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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 09-10/2005)
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Ein Weltbürger, der keinem Fürsten dient |

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Marie Haller-Nevermann
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So unterschiedlich die Sicht auf Friedrich Schiller in den neueren Biographien auch ausfällt, so zeigen sie doch, dass das zum Mythos erstarrte Bild eines weltfremden Idealisten differenziert und korrigiert werden muss. Schiller ist nicht nur der klassische Nationaldichter, er wird auch als großer Menschenkenner und als scharfsinniger Psychologe gesehen und - nicht zuletzt - als hoch politischerAutor. Überblickt man das dramatische Werk und die historischen Schriften, fällt rasch auf, dass der deutscheste aller deutschen Dichter am allerwenigsten nationale Stoffe behandelt, sondern - als europäisch denkender Autor - seine Themen und Figuren in der Geschichte der anderen europäischen Länder findet. Dies lässt sich zwar auch mit einem Ausweichen vor den Zwängen der für Schiller bedrohlichen, stets präsenten Zensur erklären, aber es zeigt sich darin vor allem die europäische Dimension seines Denkens, welche die nationale Enge der Kleinstaaterei im Deutschland seiner Zeit überwindet.
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Zur Person |
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Marie Haller-Nevermann Dr. phil., geb. 1950; Germanistin und Romanistin;
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin-Brandenburgischen Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in
Europa, Genshagen.
Nassauische Straße 53,
10717 Berlin.
E-Mail: marie.nevermann@berlin.de
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1782 flieht Schiller aus Württemberg und spricht fortan von seinem "Dichterberuf" - einen Begriff wählend, der vor ihm nicht existierte. Den steinigen Weg vom Selbstverleger zum freien Schriftsteller geht er kompromisslos. Nichts kann ihn von diesem Ziel abhalten, weder der frühe Erfolg der Mannheimer "Räuber"-Inszenierung und der dadurch auf ihm lastende politische Druck noch gesundheitliche Krisen oder Enttäuschungen wie der Verzicht des Intendanten des Mannheimer Nationaltheaters, Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg, auf eine weitere Zusammenarbeit und das daraus folgende Ende seiner Tätigkeit als Mannheimer Theaterdichter. In denkwürdigen Sätzen resümiert er in der "Ankündigung der Rheinischen Thalia" vom 11. November 1784: "Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt einzutauschen (...). Die Räuber kosteten mir Familie und Vaterland (...). Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter."
Schiller wiederholt sein politisches Bekenntnis in der Audienzszene des 1787 uraufgeführten "Don Karlos". Zweimal weist Marquis Posa das Angebot König Philipps, in freier Wahl einen Posten am Hofe zu wählen, zurück: "Ich kann nicht Fürstendiener sein." Posa lässt sich durch die Gunstbezeugung des Königs nicht kompromittieren, lehnt einen Kompromiss mit dem Despoten ab. Und dann erhebt er die kühne, ja halsbrecherische Forderung: "Gehen Sie Europens Königen voran. / Ein Federzug von dieser Hand, und neu / Erschaffen wird die Erde. Geben Sie / Gedankenfreiheit." (III. Akt/ 10. Szene) Das Verlangen nach "Gedankenfreiheit" wird nunmehr als öffentliche Forderung erhoben - Schiller schreibt für die großen Ideen der europäischen Aufklärung und wendet sich gegen Zensur und Despotismus im eigenen Land. Schon der Autor der "Räuber" hat aus seiner republikanischen Gesinnung, seiner rebellischen, antiabsolutistischen Einstellung keinen Hehl gemacht und seinen Humanitätsanspruch bis zum letzten Stück, "Wilhelm Tell", beibehalten. Stauffachers Rede formuliert noch einmal das große Freiheitsideal: "Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht." (II/2) |
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10. Februar 2012
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