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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 29-30/2007)

Psychologie des Mobilitätsverhaltens


Bernhard Schlag / Jens Schade
Inhalt

Einleitung

Erklärung des Mobilitätsverhaltens

Motive der Verkehrsmittelwahl

Verhaltensänderungen?

Motive der Verkehrsmittelwahl
Für die Verkehrsmittelwahl ergeben sich damit drei Gruppen von Motiven,[11] die Mobilitätsverhalten im Zusammenspiel mit den situativen Angeboten und Möglichkeiten, den eigenen Fähigkeiten sowie den sozialen Normvorgaben und Erwartungen erklären können. Das gewählte Fortbewegungsmittel und das Fahren können verstanden werden als Mittel zum Zweck: Transportfunktion; instrumentelle Motive: extrinsisch; rationales Kalkül (soweit nicht habituiert); in ihrer symbolischen Bedeutung; symbolische, sozial expressive Motive: psychosozialer Zusatznutzen oder Mehrwert (z.B. als Selbstinszenierung); als Selbstzweck: Spaß am Fahren; emotionale, intrinsische Motive: nachhaltiger aufgesucht, weniger anfällig für Frustrationen, besonders änderungsresistent.

Tabelle 2 enthält eine Reihe von Beispielen (Vgl. PDF-Version). Die Motivation muss allerdings keineswegs eindeutig sein; oft enthält sie intraindividuelle Konflikte,[12] die wiederum Änderungspotenziale eröffnen.

Neben der Transportfunktion, angenehm und schnell von A nach B zu gelangen, hat das Auto also - stärker wohl als alle anderen Verkehrsmittel bzw. "Gebrauchsgegenstände" - eine Reihe weiterer Funktionen und sozialer Bedeutungen. Es bedient in außerordentlich starkem Maße "Extra-Motive". Ein psychologischer Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass nicht nur das (erwartete) Endergebnis einer Handlung zur Ausführung motiviert, sondern auch der Handlungsvollzug selbst als lustvoll erlebt werden kann. Diese intrinsische Motivation (bis hin zum flow-Erleben) ist unabhängig von externer Belohnung, sie ist häufig stärker, wirkt nachhaltiger und ist gegen Frustrationen widerstandsfähiger, sie hört bei Zielerreichung nicht auf (ist nicht sättigbar) und lässt bei Wahlfreiheit immer wieder Möglichkeiten zur Ausführung dieser positiv erlebten Tätigkeit aktiv aufsuchen. Intrinsische ist extrinsischer Motivation bei der Generierung und Aufrechterhaltung von Verhaltensweisen überlegen.[13]

Um die potenzielle Wirksamkeit unterschiedlicher Verhaltensänderungsstrategien abschätzen und die gerade im Verkehrsbereich geringe Korrespondenz von Wissen, Einstellungen und Verhalten besser verstehen zu können, ist es wichtig, sich die oft intrinsisch motivierenden Extra-Funktionen speziell des Autos zu vergegenwärtigen. Sieben Extra-Funktionen werden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, im Folgenden erläutert.

1. Das Auto als soziales Signal trägt kulturell generierte Bedeutungen, es ist Symbol für Freiheit, Stärke, Kontrolle, Status, Geschmack, es dient der Erhöhung des Selbstwertes, und es kann dies auch kommunizieren: Die Decodierung dieser Botschaften gelingt allgemein und bereits bei kleinen Kindern (car literacy).

2. Das Auto als Kostüm tritt in dieser sozialen Funktion an die Seite der Kleidung und ist für viele eine Möglichkeit, sich auszudrücken, es ist distinkt - und macht den Unterschied. Autos bieten positive soziale Distinktheit, sie sind geradezu Symbol dieser Höherwertigkeit - und als solche käuflich. Autos werden somit zum persönlichen Statement, zum Persönlichkeitsausdruck.

3. Das Autofahren als Sprache: Nicht nur für Fahrzeuge und ihre soziale Wertigkeit, sondern auch für Fahrverhaltensstile haben wir Kommunikationscodes entwickelt, ähnlich unserer Körpersprache, deren Decodierung im jeweiligen sozialen Kontext unmittelbar gelingt und die meist unreflektiert sofort zu entsprechendem Verhalten führen. Beispiele sind die Nutzung des Straßenraums (als erweiterter "persönlicher" Raum), die Kommunikation von Verhaltensabsichten und -wünschen über das Distanzverhalten (drängeln bzw. hineinlassen), die Akustik (Sprache) des Fahrzeugs oder generell die von unterschiedlichen Fahrzeugklassen ausgehenden Signale und (oft unmittelbar und unreflektiert befolgten) Verhaltensaufforderungen.

4. Verstärkungswert riskanten Fahrverhaltens: Mit dem Pkw - noch stärker mit dem Motorrad - verbunden ist psychophysische und emotionale Anregung (arousal) durch sensorische Aktivation, hohe Geschwindigkeit, Längs- und Querbeschleunigung. Dabei besteht eine physiologische Basis des arousal in der (positiv) stressinduzierten Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, deren evolutionäre Funktionen es waren, den Organismus für fight and flight vorzubereiten. Gelungene Situationsbewältigung hat in diesem Kontext in besonderem Maß verstärkende Wirkung, wird also zu wiederholen gesucht. Wesentliches Wirkelement ist dabei auch die durch eigenes Handeln (self-efficacy) herstellbare Unmittelbarkeit bzw. Kontingenz der Verstärkung.

5. Autos und Kraft: Autos signalisieren nicht nur physische, sondern auch soziale Potenz und Überlegenheit. Sie bieten die stärkste Form physikalischer Energie, die die meisten Menschen jemals in ihrem Leben kontrollieren können. Diese Stärke wird zum Symbol für sozialen Status. Zugleich spielen Design und Werbung damit, dass Autos "Körper" haben, sie werden anthropomorphisiert und gezielt verknüpft mit menschlicher Attraktivität und sexuellem Erfolg.

6. Das Auto und Sicherheit: Das Auto bietet Schutz vor Belästigung (security) und Eingriffen in die Privatsphäre, es bietet einen Platz, an dem man sich sicher und von der Welt abgeschirmt fühlt. Das Auto wird zum Kokon. Security wird hoch bewertet und durch das Auto subjektiv besser als in öffentlichen Verkehrsmitteln gewährleistet, zudem erscheint safety (Unfallschutz) technisch gewährleistet.

7. Abhängigkeit vom Auto als psychische Bindung: Die Eltern-Kind-Beziehung ist durch Abhängigkeit des Kindes gekennzeichnet, die zur Bindung wird. Sigmund Freud äußerte die Vermutung, dass sich die Liebe des Kindes zu seiner Mutter vor allem darüber entwickelt, dass diese ihm Bedürfnisbefriedigung gewährt.[14] Ähnlich scheint sich die Interaktion zwischen Verstärkung, Abhängigkeit und Bindung in der Beziehung zwischen Mensch und Auto zu entwickeln: "This is the art of the machines - they serve that they may rule." (Samuel Butler, Erewhon) Diese Abhängigkeit baut sich systematisch in einer frühen Phase der Autoverfügbarkeit auf.[15]
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10. Februar 2012
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