Pressekonferenz Wahl-O-Mat

22.7.2002

Kulturelle Bildung

Eine Antwort auf die neuen Herausforderungen politischer Bildung

Der gesellschaftliche Wandel - das neue Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft - hat Auswirkungen sowohl auf Praxis von Politik als auch auf Interesse an Politik. Thomas Krüger leitet daraus in seiner Rede über Kulturelle Bildung die Zielrichtung, die Inhalte und die Methoden für politische Bildung ab.

Eröffnung des Kongresses "KULTUR leben lernen. Kulturelle Bildung für die Mediengener@tion" München, 25. - 28. Oktober 2001

(Es gilt das gesprochene Wort)

Eine der bedeutsamsten Folgen fortgeschrittener Modernisierung ist ein verändertes Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Die allbekannten Schlagworte "Individualisierung" und "Pluralisierung" kennzeichnen dieses Verhältnis nur unzureichend. Ich greife drei Punkte heraus, die unbestrittene Phänomene der letzten zwanzig Jahre sind. Sie sind uns gegenwärtig so unübersehbar geworden, dass sie Ausgangspunkt jeglicher Überlegungen über das sein müssen, was "Bildung" heute bedeuten kann:

  • Konstatiert wird eine "Enttraditionalisierung" - die tendenzielle Auflösung überlieferter und allgemeiner Sinn- und Verpflichtungssysteme. "Gesellschaftlicher Grundkonsens" oder "Wertekanon" sind Begriffs-Dinosaurier einer veralteten politischen und pädagogischen Diskussion. Es gibt keinen Konsens politischen Fortschritts mehr, weder gesamtgesellschaftlich noch innerhalb von Gruppen oder Milieus. Es gibt kein allgemein akzeptiertes "gesellschaftliches Reformprojekt" (Diethelm Damm) mehr, mit dem Menschen Hoffnungen auf eine Verbesserung der allgemeinen wie der eigenen Lebensgestaltung verbinden könnten. Yvonne Fritzsche konstatiert in der Shell-Studie für die nachwachsende Generation daher auch keinen Wertewandel, allerdings auch keinen Werteverlust, sondern vielmehr eine "Inflation am Wertehimmel": "Es scheint, als seien "Werte" zu (lebens-)situationsabhängigen Konzepten mutiert und hätten als situationsübergreifende und überindividuelle Entscheidungshilfen und Verhaltensprädiktoren ausgedient". Die Bewertung von Bedürfnissen, Handlungsoptionen, sozialen Strukturen, die Perspektiven der Lebensgestaltung wie auch die Kontrolle von Risiken werden zunehmend individuell erledigt und bedürfen scheinbar keines umfassenden, politisch oder gesellschaftlich sanktionierten Entwurfs mehr. Dies verlangt vom Einzelnen ein hohes Maß an "Selbstmanagement". Er steht immer weniger vor der Lebensaufgabe, die Bedürfnisse individuellen Lebens mit gesellschaftlichen Normen und Anforderungen zu vermitteln, sondern hat viel mehr alle Hände voll zu tun, aus dem scheinbaren Überangebot an Möglichkeiten immer neu die Kohärenz seiner eigene Lebensgeschichte herzustellen.

  • Parallel und zusätzlich dazu ist ein hoher Verfallswert und eine wachsende Komplexität von Wissen und Sachverhalten festzustellen. Es wird geschätzt, dass sich das gesamte Wissen der Menschheit mittlerweile alle fünf bis sieben Jahre verdoppelt. Diese Beschleunigung des Wissenszuwachses entwertet sowohl traditionelle Bestände wie gefundenes Einvernehmen. Es entsteht eine - oft sich widersprechende - Pluralität von Wahrheiten und eine "Pluralität von Sinngebungen, Situationsdefinitionen und sozialen Wirklichkeiten" (Klaus Wahl). Da aber eine als allgemein akzeptierte Bewertungsinstanz fehlt und traditionelle wie weltanschauliche Standpunkte keine Integrationskraft mehr haben, bleibt als Maßstab die Perspektive des Einzelnen übrig. Ersatzweise die der Medien, wie wir in diesen Tagen wieder deutlich erkennen können. Die "Wirklichkeit" der Weltpolitik ist zurzeit ja fast immer eine CNN-Aufnahme. Der Einzelne aber steht nahezu ungeschützt dieser universalen Informationsüberflutung und Medialisierung gegenüber. Mediale Bilder und Aussagen scheinen die Realität geradezu zu ersetzen. Dabei wird die Unterscheidung, was "richtig" und "falsch", "wahr" oder "unwahr" ist, zum individuellen Einschätzungs-Problem und mehr als schwierig.

  • Zu den bis hierher konstatierten Eckpunkten einer sogenannten Spätmoderne kommt eine inzwischen ins öffentliche Bewusstsein dringende Globalisierung. Damit meine ich nicht die Verkürzung von Reise- und Informationswegen, Migrationbewegungen oder multikulturelle Verflechtungen, obwohl diese natürlich ebenfalls unsere Gegenwart prägen. Ich meine die hochkomplexe, teilweise sogar undurchschaubare Globalität der Finanzströme, die grenzenlose Ökonomie. Unter den hundert größten Ökonomien der Welt sind nur 49 Länder, die anderen 51 sind privatwirtschaftliche Unternehmen. Leicht ausdenken, wie die bewusste oder unbewusste Lenkung von Finanzströmen ganze Staaten in Abhängigkeit bringen kann. Die Überzeugung, man lebe in einem demokratischen Staat, einem souveränen Gemeinwesen, dessen Strukturen, Institutionen und Bedarfsbefriedigung qua politischer Entscheidungen, unter, wenn auch indirekter, Beteiligung seiner Bürgerinnen und Bürgern bestimmt werde, gerät angesichts solcher Szenarien schnell ins Wanken. Diese Vorstellung ist längst Alltag für die Länder der sogenannten 3. Welt, deren innere Steuerung an den Marionettenfäden der Wirtschaftsmächte hängen. Der Eindruck, diffus abhängig, "ferngesteuert" zu sein, rückt jedoch auch bei uns immer mehr ins Alltagsbewusstsein - So seit einigen Wochen in das der Mitarbeiter von Opel in Bochum, deren Arbeitsplatz nicht mehr von ihrer eigenen Produktivität vor Ort, sondern von davon unabhängigen Entscheidungen der General Motors-Unternehmensführung abhängt.

    Diese theoretischen Diagnosen, übrigens teilweise bereits 20 Jahre alt, sind längst an den Einstellungen, Meinungen und Verhalten eines jeden Einzelnen beobachtbar. Der gesellschaftliche Wandel - das neue Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft - hat Auswirkungen sowohl auf die Praxis von Politik als auch auf das Interesse an Politik und damit auf die Zielrichtung, Inhalte und Methoden politischer Bildung. Vor allem folgende Phänomene sind dabei von Bedeutung, die die politische Bildung vor neue Herausforderungen stellen:

  • Es besteht ein grundlegendes Misstrauen gegenüber eindimensionalen Erklärungsmustern, institutionalisierten Entscheidungsverfahren oder Handlungsbegründungen. Die Tatsache, dass etwas "immer so war" ist genauso wenig ausreichend wie der Verweis auf transpersonale, "übergeordnete" Notwendigkeiten oder bestehende Strukturen. Gesellschaftliche und politische Institutionen geraten damit unter Legitimationszwang. Die quer durch alle Bevölkerungsgruppen festzustellende "Politikverdrossenheit" ist Ausdruck grundsätzlicher Skepsis gegenüber etablierten Politik- und Beteiligungsformen und gegenüber den etablierten Akteuren. Der allgemeine Rückgang der Beteiligung an Wahlen, die schwindende Mitgliederschaft der Parteien, das alles lässt sich als Defizit beklagen, das den Niedergang der Demokratie befürchten lässt. Man kann diese Einstellung aber auch als sehr aktive und "hochpolitische Politikverleugnung" werten, wie Ulrich Beck dies tut und als Reklamation des "mündigen Bürgers", der sein Schicksal nicht den als lebensweltfern, unsolidarisch und gar korrupt empfundenen Mächten überlassen möchte. Stimmt man dem zu, dann wäre als Konsequenz politischer Bildung nicht die Rehabilitation und Rechtfertigung bestehender Institutionen angesagt, sondern die Entwicklung und Erprobung alternativer Meinungsbildungs-, Beteiligungs- und Entscheidungsmodelle, einer neuen "Partizipationskultur" (Hurrelmann).

  • Die schnelle Verfallszeit von Wissen, die Komplexität und Polyvalenz von gesellschaftlichen Zusammenhängen, des Widerstreits der Meinungen, kurz, die stetigen Kontingenzerfahrungen sowie die daraus resultierenden unsicheren Zukunftserwartungen bringen Orientierungsprobleme hervor. Entsprechend steigt der Anspruch auf Erklärung, auf Transparenz und Richtungsweisung. Wo Einschätzungen schwierig sind, wo sich aber jede und jeder die eigene Meinung bilden und entscheiden soll und muss, da wird Vermittlung verlangt. Ob es die Riesterrente, das Computerprogramm oder die neuen Bahnpreise sind, ihre Güte wird auch gemessen an Kategorien wie Angemessenheit, Verständlichkeit und Zugänglichkeit. Für die Bürger, erst recht jugendliche, die skeptischer, auch überforderter geworden sind, werden komplexe Szenarien erst akzeptabel durch eine attraktive Benutzeroberfläche. Politische Bildung, die sich als Expertenkultur vom Alltagswissen abhebt, verfehlt diese Kriterien. Statt dessen müssen Vermittlungswege gefunden werden, die dem Einzelnen den Zugang zu politischen Fragestellungen erleichtern, indem sie diese an dessen Alltag und Lebenserfahrungen anbinden und ihm das Recht zugestehen, Kompliziertes als "zu kompliziert" abzuwerten. - Besinnt man sich auf einen pädagogischen Uralt-Begriff ist dies die nicht eben unbotmäßige Forderung nach "didaktischer Reduktion".

  • "Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden", hat Einstein gesagt, "aber nicht einfacher". Das oben Gesagte ist nicht als Plädoyer für Plattheiten oder einfache Botschaften zu verstehen. Die Menschen wollen echte Meinungsbildungsprozesse, echte Argumente, unmittelbare Bezüge auf ihre Lebenssituation. Sie erleben und beklagen viele Aktivitäten und Entscheidungen "offizieller" Politik subjektiv als das Gegenteil: als vordergründigen Aktionismus, als Symbolhandeln. Die Menschen wollen politische Entscheidungen, die ihre Situation verbessern - und zwar unmittelbar und konsequent. Aber in der Mehrheit verwechseln sie Einfachheit nicht mit Billiglösungen. Mit einem "schönem Schein" muss politische Bildung daher nicht konkurrieren. Im Gegenteil: Sie muss die Irritationen, Brüche, Ambivalenzen und Unschärfen ernst nehmen und notfalls unkonventionelle Wege und Aussichten eröffnen.

  • Es gibt eine deutliche Fokussierung des Interesses der Menschen auf die eigene Lebenswelt. Immer weniger umfasst dabei diese "Lebenswelt" tatsächlich ein fest umgrenztes Gemeinwesen oder Milieu. Es bezieht sich zunehmend auf die eigene Person in je verschiedenen Zusammenhängen: als Schülerin und Schüler, als Raver, als Kind von Eltern, als Mitglied des Sportvereins. Auch dies ist eine konsequente Wendung: Wo die allgemeinen Landmarken fehlen, werden die eigenen Bedürfnisse und deren Befriedigung zum Zentrum und unzweideutigen Maßstab für die Lebensplanung und Lebensführung. Wo viele nicht mehr das Gefühl haben, ins Kalkül großer Politik gezogen zu werden, kümmern sie sich konsequent um sich selbst. Sie selektieren, teilweise sehr genau, was sie "betrifft" und was nicht. Und sie sind hier, das belegen fast alle empirischen Sozialforschungen, durchaus bereit, sich zu engagieren. Als Konsequenz bedarf es eines Konzeptes politischer Bildung, das themenorientierte, flüchtige, punktuelle und individualisierte Einmischung nicht desavouiert und eine "Politikbeteiligung á la carte" zulässt.

  • Die konsequente Hinwendung auf die eigenen Bedürfnisse äußert sich auch im vermeintlichen Hedonismus der Jugendlichen. "Spaß" statt Anstrengung, "Ich" statt "Wir", "Erlebnis" statt "Nachdenken". Die Vorliebe fürs "Erlebnis", nach Gerhard Schulz sogar die zentrale Kategorie eines neuen Verhältnisses von Individuum und sozialer Welt und Namensgeber für die "Erlebnisgesellschaft", ist ebenfalls Reflex. Werden auf der einen Seite die Verhältnisse und Entscheidungszusammenhänge immer komplizierter, die Institutionenmacht größer, die Gewissheiten weniger, nimmt auf der anderen Seite die Bereitschaft und die Fähigkeit, diese kognitiv zu durchdringen, ab. "Erleben" - das ist einfach ein weitaus sichereres Terrain als "glauben" oder "hoffen". Politische Jugendbildung sollte daher Politisches erlebbar machen.

  • Politik ist für die meisten Jugendlichen kein Lebensmittelpunkt mehr. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen diejenigen Analysen, die "Politikinteresse" an den Indikatoren "Wahlverhalten", "Parteienaffinität" und "Vertrauen gegenüber und Teilnahme in staatlichen und nicht-staatliche Organisationen" festmachen, wie dies die letzte Shell-Studie unternahm. Erwachsene, für die die politische Sozialisation der 60er und 70er Jahre eins war mit ihrer biografischen Entwicklung, machen diese Einschätzung an anderen Dingen fest: Politik wird nicht mehr am Mittagstisch diskutiert, sie teilt nicht in Lager auf dem Schulhof, stört nicht den Unterricht oder das Hochschulseminar. Die einen beklagen, dass die Jugendlichen so wenig "aufmüpfig" seien, die anderen ihre vermeintliche Realitätsflucht. Politische Bildung muss zur Kenntnis nehmen, dass Politikinteresse verschiedene Erscheinungs- und Ausdrucksweisen haben kann. Sie sollte wachsam sein, genau hinsehen und nicht vorschnell bewerten oder gar beiseite schieben, was nicht in ihre institutionell etablierten Formen passt.

    Subjektivität und Gesellschaftlichkeit

    Zum oben Gesagten fallen mir - und noch mehr anderen - auch eine Menge Einwände ein. Soll man denn die Menschen, vor allem Jugendliche, in ihrem Beharren auf der subjektiven, vermeintlich nicht-gesellschaftlichen, unpolitischen Perspektive ungestört lassen? Soll man sie gar darin bestärken? Zunächst einmal: Ja. Die individuelle Konstruktion eigener Subjektivität macht gegenwärtig mehr Mühe als wohl zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. "Alles so schön bunt hier" textete vor 20 Jahren schon Nina Hagen und meinte dies in Anbetracht der schönen bunten Medienwelt ihres Fernsehers bereits damals ironisch. Der "Wertehimmel", das sei doch mal festgehalten, hängt keineswegs voller Geigen. Als sei die Konstruktion des eigenen Ichs nicht schwierig genug, gehört es auch noch zur Systemlogik, dass die Verantwortung für die Konsequenzen gesellschaftlicher Entwicklungen auf der persönlichen Ebene den Individuen zugeschrieben werden. Dies geht so weit, dass man Ursache und Wirkung auch schon mal umdreht: So merkt Yvonne Fritzsche in der Shell-Studie an, dass in der öffentlichen Meinung nicht etwa Jugendliche an gesellschaftlichen Zumutungen leiden, sondern umgekehrt: "Die Gesellschaft leidet an den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, weil die natürlich schuld sind am "Moral-Disaster": Sie schaden der Gesellschaft als "Konsumkids", "Spaßversessene" und "bindungslose Hedonisten"." Eine Folge solcher Zuschreibungen ist die zunehmende Marginalisierung von Jugendlichen - und damit ihre noch größer werdende Gesellschafts- wie Politikferne. Jugendforscher Arthur Fischer vermutet übrigens im Umkehrschluss, dass in dem Maße, wie es gelingt, die biografischen Belastungen der Jugend in der Gegenwart zu verringern, man erlebte Kompetenz und das Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge bei den Jugendlichen steigern könnte, so dass auch deren Distanz zur Politik kleiner würde.

    Die Vorstellung jedenfalls, die Gestaltung von Subjektivität sei über-individuell, normativ, kollektiv oder solidarisch zu leisten, erscheint als Möglichkeit rückwärtsgewandt. Weder politische noch sonst eine Pädagogik holt alte, allgemeine Werte- und Bewertungsmodelle zurück. Es gehört zur Dynamik fortschreitender Modernisierung, dass die Freisetzung aus allgemeinen Bezügen die Hinwendung auf individuelle Bezüge stärkt. Eine Stärkung übrigens, an der gerade die der Aufklärung geschuldeten Pädagogik mit ihrem Bild vom autonomen Subjekt kräftig mitgearbeitet hat. Freilich hat sie dabei eher vom vernünftigen, seine Selbstbestimmung ins Gemeinwohl integrierenden Individuum mit konsistenter Ich-Identität geschwärmt. Sie hat weniger das Bild eines inkonsistenten, widersprüchlichen, von diffusen Ängsten und Wünschen, Begehren und Versagen gebeutelten Vertreters der sogenannten "Spaß-Gesellschaft" ins Kalkül gezogen. Genau das aber sollten wir tun.

    Erst recht, wenn man bedenkt, dass Subjektwerdung mehr denn je personale, materielle und strukturelle Ressourcen benötigt. Die vermeintliche Freiheit, alles werden zu können - erfolgreich, reich, sexy, berühmt, schön, glitzernd, bewundert... - wenn man es nur will, die gesellschaftspolitisch behauptet und kulturindustriell gestützt wird, ist in Wahrheit auch die Verlegung gesellschaftlicher Defizite ins Versagen des Subjekts: Keine Lehrstelle zu bekommen ist dann weniger eine Folge unzureichender Ausbildungspolitik, als vielmehr das Unvermögen des Einzelnen. Mangelnde Zukunftsperspektiven erscheinen nicht als ein gesellschaftliches Problem - sie sind ein persönliches. Sie müssen sich nur mal eine Folge von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Verbotene Liebe" oder "Marienhof" ansehen, um zu erkennen: Wer nach der Schule endlich die große Freiheit erlangt, macht einen Klamottenladen auf, eröffnet eine angesagte Kneipe oder wird Popsänger. Alles aus eigener Kraft. Voraussetzungslos. Und wer das nicht schafft, scheint wohl einfach ein Schlappschwanz zu sein.

    Subjektivität ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Gesellschaft und vor allem mehr denn je formuliert als Anforderung an die heranwachsende Generation. Subjektivität ist damit selbst durch und durch - wenn auch unerkannt - gesellschaftlich vermittelt. Die Vorstellung, man müsse "die Jugendlichen aus ihrer Subjektivität herausholen", wie es eine deutsche Bildungsministerin forderte, verkennt dies und setzt im Übrigen die irrige Annahme voraus, diese Subjektivität sei ein Ort fern von der "eigentlichen" Welt.

    Subjektivität und Politische Bildung

    Subjektivität hat auch innerhalb der politischen Bildung per definitionem einen schweren Stand. "Privates" und "Politisches" wurde und wird auseinander dividiert. Politische Bildung zielt auf das Gemeinwohl, auf den Erhalt der Demokratie. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb hat den Auftrag, "Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken." Im Kurzschluss bedeutet dies Institutionenkunde sowie Förderung des Respekts vor demokratischen Regeln und die Hinwendung zum organisierten Engagement. Wird Subjektivität aber zu einem Ort, an den gesellschaftliche Verwerfungen, Entscheidungen und verlagert werden, kurz, in dem sich Gesellschaft mehr denn je spiegelt, muss sie notwendig in den Fokus des Interesses politischer Bildung rücken. Will man Jugendliche "dort abholen, wo sie stehen" dann ist das genau hier. Will man die oben genannten Befunde endlich als Entwicklungen begreifen, die nicht einfach umkehrbar sind, dann muss man neue Formen, Inhalte und Orte politischer Bildung suchen.

    Die Antwort: Kulturelle politische Bildung Die bpb ist der Meinung, dass Kunst und Kultur in besonderer Weise geeignet ist, die Formen, Inhalte und Orte politischer Bildung zu erneuern. Dafür gibt es mehrere Gründe, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte. Ich bin mir bewusst, dass ich damit vor diesem Publikum "Eulen nach München" trage. Vielleicht tragen meine Ausführungen aber gerade dadurch dazu bei, Gemeinsamkeiten zu entdecken.

    Grund 1: Jugendkultur ist Teilhabe und Ausdruck politikrelevanter Subjektivität Wegeweiser zu alternativen Orten politikrelevanter, jugendlicher Subjektivität sind die Jugendlichen selbst. Der subjektivste, weil eigensinnigste Ort ihrer Subjektivität ist ihre Kultur. Jugendkultur - und damit meine ich zunächst die gesamte Bandbreite kulturellen und künstlerischen Ausdrucks von Kindern und Jugendlichen - bewahrt Individuelles und Allgemeines: individuelles Lebensgefühl wie Affekt gegen, Protest für oder Wünsche an die Umwelt. Zugleich handelt es sich um die öffentliche Ausstellung von Subjektivität, um ein Angebot zur Kommunikation. Auch wenn dieser Ausdruck zu großen Teilen kulturindustriell ge- und überformt ist, geht er nicht immer in Warenästhetik auf. Ganz explizit gilt dies für spezielle Jugendkulturszenen oder -formen wie zum Beispiel HipHop und Rap, Breakdance oder Graffiti, für die Videoszene oder das Theater. Hier ist das politische Statement, die Stellungnahme unübersehbar. Aber auch in anderen Formen künstlerischen Ausdrucks ist diese Mischung bewahrt: Subjektives wird in Beziehung gesetzt zur Gesellschaft, zu Normen und zu Öffentlichkeit. Dies passiert vielfach nicht auf platt getretenen Wegen, auf denen vorher Erwachsene gingen, auf denen Begriffe bereit gestellt werden und Wertigkeiten gekennzeichnet wurden. Es geschieht mit eigenen Augen, eigenen Sinnen, keineswegs eindeutig-analytisch, sondern widersprüchlich, ambivalent, vorläufig. Um anhand künstlerischer Medien Gefühle, Ängste und Begehrlichkeiten auszudrücken, vielleicht Lösungswege vorzuschlagen, bessere Modelle zu entwerfen oder etwas "auf den Punkt" zu bringen, braucht es keine Begriffe, muss nichts "dingfest" gemacht werden. Es gibt kein "richtig" oder "falsch", das sich nicht immanent aus der Aufgabe, der Situation oder dem eigenen Ausdrucksbedarf ergibt. Hier können Übertreibungen, Gewagtes oder Skandalöses Raum bekommen, Komplexes darf unbegriffen zur Disposition gestellt werden, Eindeutigkeiten und Festlegungen sind nicht verlangt. Künstlerischer Ausdruck und ganzheitliche Erfahrungen brechen das Primat des Analytisch-Kognitiven, das für politische Bildung lange Zeit konstitutiv erschien. Sie lösen es nicht ab, relativieren aber zukunftsweisend. Jugendkultur hebt die Sichtweisen von Jugendlichen auf die Bühne und in den Fokus, sie ist daher im besten Sinne partizipativ, wenn auch an alternativen Schauplätzen zur offiziellen Politik. Die bpb unterstützt solche Aktivitäten. So hat sie sich an einem Deutsch-Französischen HipHop-Festival im Rahmen der Musikfestspiele Saar beteiligt und gegenwärtig am HipHop-Festival "Battle of the Year", zu dem sie einen bundesweiten Graffiti Contest "ARBEIT FREIZEIT ANGST" ausgeschrieben hat. Die Gewinner sind übrigens gekürt und werden am 16. November während des Festivals in Braunschweig ihre Entwürfe live, mit Unterstützung von "Szenegrößen" auf Leinwand umsetzten.

    Grund 2: Kunst ist Katalysator Kunst ist Katalysator individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Ob in Jugendkultur oder Hochkultur, Kunst mobilisiert die kreativen Potentiale einer Gesellschaft jenseits von Kategorien wie Nützlichkeit und Verwertbarkeit. (analog Spiel !!!) Diese - wenn Sie wollen idealistische - Sichtweise auf Kunst als "Anderes", als Gegenentwurf oder, mit Theodor W. Adorno, als "Antithese zur Gesellschaft" bekommt derzeit wieder Auftrieb. Nicht als idyllischer Fluchtpunkt, sondern als zum Teil trotzige Reklamation des menschlichen Rechts auf Ganzheitlichkeit. Der Konjunktur-Diskurs verweist auf dieses Recht zurzeit eher unter dem Aspekt der "Schlüsselkompetenzen", die das sogenannte "Humankapital" zu sichern versprechen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr wohl der Meinung, dass die Benennung von Schlüsselkompetenzen einen wichtigen Beitrag zur Bildungsdiskussion leistet. Das Recht auf Ganzheitlichkeit besagt jedoch mehr. Es kann nicht Teil einer Nützlichkeits- und Anwendungs-Debatte sein. Ganzheitlichkeit besteht nicht nur auf eine Einheit von Körper, Sinnen, Geist und Emotionen. Sie besteht auch auf Extremes, Unsinniges, Fehler, Versuch und Irrtum, Eigensinn. Hier versammelt sich Kreativität, die Fähigkeit, Neues zu schaffen, dass sich vom Dagewesenen abhebt, "neben der Spur" läuft, die Blickrichtung wechselt. Die Frage nach der "Polis", im politischen Tagesgeschäft ebenso wie im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, braucht diese Kreativität dringend. Die Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt daher Kunstaktionen, Diskurse und Aktivitäten, die wichtige Themen der politischen Debatte aus künstlerischer Sicht beleuchten. Fortgeführt werden die bereits in der Vergangenheit erfolgreichen Kinoseminare, die Videoreihe "Apropos" sowie das alle drei Jahr stattfindende Festival "Politik im Freien Theater" und die zeitgeschichtlichen Ausstellungen des Hauses. Daneben hat sie sich in diesem Jahr zum Beispiel am Open-Air-Konzert "Three Voices - One Vision" in der Neuen Synagoge Berlin beteiligt, das zum Thema jüdische Kultur in Deutschland stattfand, sie hat Christoph Schlingensiefs "Hamlet"-Inszenierung mit ausstiegswilligen Rechtsextremisten beim Berliner Theatertreffen unterstützt oder an Diskussionen im Rahmen der berlin biennale für zeitgenössische kunst teilgenommen.

    Grund 3: Kunst ist Kommunikationsmittel Kunst erleichtert die Kommunikation. Das mag sich nach dem oben Gesagten paradox anhören, weil Kunst eine eigene Formsprache besitzt und der Zugang zu Kunst wie das Sprechen darüber in der Regel als eher schwierig gilt. Die Rezeption von Kunst und künstlerischem Ausdruck, das wissen wir spätestens seit Bourdieu, ist nicht voraussetzungslos, sondern abhängig von kulturellen Ressourcen. Dennoch bieten Kunst oder künstlerische Formen vielfältige Anlässe und Mittel alternativer Betrachtungsweisen, die die Grenzen intellektueller Auseinandersetzung und herkömmlicher Diskurse sprengen können. Gerade wenn es darum geht, Jugendlichen Möglichkeiten der Wahrnehmung und Bearbeitung von Problemstellungen zu geben, die zunächst kognitiver Durchdringung nicht zugänglich erscheinen, kann Kunst als Kommunikationsmittel wirken.

    Ich nehme als Beispiel eines von vielen Projekten aus Ihrem Arbeitsbereich, das mir besonders gut gefallen hat. Jeder von uns weiß, dass eine Diskussion mit Jugendlichen über den Holocaust, über die Frage einer Kollektivschuld oder die Verantwortung der Deutschen nicht einfach ist. Stellen Sie sich vor, es geht auch noch um das Verhältnis zu Polen, die Rolle polnischer Bürger, das Verhältnis polnischer Jugendlicher heute zu diesem Thema und zum Judentum. Pädagogisches Glatteis, könnte man sagen, dass mit unterschiedlichem Erfolg betreten werden kann. Sie können Fakten vermitteln, historisches Wissen schulen, Zusammenhänge darstellen. Wir alle wissen, wie relativ leicht sich Menschen davon heute zu distanzieren vermögen und wie schnell Jugendliche, die den Eindruck gewinnen, sie würden zur Verantwortung gezogen, intellektuelle Abwehr artikulieren. Die Gedenkstättenpädagogik geht davon aus, dass das Erleben des Ortes Katalysator für emotionale Betroffenheit sein kann. Wir wissen aber auch, dass die Eindringlichkeit des Ortes Reflexe wie Abwehr und Leugnung provozieren kann. Ganz anders sah das aus mit einem Theaterstück, das junge deutsche und polnische Erwachsene vor Schülerinnen und Schülern aus Deutschland und Polen in Polen aufführten. Das Stück erzählt eigentlich eine Liebesgeschichte, die des chassidischen Juden Chanan, der seine geliebte Leyele verliert, die von einem Geist bzw. einer mythologischen Figur, dem "Dybuk" geholt wird. Die Geschichte, die ich nur banalisiert wiedergeben könnte, wird auf der Bühne sehr abstrakt, fast ohne Worte, in Körper-Bildern dargestellt. Bis auf eine Ausstattung, die die Agierenden als jüdisch ausweist, werden historische Sachverhalte eher verschlüsselt als aufgeklärt. Dennoch - vielleicht gerade deswegen - "funktioniert" der Brückenschlag zum eigenen Empfinden der Jugendlichen. Als Hilfe haben die Schauspieler vor der Aufführung mit den Jugendlichen theaterpädagogisch geprobt. Wie spielerische Lockerungsübungen wurden Haltungen und Bewegungen, die sich hinterher auf der Bühne beobachten lassen, am eigenen Körper erfahren: Wie fühle ich mich, wenn ich gebeugt gehe, wenn ich zum Horizont blicke, wenn ich schnell oder langsam werde. Die Geschichte auf der Bühne wurde von den Jugendlichen nicht nur fraglos als Geschichte aller Juden, eigentlich aller Menschen, die im Krieg oder durch Gewalt starben, entziffert. Sie bot auch den Ausgangspunkt für die nachfolgende Diskussion, zu Fragen nach Schuld, Verantwortung, Gründen und Perspektiven. Von dort aus stellen die Jugendlichen die Fragen nach den historischen Fakten von ganz allein. Die Inszenierung wurde übrigens an der Akademie Remscheid erarbeitet.

    Ich nenne noch ein Beispiel von der bpb: "Hype Machine" heißt eine Kampagne zum Thema Pop und Politik in sieben deutschen Städten, die die Mechanismen der Popkultur aufdecken will. Mittels Showveranstaltungen eines französischen Theatersembles, die die ganze Palette der Inszenierungsmittel der Popkultur aufweisen, werden Jugendliche zu Mitspielern der Tourneeveranstaltungen von "Jean Louis 2000", einem fiktiven Popstar. Die Inszenierungen werden in Schulaulen und Discos geboten, anschließende Diskussionen und Workshops in Schulen, eine interaktive webseite und Aktionen mit Schülerzeitungen werden den Zusammenhang von Popindustrie, Medien und Politik thematisieren.

    Ich weiß, Sie alle kennen weitere Beispiele. Sie wissen, dass sich kommunikative Effekte nicht automatisch einstellen, dass sie auch eine Frage von künstlerischer Qualität und Bedingungsfaktoren sind, auf die man nicht immer Einfluss hat. Aber sie werden mir zustimmen, dass Kunst diesen Effekt haben kann. Für die bpb ist sie eine Möglichkeit des Zugangs zu Zielgruppen, die über die Vermittlung strukturellen Wissens, über kognitive Analyse wenig oder gar nicht zugänglich sind.

    4. Grund: Kultur ist "Marketing" für die politische Bildung Damit bin ich bei unserem vierten Grund. Politische Bildung hat die Zeiten, in denen sie als ein Grundprinzip von Bildungsarbeit verstanden wurde, und in denen ihre Orte Kristallisationspunkte Jugendlicher auf der Suche nach ihrem Verhältnis zur Welt und zur Zukunft waren, weit hinter sich gelassen. Sie muss sich inzwischen um ein neues Selbstverständnis, neue Legitimationen und Perspektiven bemühen. Dieses Bemühen hat eine Suche nach Gründen, Strategien und Lösungen eingeleitet, in deren Zug auch die Frage nach der Erreichbarkeit alter und neuer Zielgruppen gestellt wird.

    Politische Bildung steht damit in den letzten Jahren vor erheblichen Herausforderungen, hat sie doch bisher gern angenommen, dass ihr öffentlicher Bildungsauftrag ausreichend sei, um ihre Angebote zu legitimieren. Wo mit den Füßen abgestimmt wird, steht so manch wahrhaftiger und ehrbarer Rufer demokratischer Grundordnung in der Wüste und allein. Mangelnde Kongruenz zu den Bedürfnissen der Teilnehmer und die Konkurrenz zu anderen Bildungs- und Freizeit-Angeboten schufen die Ausgangslage für eine Debatte um ein "Marketing für politische Bildung". Die bpb, gemeinsam mit Dachverbänden politischer Bildung Vorreiter für dieses Thema, hat bereits 1996 ein Projekt gleichen Namens durchgeführt, das damals noch gegen erhebliche Widerstände zu kämpfen hatte. Argwohn gegen "Vermarktungsstrategien", die sich den Marktgesetzen unterwerfen, Bedenken gegenüber hedonistischen Bedürfnissen von "Kunden" und dem Primat der "Verpackung" wurden artikuliert. Politische Bildung - eine Ware? Vielleicht sogar ohne Gebrauchswert? Nun, wir haben "die Kurve gekriegt", wie man so schön sagt. Im Arbeitsbuch, das Ergebnis dieses Projekts war, wurden die Fronten versöhnt. Dort heißt es: "Es ist angebrachter, aus pädagogischem Blickwinkel die Entscheidungen der Abnehmer als Subjekte ernst zu nehmen und diesen Mündigkeit in der Wahl ihrer Bildungs- und Freizeitaktivitäten zu unterstellen. Dann stellt sich nicht die Frage, wie man potentielle Teilnehmer davon überzeugt, dass sie angeblich die falschen Bedürfnisse befriedigen, sondern vielmehr, wie man pädagogische Intentionen und Abnehmerbedarf aufeinander abstimmt. (...). In diesem Sinn ist Marketing zu verstehen als umfangreiches Kommunikationskonzept, das alle Beteiligten und alle Komponenten des Lehr- und Lernprozesses unter die Maßgabe (...) einer konsequenten Zielgruppenorientierung (...) stellt". Vor diesem Hintergrund ist es dringend geboten, neue Strategien zu entwickeln. Dazu gehört sowohl die inhaltliche Ausrichtung der Angebote, wie auch die Herabsetzung von Zugangsbarrieren durch milieu-orientierte, sozial-kulturelle Kommunikation. Dies bedeutet die Berücksichtigung der kulturellen, ästhetischen und sozialen Voraussetzungen der "Abnehmer", ihrer Kommunikationswege, Rezeptionsgewohnheiten, einschließlich ihrer ästhetischen Vorlieben. Und dies ist eben weniger ein zähneknirschendes Zugeständnis an Moden und Geschmack, denn ein durch und durch pädagogischer Impetus. Er signalisiert ein Interesse an allen Bevölkerungsgruppen, auch denjenigen, die durch die klassischen Angebote nicht interessiert werden können. Und er zielt damit auch auf die Ermöglichung von Partizipation dieser Gruppen an politischer Kultur.

    Das bisher Gesagte gilt natürlich auch für die Bundeszentrale für politische Bildung. Im Zuge der Überprüfung ihrer Arbeit wurde deutlich, dass bestimmte Zielgruppen nur ungenügend erreicht werden - allen voran die Jugendlichen. Es ist daher unser Ziel, durch spezifische Angebote, vor allem durch neue Kommunikationsmittel mit Schwerpunkt Neue Medien, diese Zielgruppe besonders anzusprechen. Wir planen daher ein neues Jugend-Online-Portal "Fluter.de", bei dem politische Aspekte an alltagsrelevante Themen Jugendlicher angeknüpft werden. Die ästhetische Oberfläche unserer Publikationen, der Internetangebote, aller Arten von Medien soll sich den Vorlieben der Zielgruppen anpassen. Wer immer noch Bedenken hat, ob sich da der Wert politischer Bildung an der Güte ihres Internet-Auftritts misst, den beruhigt vielleicht eine Stichprobenuntersuchung, die zwei junge Erwachsene (Elmar Prinz und Tilo Erlenbusch) im Auftrag des Landesjugendrings Nordrhein-Westfalen gemacht haben. Sie baten in einem Kölner Internet-Café Jugendliche, sich die Homepages der Parteien anzusehen und zu bewerten. Fachkundig mäkelten diese an Farbigkeit, Bildaufbau und Gestaltung herum. Klar war: Über eine langweilige erste Seite klickt man sich ungern weiter. Aber schon als zweites Kriterium wurde der Informationswert genannt: Was erfährt man über die Politik der Partei? Was will sie für Jugendliche? Einstein hat recht, man sollte nichts einfacher machen als nötig. Wir sollten da unsere Zielgruppen auch nicht unterschätzen.

    Kulturelle politische Bildung der Bundeszentrale für politische Bildung

    Meine Damen und Herren, Politische Bildung mit kulturellen, künstlerischen oder ästhetischen Mitteln ist sicher kein Allheilmittel. Wir wollen das politische Geschäft nicht aufgeben. Es basiert wesentlich auf Wissen, Analyse, Handlungsschlussfolgerungen. Aber diese Prioritäten versperren - zumal in politischen Bildungsprozessen - oftmals den Weg und die Sicht auf Ungeklärtes, Ambivalentes und Komplexes. Und sie verkennen die Bedürfnisse der Menschen, Räume für die individuelle, subjektive Auseinandersetzung mit Grundfragen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu nutzen.

    Kunst ist hier ein vielversprechender Ansatz, eine Erweiterung der Möglichkeiten, dem die Bundeszentrale für politische Bildung mehr Gewicht verleihen möchte. Aufbauend auf die erfolgreiche Film-, Theater- und Ausstellungsarbeit der bpb ist die Bündelung der künstlerischen und kulturellen Aktivitäten ein bedeutender Teil ihres Umstrukturierungs- und Neuorientierungsprozesses. Weiterhin soll die Auseinandersetzung der verschiedenen künstlerischen Disziplinen mit dem historischen, politischen und gesellschaftlichen Geschehen gefördert werden. Dafür haben wir eine Projektgruppe "Kulturelle Bildung" eingerichtet, die noch in diesem Jahr von einem eigenständigen Fachbereich abgelöst werden soll. Damit sollen eigene Aktivitäten der bpb und Kooperationen mit Trägern kultureller und politischer Bildung verstärkt werden.

    Es ist im Übrigen auch folgerichtig, einen bisher eher vernachlässigten Politikbereich der Bundeszentrale für politische Bildung neu zu beleben: Den der Kulturpolitik. Das sensible Verhältnis der drei Komplexe Kunst, Markt und Staat haben auf das Alltagsleben der Bürger nicht zu unterschätzendem Einfluss. Zieht man zudem den Schluss, dass der Stellenwert kultureller Bildung wächst, so ist auch dies ein Thema für kulturpolitische Zusammenhänge und muss Einfluss haben auf politische Entscheidungen. Kunst und Kultur sind Motor gesellschaftlicher Entwicklung. Sie dürfen nicht zum staatlichen Aushängeschild verkommen, sie müssen lebendig und bürgernah sein. Politik muss dafür Sorge tragen, dass Kultur von, für und in allen Bevölkerungsschichten, für alle Gruppen, vor allem aber für Kinder und Jugendliche einen angemessenen Stellenwert erhält, Raum, Ressourcen und Anerkennung. Ich hoffe, dass die bpb mit der Unterstützung und der Beteiligung an diesem Kongress ein Signal setzen konnte. Wir werden uns auch weiterhin in die Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen kultureller und künstlerischer Vermittlung, um Kulturelle Bildung und um die Frage, wie Kinder und Jugendliche Kultur leben lernen können, einmischen.

    Veranstalter
    Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit Mit Unterstützung durch

  • bpb:magazin 2/2017
    bpb:magazin

    bpb:magazin 2/2017

    "Stadt, Land, Fluss" sind Kategorien, die zentrale politische Themen aufgreifen. Die Reise über Städte, Land und Flüsse in diesem zwölften bpb:magazin führt, wie gewohnt, durch das breit gefächerte Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung.

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