Auch bei der Erhebung der sozialen Kriminalitätsfurcht zeigt sich die teilweise Abhängigkeit der Ergebnisse von der Messmethode. So wird Kriminalität häufiger als wichtiges politisches Problem angesehen, wenn es auf einer Liste mit anderen Problembereichen zur Bewertung vorgegeben wird. Ist das Antwortformat offen und sollen die wichtigsten Problembereiche der Politik durch die Befragten selbst frei genannt werden, reduziert sich die wahrgenommene Wichtigkeit von Kriminalität als gesellschaftliches Problem bedeutsam [6].

Kriminalitätsfurcht in Deutschland auf historischem Tiefstand

Nach Angaben des zweiten periodischen Sicherheitsberichts des Bundesinnenministeriums aus dem Jahre 2006 nimmt die Kriminalitätsfurcht in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre stetig ab und erreicht aktuell einen historischen Tiefstand seit der Wiedervereinigung. Die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich zunehmend sicherer. Sowohl die soziale als auch die personale Kriminalitätsfurcht in Deutschland liegen im Vergleich unter dem europäischen Durchschnitt. Nach den Ergebnissen internationaler Studien ist Deutschland hinsichtlich der Risikoeinschätzung in der Bevölkerung, selbst Opfer einer Straftat zu werden, eines der sichersten Länder Europas [7]. Anstelle der Kriminalität rücken andere Sorgen wie Arbeitslosigkeit, Gesundheitsversorgung und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund. Diese erreichen jedoch nur teilweise das Niveau der Kriminalitätsfurcht.

Abbildung 1: Wie sicher fühlen Sie sich?Abbildung 1: Wie sicher fühlen Sie sich? Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de
Eine aktuelle Studie des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekts "Kooperative Sicherheitspolitik in der Stadt" kann das hohe subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland bestätigen. Bei der Befragung von knapp 4.000 Menschen zeigte sich, dass sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sowohl tagsüber als auch nachts sicher fühlt. Die Befragten gaben jedoch ein leicht reduziertes Sicherheitsgefühl in der Nacht gegenüber dem Sicherheitsgefühl am Tag an (Abbildung 1).

Abbildung 2: Wenn Sie an die nächsten zwölf Monate denken, wie sehr befürchten Sie...Abbildung 2: Wenn Sie an die nächsten zwölf Monate denken, wie sehr befürchten Sie... Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de
Bei der deliktspezifischen Auswertung der Kriminalitätsfurcht stellte sich zudem heraus, dass die Befragten vor keiner speziellen Straftat Angst haben (Abbildung 2, Bornewasser & Köhn, 2010).

Wie entsteht Kriminalitätsfurcht?

Das gesellschaftliche Phänomen der Kriminalitätsfurcht ist komplex; bei seiner Erklärung sind vielfältige Ursachen zu berücksichtigen. Verschiedene Theorien haben aus unterschiedlichen Perspektiven versucht, das Entstehen von Kriminalitätsfurcht zu erforschen. Gegenwärtig lassen sich drei Erklärungsansätze auf der Individualebene (Mikroebene), im Nachbarschaftskontext (Mesoebene) und auf der gesellschaftlichen Ebene (Makroebene) unterscheiden.

Fußnoten

1.
vgl. Boers, K. (1991): Kriminalitätsfurcht – Über den Entstehungszusammenhang und die Folgen eines sozialen Problems. Pfaffenweiler.
2.
Gabriel, U. & Greve W. (2003): The Psychology of Fear of Crime: Conceptual and Methodological Perspective. British Journal of Criminology. 43. 600-614.
3.
vgl. Boers (1991)
4.
Görgen, T. (2011): Subjektives Sicherheitsempfinden als Handlungsmaxime? Vortrag auf der Meilensteinkonferenz des BMBF-geförderten Projekts "Kooperative Sicherheitspolitik in der Stadt" 13./14.Juli 2011. Münster.
5.
vgl. Greve, W., Hosser, D. & Wetzels, P. (1996): Bedrohung durch Kriminalität im Alter. Baden Baden; Sutton, R. M. & Farrall, S. (2005): Gender, Socially Desirable Responding and the Fear of Crime. Are Women Really More Anxious about Crime? British Journal of Criminology. 45. 212–224.
6.
Bundesministerium des Innern und Bundesministerium der Justiz (Hg.) (2006): Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht. Berlin.
7.
Eurobarometer (http://ec.europa.eu/public_opinion/index_en.html), Angststudie der R+V Versicherung (http://www.ruv.de/de/presse/r_v_infocenter/studien/aengste-der-deutschen.jsp)

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