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Informationen zur politischen Bildung (Heft 255)

Gesellschaft und Kultur


Petra Plate / Friederike Bosse
Inhalt

Einleitung

Familie

Einstellung zur Arbeit

Frauen

Jugend

Medien und Kultur

Religion

Jugend

Aus Anlass des Neujahrsfestes

Aus Anlaß des Neujahrsfestes wird an einem Essensstand Nudelsuppe angeboten. Foto: Japan Photo-Archiv

Da Jugendliche in Japan von der Schule sehr stark beansprucht werden, wird auch noch die Freizeit der Schülerinnen und Schüler von der Schule weitgehend gestaltet. Nachmittags gibt es an den Schulen zahlreiche, mehr oder weniger freiwillige Interessengruppen und Clubs sowie deren Veranstaltungen für die ganze Schule. Die wichtigste jährliche Veranstaltung ist das Sportfest. Dieses wird größtenteils von den Schülerinnen und Schülern selbst organisiert. Der Radioclub übernimmt die Berichterstattung, alle Klassen treten gegeneinander an, und die Eltern kommen als Zuschauer.

In der japanischen Kultur herrscht eigentlich eine liberale Einstellung gegenüber der Sexualität vor der Ehe. Aber trotz ihres Konsums von telefonbuchdicken Comics voller Romantik, Sex, Horror, Gewalt und Abenteuer können die Jugendlichen weder über Gefühle und Beziehungen noch über Empfängnisverhütung, Krankheiten oder eventuelle sexuelle Übergriffe offen sprechen oder Rat suchen. Die gleichaltrigen Freunde und Freundinnen haben selbst keine Erfahrung, und wer den Klassenkameraden gegenüber Schwächen zugibt, wird dafür von ihnen gehänselt. Eltern und Lehrkräfte erwarten, daß sich die jungen Leute ausschließlich auf das Lernen konzentrieren. Die gesellschaftlichen Institutionen sind darauf ausgerichtet, die Geschlechter getrennt zu halten und ihre Neugier zu unterdrücken. Innerhalb der Schulklassen bilden sich Mädchen- und Jungengruppen, die völlig verschiedenen Beschäftigungen nachgehen. In Japan haben Jugendliche kaum Gelegenheit zu unbefangener Kommunikation in gemischter Gesellschaft. Deshalb können falsche Vorstellungen und Phantasien kaum an der Wirklichkeit korrigiert werden. Auch sonst darf die spontane Verständigung und Auseinandersetzung mit Menschen außerhalb der eigenen Gruppe selten erprobt werden. Die Pubertät wird auch nicht als besonderer Lebensabschnitt aufgefaßt, in dem man etwa Nachsicht für besondere Sensibilität beanspruchen oder sich mit den Eltern und dem Selbstbild auseinandersetzen darf.

Die meisten Schulen, vor allem die höher eingestuften, fordern das Tragen einer Schuluniform: eine vom deutschen Kaiserreich inspirierte Kadettenuniform für die Jungen und ein Faltenrock mit Matrosenbluse für die Mädchen. Die Strenge der Kleidungsvorschriften ist verschieden, doch die modischen Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler beschränken sich höchstens auf Detailvariationen: Schlüsselanhänger-Maskottchen für die Schultasche, bunte oder gerollte Socken, T-Shirts unterm weißen Hemd. Die Schulen versuchen, ihre Schüler so einzuspannen, daß sie fast nie zivil in der Öffentlichkeit auftreten sollen. Auf dem Heimweg besuchen sie aber doch manchmal Automatencafés, amerikanische Fast-Food-Restaurants, Videospielarkaden oder gehen ins Kino. Dann werden die Uniformjacken ausgezogen, Rocklängen hochgekrempelt und Baseballmützen aufgesetzt.

Für weitere kulturelle Aktivitäten haben die Jugendlichen jedoch kaum Zeit. Abends, wenn gerade keine Schulveranstaltungen stattfinden, sitzen die meisten Schülerinnen und Schüler zu Hause mit ihrem Lernpensum. Viele haben deshalb als einziges Familienmitglied ein eigenes Zimmer. Nebenher wird im Durchschnitt noch drei Stunden pro Tag ferngesehen und eine Stunde mit Computerspielen verbracht. Außer den auch in Europa verbreiteten Nintendo-Actionspielen sind in Japan auch Rollenspiele beliebt, in denen eine “Beziehung” zu einem virtuellen Popstar simuliert wird.

Die achtzehnjährigen Schulabsolventen können dann endlich, wenn sie Geld haben, amerikanische Outfits und Pariser Mode nach dem Vorbild der Medienstars kaufen. Viele arbeiten dafür in Aushilfsjobs. Wer sich das nicht leisten kann, bleicht sich wenigstens die Haare teefarbig braun. Die bunte japanische Jugendszene in Tokyo besteht zum größten Teil aus Studentinnen und jungen Berufstätigen, die sonst bei der Arbeit auch konservative Kostüme und Anzüge tragen. Auch der Besuch von Konzerten, Diskotheken, Musikclubs und Restaurants oder Auslandsreisen und sportliche Aktivitäten sind hauptsächlich dieser kurzen Lebensphase vorbehalten. Wenn sie es können, unterstützen auch die Eltern den Konsum und die Reisen ihrer Kinder finanziell - als eine Art Ausgleich für die mit Lernen verbrachte Kindheit.
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10. Februar 2012
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