Pressekonferenz Wahl-O-Mat

Zur Studie "Nahost-Berichterstattung in den Hauptnachrichten des deutschen Fernsehens"

14.4.2003
In der bpb-Studie wurde untersucht, ob die deutschen elektronischen Medien tendenziös über den Nahostkonflikt berichten würden. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, bewertet im Interview die Ergebnisse der Untersuchung.

Herr Krüger, wie ist es zu dieser Studie gekommen, und was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse?

Zu der Studie kam es vor allem wegen des von der israelischen Botschaft geäußerten Verdachts, dass die deutschen elektronischen Medien tendenziös über den Nahostkonflikt berichteten und dass insbesondere die Position Israels in diesem Konflikt einseitig bewertet würde. Um dieser Frage einmal auf den Grund zu gehen, haben wir uns entschieden, eine empirisch fundierte Analyse in Auftrag zu geben, und haben uns dann, nach entsprechender Recherche, für das Institut für empirische Medienforschung/IFEM in Köln entschieden. Die Befunde der Studie waren erstaunlich: Es gab in der Wortberichterstattung eine ausgewogene Darstellung in den Hauptnachrichten von ARD, ZDF, RTL und SAT1 zu dieser Thematik im untersuchten Zeitraum 1999 bis März 2002. Das ist sowohl semantisch als auch inhaltlich ausgewertet worden. Bei der Bildberichterstattung hingegen hat man es mit Strukturproblemen zu tun. Durch die Fokussierung der Bildberichterstattung auf Gewalt und Aggression, auf spektakuläre Bilder der Gewalt und ihrer Folgen, entsteht eine "Asymmetrie der Konfliktstruktur und der Konfliktparteien". Es entstehen also Bilder, die sozusagen Tendenzen und Wertungen enthalten. Man sieht zum Beispiel nie einen terroristischen Akt im Fernsehen, man sieht nur die Folgen. Hingegen sieht man die rollenden Panzer, die in ein Flüchtlingslager hineinfahren. So entsteht durch die Bildberichterstattung beim Zuschauer und der Zuschauerin der Eindruck, Israel sei Täter, Palästina sei Opfer. Das wurde bei dieser Studie durchaus markiert.

Die Wertung von Bildern geschieht ja in der Regel durch den Kommentar. Orientiert sich denn der Kommentar an Opfern, die zu sehen sind, oder sind die Wertungen nur auf die Bilder bezogen?

Die Visualisierung von Gewalt spielt eine Schlüsselrolle bei der Fernsehberichterstattung über den Konflikt. So können die Journalistinnen und Journalisten vor Ort in ihren sprachlichen und textlichen Kommentaren noch so objektiv und sachlich berichten, die Ereignisse ermöglichen dennoch Bilder, durch die ein anderer Eindruck entstehen kann. Währenddessen zeigt sich bei den privaten Rundfunkanstalten eine Tendenz zur stärkeren Konfliktorientierung. Das ist natürlich ein Problem. Insgesamt ist aber von der Studie ausgewertet und belegt worden, dass im Wort- und Informationsbereich Ausgewogenheit offenbar Prinzip ist, was die Darstellung der Ereignisse und ihre Bewertung betrifft, selbst bei den privaten Fernsehanbietern.

Ist auch untersucht worden, welchen Stellenwert die Problematik überhaupt in der Berichterstattung hat, also in Relation zu anderen Nachrichten?

Es wurde kein Vergleich mit anderen Konfliktherden wie Nordirland oder Kosovo gezogen, sondern es wurde ausschließlich eine Untersuchung der Berichterstattung über den Nahostkonflikte vorgenommen.

Gab es Kritik an der Studie?

Die Studie wurde im Rahmen der Tagung "Lernt den Bildern zu misstrauen..." vorgestellt und recht kontrovers diskutiert. Bei dieser Veranstaltung handelte es sich um eine unserer wichtigsten Veranstaltungen im Jahr 2002, die wir in Zusammenarbeit mit der "Zentrale Fortbildung der Programm-Mitarbeiter Gemeinschaftseinrichtung ARD/ZDF" durchgeführt haben.

Es gab unter anderem eine kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Botschaft über die Ergebnisse dieser Studie. Wir haben durch die Präzisierung hinsichtlich der Verwendung von Wort und Bild zu einer Versachlichung dieser Diskussion beigetragen und den Spielraum eröffnet. Insofern haben wir auch aus der Perspektive politischer Bildung das Prinzip der Kontroverse so versachlicht und aufgestellt, dass man vernünftig und nicht mit Vorwürfen, die nicht belegt sind, miteinander streiten und ins Gespräch kommen kann.

Es gab auch eine Studie des American Jewish Committee, die zu dem Ergebnis kommt, die deutsche Presse berichte einseitig und tendenziös. Diese Studie war umstritten, auch was ihre Konsistenz und ihre Qualität betrifft. Wir haben durch unsere Studie zeigen können, dass man diesen Vorwurf differenzieren muss. Für die Wortberichterstattung trifft dieser Vorwurf eher nicht zu, für die verwendeten Bilder hingegen eher schon. Das hat aber, und das ist in der Studie auch sehr deutlich zum Ausdruck gekommen, seine Ursachen weitestgehend im Konflikt selbst. Weil ich die Bilder nicht aus der palästinensischen Perspektive gewinnen kann, ohne Gefahr zu laufen, selbst Opfer des Konfliktes zu werden.

Es ist natürlich schon ein Problem, das muss man auch sehen, dass man es in einem Fall mit einer Demokratie zu tun hat und im Fall der palästinensischen Gesellschaft eher mit dem Gegenteil. Dort gibt es starke Radikalisierungen, die auch im Unterschied zu einem demokratischen System benannt werden müssen, selbst wenn es sich herausgefordert fühlt und sehr aggressiv operiert. Aber man kann mit den Unterschieden nicht so umgehen, dass man den Spieß umdreht und einer unsachgemäßen, tendenziösen oder vereinnahmenden Perspektive das Wort redet: "Wer nicht in unserem Sinne darstellt, der berichtet gegen uns." Das ist natürlich die Perspektive einer parteiischen Seite, die ein Interesse hat, eine Berichterstattung so vorzufinden, wie sie einem selbst nutzt. Das ist das Problem von Kriegsberichterstattung.

Gab es von anderer Seite Vorwürfe oder Einschätzungen zu der Untersuchung?

Ja, von einer Israel nahestehenden Organisation namens "Honestly Concerned" und dem American Jewish Committee. Wenn dort teilweise behauptet wurde, dass die Bundeszentrale für politische Bildung, kurz bpb, ein Hort des Antisemitismus sei, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Mir fällt wirklich keine Institution in Deutschland ein, die so viel für die Auseinandersetzung, zeitgeschichtlich als auch aktuell, mit dem Land Israel unternommen hat, durchaus auch in parteiischer Weise für den Staat Israel. Aber an dieser öffentlichen Debatte sieht man, dass wir es mit einem zugespitzten, nachhaltigen Konflikt zu tun haben, in dem die sachliche Auseinandersetzung subordiniert wird und es sozusagen auch mit einem gehörigen Maß um Rechthaberei geht. Das ist nicht das Prinzip der politischen Bildung. Unsere Prinzipien sind Pluralismus und Kontroversität. Wir wollen die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Positionen. Wir legen deshalb auch großen Wert darauf, dass wir bei Veranstaltungen zu diesem Thema immer Vertreter und Vertreterinnen beider Konfliktseiten hören, dass wir bei den bpb-Israelstudienreisen immer auch Vertreterinnen und Vertreter palästinensischer Organisationen treffen, und sich die Teilnehmenden einer solchen Studienreise oder Veranstaltung ihre eigene Meinung bilden können. Prinzip politischer Bildung ist, nicht Meinungen aufoktroyiert zu bekommen, sondern sich selbst eine Meinung zu bilden. Die Studie hat meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang eine sehr gute Grundlage hinzugefügt.

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung hat eine Studie über den Nahost-Konflikt in der deutschen Presse erstellt. Im Gespräch mit Alfred Schober, dem Leiter der Untersuchung, sagte er uns ganz im Gegensatz zu ihrer Untersuchung, dass sehr wohl ein nicht unerheblicher Teil der bundesdeutschen Medienberichterstattung über den Nahostkonflikt und insbesondere über die Rolle Israels mehr oder minder durchsetzt sei von bestimmten antisemitischen Klischees. Inwiefern sind diese beiden Studien vergleichbar? Bei der Sprachforschung könnte ich mir vorstellen, dass man dort primär auf das Wort Wert gelegt hat.

Diese Studie kennen wir, sie bezieht sich aber dezidiert auf die Berichterstattung in der Presse und nicht im Fernsehen. Die Studie, die die bpb in Auftrag gegeben hat, hatte speziell den Fokus, Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen über einen längeren Zeitraum zu untersuchen - in konfliktärmeren und konfliktreicheren Phasen der letzten drei Jahre. Es galt herauszufinden, ob eine einseitige, tendenzielle Berichterstattung in Wort oder Bild vorliegt. Da haben wir, wie bereits erwähnt, diese Differenzierung als Befund erhalten.

Müsste man, um das überhaupt beurteilen zu können, sich nicht auch noch Gedanken darüber machen, wie eigentlich die Zuschauer reagieren, was die eigentlich wahrnehmen in der Nahostberichterstattung? Das Problem bei der Inhaltsanalyse ist ja, dass sie die Rezeption nicht beobachten kann.

Die Frage nach der Rezeption ist eine sehr interessante Frage. Ich glaube, dass man bei der Rezeption einen weiteren differenzierten Befund bekommen würde. Aber unsere Studie hatte einen begrenzten Auftrag. Es gibt natürlich in der deutschen Gesellschaft auch ein gewisses Maß an antisemitischen Haltungen, die wir dringend zu beachten haben. Sich mit diesen offensiv auseinander zu setzen, ist notwendig. Nun aber zu unterstellen, dass sie im Journalismus auf breiter Front anzutreffen sind, halte ich gelinde gesagt für übertrieben. Es gibt im deutschen Journalismus schon ein differenziertes politisches Bewusstsein hinsichtlich dieser Fragestellung.

Hat die Aufgeregtheit über die Studie auch etwas mit der Zeit in Deutschland zu tun, in der sie veröffentlicht wurde, Stichwort Möllemann-Affäre und Wahlkampf?

Diese öffentlich angezettelte Debatte hat die Lage insgesamt zugespitzt und vor allem den Verdacht in den Raum gestellt, dass der Antisemitismus eine Riesengefahr in Deutschland sei. Bei aller Existenz von Extremismus und auch von Antisemitismus muss man im internationalen Vergleich sagen, dass die deutsche Gesellschaft nicht der Avantgardist des Extremismus und Antisemitismus ist. Es gibt eine hohe Sensibilität aufgrund der eigenen Geschichte und auch aufgrund der offensiven, in der Zivilgesellschaft geführten Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, sodass eine Gefahr der Entzündung der Gesellschaft derzeit eigentlich mit gutem Gewissen nicht annonciert werden kann. Wir haben einen breiten Konsens in der Gesellschaft für Demokratie und gegen Antisemitismus, und das muss auch immer wieder betont werden. Wenn wir immer nur 'ad negativum' argumentieren, gewinnen wir gerade jüngere Erwachsene nicht. Man muss auch über die positiven Szenarien - 'ad positivum' - methodisch-didaktisch Vermittlungsarbeit leisten: Es hat auch wichtige Emanzipationsdaten in der deutschen Geschichte gegeben, es hat in den letzten Jahrzehnten einen Konsens gegen den Antisemitismus gegeben. Man kann auch ein wenig stolz sein, dass es eine gesellschaftliche Haltung gegen Links- und Rechtsextremismus gibt.

Welche Konsequenzen zieht die Bundeszentrale für politische Bildung aus dieser Studie?

Wir leiten aus der Studie nicht ab, dass es keinerlei Probleme in der Fernsehberichterstattung gibt. Die permanente Reduktion der Berichterstattung auf Gewalt und Terror ist kritisch zu betrachten, auch der Befund, dass Themen jenseits des israelisch-palästinensischen Konflikts kaum behandelt werden. Wir wollen differenzierte Fortbildungsangebote für Journalisten und Journalistinnen einsetzen, die sich mit dem Einsatz von Bildern, mit einer Bilderkritik befassen. Wir setzen unsere Israel-Studienreisen in gewohntem Umfang fort und haben nur während der Kriegszeiten die Reisen aussetzen müssen. Ende letzten Jahres haben wir durch eine Evaluierung vor Ort die Grenzen und Möglichkeiten der Studienreisen erkundet, und wir werden auch weiterhin nach Israel fahren. Trotz Gefährdungen. Sie tauchen ja nicht an allen Ecken und Enden auf, sondern sind punktuell – damit müssen die Israelis täglich leben und auch die Teilnehmenden an unseren Studienreisen. Auf der anderen Seite, das ist neu, haben wir unsere Aktivitäten der politischen Bildungsarbeit in Deutschland verstärkt. Es gibt einen großen Bedarf, sich mit der Thematik Israel/Nahost auseinanderzusetzen. Das bezieht sich sowohl auf unsere Seminare – selten waren Veranstaltungen so gut besucht wie die zum Nahostkonflikt - als auch auf unser Online-Angebot. Wir haben gerade ein Nahostdossier in Vorbereitung, und auch mit unseren stark nachgefragten Publikationen informieren wir unsere Kunden und Kundinnen. Das Israel-Heft der Informationen zur politischen Bildung ist derzeit vergriffen, wird aber noch im Frühjahr neu aufgelegt.

Das Interview wurde geführt von Dr. Bernd Schorb, Professor für Medienpädagogik und Weiterbildung an der Universität Leipzig. Veröffentlicht wird das Interview im Dossier "Der Nahostkonflikt aus deutscher Sicht" auf der Homepage des Entimonprojekts "»D-A-S-H«" für Vernetzung, gegen Ausgrenzung.



 
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