|
|
 |

 |

Informationen zur politischen Bildung (Heft 270)
 |
 |
 |
 |
 |
Gesellschaft und Alltag in der DDR |

 |
 |
Günther Heydemann
|
 |
 |
 |
 |
Parallel zur ständigen Verschlechterung der technischen wie materiellen Produktionsbedingungen kam es zu einer immer schwieriger werdenden Versorgungslage. Betriebsleitung und Brigaden konnten es Arbeitern und Angestellten daher kaum versagen, während der Arbeitszeit und laufenden Produktion einkaufen zu gehen, wenn es einmal irgendwo schwer erhältliche Waren gab. Ein Schichtleiter erinnert sich: "Das Problem war dann in den letzten Jahren, wo dann die Versorgung nicht mehr so war, dass die Frauen freitags mittags hinausgingen und sagten: Ich muss zum Fleischer gehen. Heute Abend gibt es nichts mehr. Da war die Pause rum und die waren noch nicht da. Naja, was sollte man zu den Leuten sagen. Man hat das übersehen." (zit. nach: Francesca Weil, Herrschaftsanspruch und soziale Wirklichkeit, S. 148.)
Das hierin zum Ausdruck kommende Verständnis entsprang nicht zuletzt der Solidarität von Menschen, die allesamt unter den Bedingungen einer "Mangelgesellschaft" standen, so weit sie nicht zu jener Gruppe privilegierter "Kader" aus Partei, MfS, Nationaler Volksarmee (NVA) oder den Massenorganisationen gehörten. Fast täglich hatte man sich darum zu bemühen, knappe, und nur selten erhältliche Waren und Gebrauchsgegenstände zu bekommen, entweder für den eigenen Gebrauch oder um diese wiederum für andere Erzeugnisse einzutauschen.
Auf der anderen Seite war praktisch die gesamte Warenpalette aus der Produktion des sonst verteufelten Westens über "Intershop-, Exquisit- und Delikatläden" zu erhalten, entweder zu "Westgeld" oder zu überhöhten DDR-Mark-Preisen. Allein zwischen 1977 und 1989 stieg der Umsatz der "Intershops" um 66 Prozent in D-Mark! Seit Mitte der siebziger Jahre zeigte sich der schleichende Verfall der DDR-Mark am fortwährend steigenden Schwarzmarktkurs gegenüber der D-Mark, die zunehmend zur heimlichen, "eigentlichen" Währung im SED-Staat wurde. Gleichzeitig führte dies bei einer breiten Mehrheit zur Abwertung und Geringschätzung DDR-eigener Produkte. Völliges Unverständnis erregte es, wenn etwa über den "Geschenkdienst- und Kleinexport GmbH Genex" hochwertige Produkte aus der Bundesrepublik bis hin zu Autos bezogen werden konnten – sofern man "Westverwandtschaft" hatte, auf einen Trabant in der DDR jedoch zwischen 12 und 15 Jahren nach Bestellung gewartet werden musste.
Briefe an Honecker
Die ständige Jagd nach Lebensmitteln und Gebrauchsgütern erzeugte eine steigende Frustration, die sich in Eingaben an die Behörden bzw. direkt an Honecker selbst entlud. Ein anonym gehaltenes Schreiben an ihn vom 21. Mai 1985 bringt dies unmissverständlich zum Ausdruck: "Bereits auf der mittleren Ebene, in größerem Ausmaß als auf der oberen Ebene, kennen die Funktionäre den tatsächlichen Zustand im Warenangebot nicht aus eigener Anschauung. Sie können ihn nicht kennen, weil sie zu der bevorzugten Kaste gehören, weil ihre Sonderläden tatsächlich keine solchen Lücken im Warenangebot aufweisen wie die Einkaufsläden für die allgemeine Bevölkerung. Diese Genossen können zu jeder Zeit auch jede im Bereich des normalen Bedarfs, ja des gehobenen Bedarfs liegende Ware kaufen, zum Beispiel Rindsrouladen und ähnliches. Das Schlimmste aber ist, wie mir von vertrauenswürdigen Genossen auf Kreis-, ja Bezirksebene im Laufe der letzten Jahre mehrfach versichert wurde, dass wahrheitsgemäße Berichte zur Versorgungslage auf bestimmten Warengebieten von ihren Vorgesetzten als "Schwarzmalerei" bezeichnet wurden und gestrichen werden mussten.
Warum sagen verantwortliche Genossen an der Spitze, warum sagst Du, lieber Erich, nicht einmal die Wahrheit zu diesen Dingen? Auch ich gehöre zu denen, die ein offenes Wort vertragen können. Jedoch das Nichtoffene, das Getue, und die Niederhaltung der Kritik anstelle des Bemühens um eine echte Lösung der Probleme, das vertragen unsere Menschen nicht. Wir wollen nicht wünschen, dass es einmal eine Kraftprobe gebe, wer hinter Dir und Deinen oben verantwortlichen Genossen stünde, das Ergebnis wäre bei weitem nicht so gut, wie es Dir selbst scheinen würde. [...] Mit sozialistischem Gruß! Ein Getreuer." (Zit. nach: Monika Dertz-Schröder/ Jochen Staadt, S. 60 f.) |
 |
 |
|
 |
09. Februar 2012
 |
|