Pressekonferenz Wahl-O-Mat

25.5.2011

Bildung gerecht gestalten

Eröffnungsrede zum Kongress "Chancen eröffnen - Begabungen fördern: Bildung gerecht gestalten" vom 19. - 20.05.2011 in Berlin

Entscheidend für den Bildungserfolg ist die Unterstützung und Förderung der Kinder durch die Eltern. Aber viele Elten sind heute unsicher, wie sie ihrer Elternrolle in diesem Bereich gerecht werden können. Der Großteil der Eltern ist davon überzeugt, dass ihnen für den Bildungserfolg eine entscheidende Rolle zukommt. So sehen sie sich selbst großem Druck ausgesetzt, keine Chance bei der optimalen Förderung ihres Kindes auszulassen. 75 Prozent der Eltern bewerten den Schulabschluss ihres Kindes als sehr wichtig. Fast 40 Prozent der Eltern helfen darum auch ihren Kindern bei den täglichen Hausaufgaben. Doch ein Fünftel der Kinder werden von ihren Eltern kaum gefördert. Dies trifft vor allem für Eltern in den sozial schwächeren Milieus zu. Hier hat die Gesellschaft ohne Frage eine große Verantwortung. Die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit ist ein wichtiger Aspekt, ein anderer ist die Frage, welche konkrete Unterstützung gerade den Eltern zukommen muss, die mit den Ansprüchen an sogenannte "gute Elternschaft" völlig überfordert sind. Wir werden auf diesem Kongress über die Elternrolle in der Bildung sprechen und ich bin sicher, dass es zu lebhaften Diskussionen kommen wird.

Wie die erwähnte Allensbach Umfrage zeigt, wünschen sich heute 64 Prozent der Eltern von Schulkindern die Ganztagsschule. Von ihr erhoffen sie sich einerseits eine Entlastung, andererseits auch eine bessere Förderung der Kinder. Ganztagsschulen gibt es inzwischen in allen Bundesländern, die ideologischen Vorbehalte, die lange Jahre die Diskussion um die Einführung der Ganztagsschule geprägt haben, scheinen weitestgehend verschwunden. Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" hat hier offenbar dazu beigetragen, dass der Anteil der Ganztagsschulen an den insgesamt ca. 42.000 Schulen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Fast jede zweite Schule des Primarbereichs und des Sekundarbereichs I arbeitet inzwischen als Ganztagsbetrieb, vornehmlich in offener Form. Und etwa ein Viertel der Schülerinnen und Schüler nutzen diese Angebote der Ganztagsschulen. Es wird abzuwarten sein, ob hier auch eine neue Lernkultur sichtbar wird, von der Impulse für eine bessere Bildungsqualität ausgehen können. Eine bessere individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes steht aber im Fokus und die Angebote, die es in vielen Schulen gibt, sind eindrucksvoll – neben den klassischen schulischen Lernangeboten gibt es eine Vielzahl an kulturellen, sportlichen und musischen Angeboten. Ich selbst bin besonders von den Kulturschulen beeindruckt, die sich der künstlerischen Förderung und Vermittlung widmen. Gleichwohl gibt es noch einen großen Bedarf an Verbesserungen. Darüber wird während des Kongresses zu sprechen sein, wobei hier nicht allein die Forderung nach mehr finanziellen Mitteln im Vordergrund stehen sollte. Angesichts der sehr unterschiedlichen Umsetzung in den Bundesländern wird zu fragen sein, ob allgemein verbindliche Standards vereinbart werden können. Es wird auch zu diskutieren sein, welche pädagogischen Konzepte notwendig sind, um im Schulalltag mehr Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen.

Ein großes Problem für viele Jugendliche, die die Hauptschulen besuchen, ist der Übergang in das Berufsleben. Auch wer seinen Schulabschluss geschafft hat, kann ja keineswegs gewiss sein, den gewünschten Ausbildungsplatz zu finden. Der Übergang in die berufliche Bildung ist für viele junge Menschen nach wie vor unsicher - für Jugendliche mit Migrationshintergrund noch problematischer als für deutsche. Von den deutschen Jugendlichen ohne Hauptschulabschuss gelangen derzeit (Integrationsbericht 2010) drei Viertel nur in das Übergangssystem zwischen Schule und Beruf, mit Hauptschulabschluss ist es etwa die Hälfte. Bei den ausländischen Jugendlichen ohne Abschluss sind es 88 Prozent, mit Abschluss 67 Prozent. Dieser Befund ist problematisch. Schon unter demografischen Gesichtspunkten kann es sich unsere Gesellschaft nicht leisten, viele tausend Jugendliche nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und wie sollen diese Jugendliche, die offenbar nicht gebraucht werden, Zuversicht für ihre Zukunft gewinnen und Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen? Wir werden darüber diskutieren, welche Wege beschritten werden können, um gerade sozial benachteiligten Jugendlichen den Einstieg in das Berufsleben zu eröffnen. Es gibt vielfältige Ansätze, die vermutlich nicht zuletzt auch ein Umdenken bei den Unternehmen notwendig machen.

Neben der Schule spielen auch die vielfältigen außerschulischen Lernorte eine wichtige Rolle im Bildungsalltag der Kinder und Jugendlichen. Hier können sie ihre vielfältigen Talente und Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, erleben, was in ihnen steckt. Sie lernen spielerisch, erkundend und mit Spaß. Die Chancen des informellen Lernens nicht zuletzt für die Persönlichkeitsbildung der Jugendlichen können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche, die beim formellen Lernen oftmals vor allem Scheitern und Versagen erleben, machen Selbstwerterfahrungen, finden Anerkennung und Ermutigung. Dass für erfolgreiche Angebote erhebliche Anstrengungen von Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern unternommen werden müssen, steht außer Frage. Wir werden bei diesem Kongress etwas über die Bedeutung der Lernumgebung für den Bildungserfolg hören und die Chancen diskutieren, die sich aus diesen Bildungserfahrungen für das schulische formelle Lernen ergeben.

Wie kann mehr Bildungsgerechtigkeit geschaffen werden? Indem Chancen eröffnet werden, Begabungen gefördert und – ganz allgemein - Bildung gerecht gestaltet wird. Um Gerechtigkeit zu erreichen, braucht es harte Arbeit: intellektuelle Arbeit und taktische Arbeit. In Afrika gibt es das Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. In der Tat! Und dies gilt keineswegs nur dort – auch bei uns braucht es viele Dörfer und Städte, ja die Talente und Anstrengungen der ganzen Gesellschaft, um das Projekt Bildungsgerechtigkeit voranzubringen. Wir alle müssen unseren Beitrag dazu leisten, denjenigen, die bislang oftmals von den Chancen und Möglichkeiten unseres Landes ausgeschlossen sind, den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu ebnen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen für diesen Kongress lebhafte Diskussionen, interessante Begegnungen und anregende Impulse für die Arbeit, die vor uns liegt.

- Es gilt das gesprochene Wort -


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