"Museum und Öffentlichkeit - Perspektiven für eine kulturelle Bildungsarbeit im 21. Jahrhundert"
Magdeburg
9.5.2011
Die Politische Bildung hat erkannt, dass die Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen mit den authentischen Artefakten aus Kunst, Geschichte, Kultur, Technik und Natur in der Atmosphäre des Museums wichtiger Bestandteil eines kreativen Bildungsprozesses ist, der zu ihrer kulturellen und politischen Bildung beitragen kann.
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Rodekamp,
sehr geehrte Frau Pfeiffer-Poensgen,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Trümper,
(Dank an die Stadt Magdeburg für den wunderbaren Veranstaltungsort)
ich freue mich sehr, dass Sie mich eingeladen haben, an so prominenter Stelle beim Jahrestag des Deutschen Museumsbundes zu sprechen. Ich bin dieser Aufforderung gerne gefolgt, da die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb in den vergangenen Jahren versucht hat, in Sachen politischer und kultureller Bildung neue Wege zu beschreiten. Dafür haben wir kompetente Partner und Vorbilder – also "Komplizen" - gesucht und sind in der Museumsszene mehr als fündig geworden. Die Fachbereiche innerhalb der Bundeszentrale, die sich mit politischer Bildung an der Schwelle zur kulturellen Bildung beschäftigen, beobachten die Bildungsinitiativen, die experimentellen Modellprojekte, die öffentlichen Stellungnahmen aus der Museumsszene mit großem Interesse.
In vielen Projektkontexten sind Bildungspartnerschaften eingegangen worden. Der Deutsche Museumsbund, die bpb und drei weitere wichtige Institutionen [1] unterhalten gemeinsam das bundesweite Netzwerk schule@museum, dem es gelungen ist, für seine Schule-Museums-Kooperationen in 15 Bundesländern hochkarätige Bildungspartner aus der Museumslandschaft zu gewinnen, die sie bei ihrer Projektarbeit beraten und unterstützen. Dazu gehören etwa das Kunstmuseum Wolfsburg, das Deutsche Hygiene-Museum Dresden, das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das Ruhr-Museum und die Klassik-Stiftung Weimar, um nur einige zu nennen. Für diese Unterstützung möchte ich mich heute auch gerne einmal persönlich bedanken, denn sie ist nicht selbstverständlich. Schülerinnen, Schüler und ihre Pädagogen erfahren in ihren kleinen selbstkonzipierten Projekten, die sie mit ihren engagierten, aber oftmals finanziell unterausgestatteten Museums-Tandempartnern vor Ort über zwei Jahre durchführen, eine Wertschätzung und Begleitung, die sie mit Freude und Stolz erfüllt. Neben den engagierten Museumspädagogen sehen – so meine Erfahrung - auch die Leiter/innen und Direktor/innen der Häuser die kulturelle Bildung zunehmend als "Chefsache" (Titel der DMB-Tagung 2009 in Stralsund "Chefsache Bildung").
Wir als politische Bildner haben erkannt, dass die Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen mit den authentischen Artefakten aus Kunst, Geschichte, Kultur, Technik und Natur in der Atmosphäre des Museums wichtiger Bestandteil eines kreativen Bildungsprozesses ist, der sowohl zu ihrer Persönlichkeitsbildung als auch zu ihrer kulturellen und politischen Bildung beitragen kann. Eine erfolgreiche Teilhabe an den kulturbezogenen Kommunikationen und Lernprozessen, wie sie in den Kultureinrichtungen unserer Gesellschaft stattfinden kann, stärkt die gesellschaftliche Kompetenz von jungen Menschen. Ist die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit den Kulturprodukten und dem kulturellen Erbe ihrer Gesellschaft nachhaltig, so dient sie auch dem Ziel, eine Beziehung zwischen eigener Herkunft, Gegenwart und Zukunft herzustellen, die sich an selbst entwickelten Maßstäben orientiert. Die aktive Auseinandersetzung mit Museumsgütern betrachten wir als wertvollen Beitrag zur Entwicklung der persönlichen und der sozialen Identität.
Ich will meiner Rede vorausschicken, dass ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, dass wir die richtigen Fragen stellen, unsere Potentiale kennen und auch begonnen haben, die Schwachpunkte und Defizite unserer Arbeit kritisch unter die Lupe zu nehmen, um uns auf neue Wege zu begeben. Das ich dies für nötig halte, möchte ich an einem einführenden Beispiel illustrieren:
Themenaufriss / Einführung
- Worum soll es gehen?
Eine Idee der bpb war, dass die Schüler/innen lernen, ihre Ausstellung mithilfe eines Ausstellungsarchitekten selbst zu gestalten, den Ablauf der Eröffnungsveranstaltung selbst zu planen (z.B. Redner einladen, Musik machen, Tanz vorführen, die Ausstellung mit Führung zu begleiten, Texttafeln vorbereiten). Außerdem sollten Sie die Bewerbung der Ausstellung samt Pressearbeit selbst in die Hand nehmen – mit Unterstützung natürlich - und dabei verrückte Ideen zum Einsatz bringen können, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Das gesamte Vorhaben wurde in Form von World-Cafés mit den ca. 85 Schüler/innen während eines ganzen Tages geplant. Dabei zeigte sich, dass die Jugendlichen relativ wenig Ideen hatten, wie sie ihre Ausstellung öffentlichkeitswirksam präsentieren und bewerben können. Auf die Frage "Wie müsste eine Ausstellung sein oder beworben sein, damit DU hingehst?", "Wann würde Dich eine Ausstellung interessieren?" antworteten einige: "Ich weiß nicht; ich war noch nie in einer Ausstellung."
Diese Antwort böte hinreichend Anlass zu allen Facetten von Kulturpessimismus, von Ursachenanalysen, Schuldzuweisungen etc. Das Hauptproblem, das sich allerdings für mich daraus ergibt, besteht darin, dass diesen Jugendlichen eine mögliche Quelle von Zugängen zur Welt, zur Gesellschaft und möglicherweise zu sich selbst bisher verschlossen geblieben ist. Das Museum, als nahezu unendliche Quelle von Geschichten, die diesen Jugendlichen erzählt werden könnten, hat diese nicht erreicht oder ist von diesen nicht erreicht worden. Wir sind uns alle im Klaren darüber, dass das Problem noch nicht behoben ist, indem beispielsweise die Schule einen Museumsbesuch organisiert. Das, was uns das Museum – jetzt mal pauschal gesagt – so schätzenswert macht, ist nämlich nicht durch punktuelle und oberflächliche Stippvisiten zu entdecken. Im Gegenteil muss meist ein langer und oftmals mühseliger kommunikativer Prozess durchlaufen werden, bevor das Museum als "glücklicher" Ort erfahren und angeeignet werden kann.
Muss sich also das Museum als Ort sozialen Erlebens, als Archiv der gesellschaftlichen Erinnerung, als Speicher wissenschaftlichen Know-hows, als Hangar voller Wissen auf die Kommunikation mit dem dafür auf einfache Weise zugänglichen, d.h. bildungsbürgerlichen Teil der Gesellschaft, beschränken? Was ist bzw. wer bildet heute Öffentlichkeit? Mit wem haben wir es zu tun, wenn wir unsere öffentliche und unsere Bildungsfunktion wahrnehmen wollen? Ich sage WIR, weil hier die Parallelen zwischen der Arbeit der Museen und der der politischen Bildungsinstitutionen offensichtlich werden, wegen denen ich vermutlich auch gebeten wurde, Ihnen heute Abend einige Anregungen aus dem Erfahrungsbereich der politischen Bildung zu geben. Wir haben einen Bildungsauftrag, wir finanzieren uns aus öffentlichen Geldern und wir arbeiten für eine Öffentlichkeit, die uns zum einen in weiten Teilen nicht mehr automatisch hinterherläuft und zum anderen aufgrund unterschiedlichster Ursachen nicht einmal mehr in herkömmlicher Weise "öffentlich" ist. Zumindest müssen wir davon ausgehen, dass es "die Öffentlichkeit" nicht mehr gibt, sondern mehrere Öffentlichkeiten untenschiedlichsten Charakters.
[1] Bundesverband für Museumspädagogik BVMP, BDK – Fachverband für Kunstpädagogik, Stiftung Mercator
[2] JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27, Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität, Haus der Kulturen der Welt
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