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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Das "Fußballwunder" von 1954


Franz-Josef Brüggemeier
Inhalt

Ein Ereignis und seine Interpretation

Politisches und gesellschaftliches Umfeld

Auswirkungen des WM-Gewinns

Politisches und gesellschaftliches Umfeld
Im Frühsommer 1954 beherrschten vor allem zwei außenpolitische Themen die Öffentlichkeit, die eng zusammenhingen und bei denen Frankreich jeweils eine zentrale Rolle spielte: die Frage der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und der Krieg um Frankreichs frühere Kolonie in Indochina (Vietnam, Laos, Kambodscha).
Der Wiederbewaffnung im Rahmen einer europäischen Armee hatten die Regierungen der Bundesrepublik, Frankreichs, Italiens und der drei Benelux-Staaten im Mai 1952 zugestimmt, indem sie den Vertrag zur Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) unterzeichneten. Die Zustimmung der nationalen Parlamente war bereits erfolgt, nur die des französischen Parlamentes stand noch aus, als am 7. Mai 1954 französische Einheiten in Dien Bien Phu (Vietnam) eine entscheidende Niederlage gegen die kommunistischen Truppen der Vietminh erlitten. Wenige Tage später stürzte die Regierung. Pierre Mendès-France, der neue Ministerpräsident, trat mit dem Versprechen an, den Krieg innerhalb von 30 Tagen zu beenden. Die Aussichten, dass das französische Parlament angesichts dieser Probleme die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik billigen würde, sanken gegen Null.
Das brachte Bundeskanzler Konrad Adenauer und seine innenpolitisch umstrittene Politik der Westintegration in eine schwierige Position. Er bemühte sich, die Situation zu retten, übte Druck auf die französische Regierung aus und erklärte in einem Interview, das am 3. Juli, dem Tag vor dem Endspiel, erschien: "Man kann es gar nicht nachdrücklich genug sagen: Die sogenannte Alternative zur EVG ist die deutsche Nationalarmee." Er fügte hinzu, dass niemand auf der Welt eine solche Armee wünsche und deshalb die EVG unbedingt zustande kommen müsse. Doch die Angst vor einer erneuten militärischen Aufrüstung Deutschlands war in Europa weit verbreitet. Vor allem in Frankreich herrschte große Empörung.
Parallel dazu fanden in Genf Verhandlungen über Indochina statt, bei denen noch keine Einigung zu erkennen war. Der französischen Regierung lief die Zeit davon. Bei einem Scheitern der Gespräche drohten eine Verschärfung des Kalten Krieges und eine Ausweitung der Kämpfe auf weite Teile Asiens. In dieser Situation sprach sich die französische Nationalversammlung gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft aus. Am 21. Juli 1954 endete die Genfer Konferenz mit einem Waffenstillstandsabkommen zwischen Frankreich und den Vietminh, und Vietnam wurde entlang des 17. Breitengrades geteilt.
Innenpolitisch beherrschten die Bundesrepublik im Frühsommer 1954 folgende Themen:
  • Wenige Tage vor dem WM-Endspiel wurde erstmals der 17. Juni als nationaler Feiertag begangen. Der Volksaufstand in der DDR lag genau ein Jahr zurück. An vielen Orten fanden patriotische Veranstaltungen statt, von denen sich Adenauer distanzierte, um den Forderungen nach nationaler Einheit seitens der SPD und der Vertriebenenverbände keinen Auftrieb zu geben. Die Vertriebenenverbände hielten in diesen Tagen ihre jährlichen Treffen ab, auf denen sie die Rückgabe der früheren deutschen Gebiete im Osten verlangten. Diese Treffen waren gut besucht, da die etwa zwölf Millionen Flüchtlinge oder Vertriebenen in der Bundesrepublik vielfach noch große materielle, soziale und emotionale Probleme hatten und in ihrem neuen Umfeld nicht überall bereitwillig aufgenommen wurden.
  • Außerdem gab es trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs 1954 noch immer mehr als eine Million Arbeitslose. Zahlreiche Waisen, Witwen und ältere Leute, die meist nur eine geringe Unterstützung erhielten, lebten in Armut.
  • Zu erinnern ist auch an die etwa 1,5 Millionen Vermissten. Die meisten waren verstorben, doch viele Angehörige hofften auf ein Wiedersehen, denn immer wieder kehrten Vermisste überraschend zurück. So setzte das Rote Kreuz seine Suchaktionen fort, Wanderausstellungen mit Bildern von Vermissten reisten durch die Städte, und das Nachmittagsprogramm des Fernsehens bestand weitgehend aus Suchsendungen.
  • Im Mai und Juni 1954 fanden mehrere Prozesse statt, die eine lange Phase des Schweigens über die Verbrechen der Nationalsozialisten beendeten. Über das große Verfahren, das parallel zur Weltmeisterschaft im französischen Metz stattfand, erschienen nur wenige Artikel. Hierbei ging es um das Konzentrationslager Natzweiler im Elsass, in dem mehr als 20.000 Juden und Mitglieder des Widerstandes umgekommen waren, oftmals auf äußerst grausame Art. Die Zeitungen berichteten dafür vielmehr über Prozesse, die allerdings Verbrechen betrafen, die Deutsche an ihren eigenen Landsleuten begangen hatten.
Damit sind nur einige der Themen genannt, die im Frühjahr 1954 Politik und Gesellschaft beschäftigten. Sie könnten ein Grund dafür sein, dass die Weltmeisterschaft in den Medien so wenig Beachtung fand. Doch politische Themen erhalten nicht automatisch größere Aufmerksamkeit, und gerade Sportereignisse können sie heute an den Rand drängen. Das war im Frühsommer 1954 nicht der Fall und hing weniger mit der Bedeutsamkeit der politischen Ereignisse zusammen als vielmehr damit, dass der Fußball damals einen bedeutend geringeren Stellenwert besaß als heute.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Fußball - mehr als ein Spiel
Editorial
Vom Randphänomen zum Massensport
Anfänge des modernen Fußballs
Entwicklung zum Volkssport
Juden im deutschen Fußball
Das "Fußballwunder" von 1954
Aufstieg des Frauenfußballs
Zuschauer, Fans und Hooligans
Geld und Spiele
Fußball weltweit
Daten zu den Teilnehmerländern der Fußball-WM 2006
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Fußball unterm Hakenkreuz
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Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen.
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