Deutschland in den 70er/80er Jahren
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Wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik


4.4.2002
Mit den 1970er Jahren endet das deutsche Wirtschaftswunder. Die Binnennachfrage ist gesättigt, neue Produktionsverfahren verringern den Arbeitsaufwand, die Arbeitslosenzahlen steigen und die Einkommen sinken. Durch u.a. Senkung der Staatsverschuldung, steuerliche Entlastung der Unternehmen und Reduzierung der staatlichen Ausgaben für sozialpoitische Maßnahmen versucht die sozialliberale Koalition der Wirtschaftskrise zu begegnen.

Ein Arbeiter klettert auf einen Hochspannungsmast in der Nähe von Düren, 1978.Ein Arbeiter klettert auf einen Hochspannungsmast in der Nähe von Düren, 1978. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



In der ersten Hälfte der siebziger Jahre mehrten sich die Anzeichen, dass der gut zwei Jahrzehnte dauernde, nur durch die Rezession von 1966/67 kurz unterbrochene Boom mit hohen Wachstumsraten, steigenden Einkommen und niedriger Arbeitslosigkeit allmählich zu Ende ging:
  • Im August 1971 beschloss die amerikanische Regierung, Dollars nicht länger gegen Gold einzulösen, und brachte damit die 1944 in Bretton Woods vereinbarte internationale Währungsordnung zu Fall. Das Bretton-Woods-System, dem die westlichen Industrieländer und später auch einige "Entwicklungsländer" angehörten, beruhte auf dem "Gold-Dollar-Standard", das heißt einer Einlösepflicht der Leitwährung Dollar in Gold und festen Wechselkursen der übrigen Mitgliedswährungen gegenüber dem Dollar;

  • 1972 schärfte der "Club of Rome", ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Industriellen, mit seinem alarmierenden Bericht über die "Grenzen des Wachstums" den Blick für die drohende Erschöpfung der natürlichen Lebensgrundlagen;

  • im Juli 1972 trat Karl Schiller von seinem Amt zurück, weil seine Forderung nach einer stabilitätspolitischen Kurskorrektur im Bundeskabinett auf taube Ohren stieß; als Wirtschafts- und zuletzt auch als Finanzminister war er zuvor der wichtigste Fürsprecher einer antizyklischen, auf die Stimulierung der Nachfrage zielenden und Haushaltsdefizite bewusst in Kauf nehmenden staatlichen Wirtschafts- und Fiskalpolitik gewesen, wie sie der britische Wissenschaftler John Maynard Keynes (1883–1946) als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren propagiert hatte;

  • im Oktober 1973 nahmen die arabischen Erdöl exportierenden Länder den "Yom-Kippur-Krieg" mit Israel zum Anlass, den Preis für Erdöl drastisch zu erhöhen und die Liefermengen zu verringern – ein Schritt, auf den die Bundesregierung mit energiesparenden Maßnahmen wie Sonntagsfahrverboten und Geschwindigkeitsbegrenzungen reagierte;

  • die Inflationsrate erreichte 1973 die Sieben-Prozent-Marke;

  • schließlich stagnierte das Bruttosozialprodukt 1974 im Vergleich zum Vorjahr – nach einem Anstieg um 4,7 Prozent von 1972 auf 1973.


Gesamtwirtschaftliche Entwicklung 1969-1985Gesamtwirtschaftliche Entwicklung 1969-1985
Einige dieser Probleme waren ohne Verschulden der Bundesregierung entstanden; andere, etwa die im Vergleich zur Entwicklung in den beiden Jahrzehnten zuvor hohe Inflationsrate und das wachsende Haushaltsdefizit, resultierten zumindest teilweise aus einer expansiven staatlichen Ausgabenpolitik und einer "Lohnoffensive" der Gewerkschaften und waren insofern durchaus "hausgemacht".

Tiefpunkt 1975



Obwohl Bundesregierung und Bundesbank mit konjunktur- und zinspolitischen Maßnahmen wie staatlichen Bauprogrammen, Investitionszulagen für Unternehmen und Zinssenkungen versuchten, den Abschwung zu stoppen, konnten sie nicht verhindern, dass 1975 fast alle Sektoren der Wirtschaft von der Krise erfasst wurden. Ihre besondere Intensität – das Bruttosozialprodukt sank erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gegenüber dem Vorjahr um 1,1 Prozent – erklärt sich zum einen aus der vorübergehenden Sättigung der Nachfrage nach Konsumgütern, zum anderen aus strukturellen Problemen bisheriger Wachstumsbranchen wie der Bauwirtschaft, der Stahlindustrie, des Maschinenbaus und der Automobilindustrie. Verschärft wurde die Krise nicht nur durch hohe Lohnabschlüsse und die daraus resultierenden Bemühungen der Arbeitgeber, die Lohnkosten durch den Abbau von Arbeitsplätzen zu senken, sondern auch durch den gleichzeitigen Konjunktureinbruch in fast allen westlichen Industrieländern, der einen Ausgleich der rückläufigen Binnennachfrage in der Bundesrepublik durch verstärkte Exporte verhinderte.

Die Krise trieb die Zahl der Arbeitslosen rasch nach oben: von durchschnittlich rund 275000 im Jahr 1973 über 580000 im folgenden Jahr bis auf 1,074 Millionen oder 4,6 Prozent im Jahr 1975. Danach blieb die Arbeitslosigkeit in etwa auf diesem Niveau; erst 1978 sank sie wieder, wenngleich nur knapp, unter die Millionengrenze. Wider Erwarten verringerte sich auch die Inflationsrate trotz des konjunkturellen Abschwungs zunächst nur unwesentlich. Die Politik der nachfrageorientierten Globalsteuerung gelangte an ihre Grenzen. Für dieses nicht recht erklärliche Zusammentreffen steigender Preise und hoher Arbeitslosigkeit bei stagnierender wirtschaftlicher Entwicklung bürgerte sich die aus Stagnation und Inflation zusammengesetzte Bezeichnung "Stagflation" ein.

Die Reaktionen der Bundesregierung und der Bundesbank fielen unterschiedlich aus. Während Letztere auf die Stabilisierung der Währung setzte, ging die Bundesregierung – das Wirtschaftsressort leitete mittlerweile FDP-Politiker Hans Friderichs, das Amt des Finanzministers bekleidete der Sozialdemokrat Hans Apel – mehrgleisig vor. Dies geschah, indem sie versuchte, zugleich den Haushalt zu konsolidieren, die Beschäftigung anzukurbeln, Investitionen steuerlich zu fördern und unrentable Wirtschaftszweige zu subventionieren. Durchschlagende Erfolge blieben jedoch aus, stattdessen wuchs die Verschuldung des Staates innerhalb von zehn Jahren bis 1980 von rund 126 auf fast 469 Milliarden DM. Dennoch trug diese in sich widersprüchliche interventionistische Politik wegen ihrer insgesamt wachstumsfördernden Effekte zumindest dazu bei, die Auswirkungen der zweiten drastischen Ölpreiserhöhung im Jahr 1979 abzumildern.

Vergleichsweise günstig entwickelte sich demgegenüber die Außenwirtschaft. Das Exportvolumen stieg von 1975 bis 1980 von rund 222 auf 350 Milliarden DM an, die Importe wuchsen von 184 auf 341 Milliarden DM. Die traditionell hohe Verflechtung der deutschen und besonders der bundesrepublikanischen Wirtschaft mit dem Ausland stieg bis Mitte der achtziger Jahre weiter an. Der regionale Schwerpunkt des Außenhandels lag, wie bisher, eindeutig in Europa: Über 80 Prozent der Aus- und Einfuhren entfielen auf die europäischen Länder, davon allein zwischen 44 und 49 Prozent auf die EG.

Vor allem der Osthandel wies in diesem Zeitraum, begünstigt durch die Ostverträge, überdurchschnittlich hohe Zuwachsraten auf. Bereits von 1970 bis 1973 verdoppelte sich die Ausfuhr in die Ostblock-Staaten von 5,4 auf 10,8 Milliarden DM; bis 1980 konnte mit einem Ausfuhrwert von 19,4 Milliarden DM eine kaum geringere Steigerung erzielt werden. Eine ähnliche Entwicklung nahmen die Einfuhren aus diesem Gebiet. Der Handel mit der DDR, der Anfang der siebziger Jahre noch fast die Hälfte der westdeutschen Exporte in die Ostblock-Staaten ausgemacht hatte, entsprach diesem Trend; allerdings verlor der "innerdeutsche" Warenverkehr gegenüber dem mit anderen Handelspartnern dieser Region relativ an Bedeutung.

Der Anteil der einzelnen Warengruppen am Gesamtaußenhandel, gemessen am Wert, änderte sich nur bei der Einfuhr, nämlich zugunsten der Fertigwaren und zuungunsten der Rohstoffe; bei der Ausfuhr lagen erwartungsgemäß Fertigwaren und damit Branchen wie der Straßenfahrzeug- und der Maschinenbau sowie die Chemie- und die Elektroindustrie klar an der Spitze. Allerdings trug die außenwirtschaftliche Verflechtung in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre nicht mehr in dem von den fünfziger und sechziger Jahren gewohnten Ausmaß zur Wachstums- und Beschäftigungsdynamik der deutschen Binnenwirtschaft bei.