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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Anfänge des modernen Fußballs


Franz-Josef Brüggemeier
Inhalt

Einleitung

Vorreiter Großbritannien

Entwicklungen in Deutschland

Zwischen Faszination und Ablehnung

Elemente des Fußballs

Entwicklungen in Deutschland
In Deutschland war damals das Turnen populär, bei dem (teils sehr große) Gruppen gemeinsame Übungen durchführten, die durch eine gewisse Disziplin und vielfach auch Drill geprägt waren. Die besondere Leistung Einzelner und deren Herausragen aus der Gruppe galten als störend und waren ebenso verpönt wie der leistungsorientierte Wettkampf. Im Vordergrund standen vielmehr Harmonie und Gemeinsamkeit; Bewertungen erfolgten in gemäßigter Form, und ein expliziter Wettkampf wurde dadurch unterbunden, dass zum Beispiel mehrere Personen oder ganze Gruppen gleichzeitig siegen konnten, wenn sie bestimmte Anforderungen erfüllten. Reste dieser Vorstellungen finden sich bei den heutigen Bundesjugendspielen, bei denen alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die eine gewisse Punktzahl erreichen, eine Urkunde erhalten. Auf diese Weise war (und ist) es möglich, die Leistungen möglichst vieler anzuerkennen.
Dieses Vorgehen unterband ein zugespitztes Leistungsdenken, hatte aber auch problematische Seiten: Es verdammte den Wettbewerbsgedanken geradezu, betonte den Gemeinschaftsgedanken über Gebühr und führte zu einer Erstarrung in Ritualen, die schon Zeitgenossen beanstandeten. Das Turnen, so eine verbreitete Kritik um die Jahrhundertwende, "hat die Neigung, in die ödeste, abstrakteste Schulmeisterei zu erstarren". Bei den Übungen sehe man "in Reih und Glied hinter den Geräten aufmarschierte Riegen, im Gleichmaß nach Zeiten an den schnurgerade aufgereihten Barren schwingende Turner, [...] Reigen von Turnerinnen mit Kränzen und Schleifen, die mechanische Formveränderungen vollzogen. [...] (Man) dachte aber bei all dieser schweißtreibenden Abstraktionsarbeit nie daran, ob diese hunderterlei Stellungen [...] nicht ganz sinnlos seien."
Der Fußball, der um 1870 nach Deutschland gelangte, verkörperte eine attraktive Alternative. An die Stelle einer diffusen Gruppe trat eine klar abgegrenzte Mannschaft, die gegen eine andere antrat und diese besiegen wollte, die also den Wettkampf suchte. Dies erforderte ein gemeinsames Vorgehen, doch zugleich konnten und mussten einzelne Spieler sich hervorheben. Fußballzentren waren Städte wie München, Karlsruhe oder Berlin, die enge Verbindungen zu England pflegten. Es ist deshalb nicht überraschend, dass der Fußball sich anfangs vor allem in den besseren Schichten ausbreitete, die an Universitäten, in Schulen oder durch ihren Beruf derartige Kontakte besaßen. Doch bald war er auch in der Arbeiterschaft verbreitet. Das bekannteste Beispiel dafür ist Schalke 04. Der Verein wurde 1904 von Arbeitern in Gelsenkirchen gegründet, also in einer Industrieregion, die sozial und regional denkbar weit von den damaligen deutschen Hochburgen des Fußballs in den Universitäts- und Handelsstädten entfernt lag.
 

Quellentext
Fußball-Anfänge in Berlin
[...] Fußball wurde in Deutschland zunächst fast ausschließlich von ansässigen Engländern (Schülern, Kaufleuten oder Ingenieuren) gespielt, die ihre heimatlichen Sport- und Spielgewohnheiten nicht aufgeben wollten. In Berlin war es Tom Dutton, den man als den Initiator des Fußballsports bezeichnen muss. Im Sommer spielte er auf dem Tempelhofer Feld mit einigen Landsleuten vor allem Cricket, im Herbst nebenbei auch Association, benannt nach der 1863 gegründeten Football-Association, die dem Spiel die ersten Regeln gab und das Tragen des Balles im Gegensatz zu Rugby verbot. Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums betrieben dort ihre Turnspiele wie Barlaufen und Schlagball. Dabei sahen sie oft den neuen englischen Spielen zu und begannen auch bald, an ihnen teilzunehmen. Bereits 1883 gründete diese Gruppe den Berliner Cricketclub (B.C.C.), dem Engländer und Deutsche angehörten. [...]
Wie in manchen anderen deutschen Städten, u.a. in Braunschweig, wurden auch in Berlin Schulen zu Zentren der neuen Sportbewegung. Seit 1895 hielt zum Beispiel der Turnlehrer und spätere Reichstagsabgeordnete Kopsch von der 101. Volksschule seine Turn- und Spielstunden auf dem Tempelhofer Feld ab. Oft erschien sein englischer Freund Knocker, der einen Fußball mitbrachte und sich mit Kopsch unter die Schüler mischte. Zahlreiche Gründer bekannter Berliner Fußballvereine hatten dieses Spiel an der 101. Volksschule kennen gelernt.
Die Kreuzbergstraße 75/76 war ein weiterer Ausgangspunkt des sportlichen Spiels; dort wohnte die Familie Jestram, deren vier Söhne Paul, Max, Fritz und Walter ebenfalls Kontakt zu sporttreibenden Engländern hatten. Ausschlaggebend war jedoch ihre Bekanntschaft mit dem Ingenieur Hartwig aus Petersburg, der, so oft er nach Berlin kam, mit ihnen auf der westlichen Seite des Tempelhofer Feldes Fußball spielte. Diese Gruppe vergrößerte sich ständig, zumal das Familienoberhaupt Jestram, ein alter Turner, die sportlichen Bestrebungen auch finanziell unterstützte.
Wie zufällig die neue Sportart verbreitet wurde, zeigt folgendes Beispiel. Der mit seinem Bruder und seinen Eltern auf Norderney weilende L. Aschoff schloß dort Bekanntschaft mit einem Pfarrer Loose aus Bremen, dem Mitbegründer des Bremer Fußballclubs, der ihn in die Geheimnisse des Fußballspiels einweihte. Die dort erworbenen Kenntnisse nahm er mit nach Berlin. In seinen Erinnerungen schreibt er: "Wir Schüler des askanischen Gymnasiums, vorwiegend Unterprimaner bis zur Obertertia hinunter, zogen am Nachmittag vom Belle Alliance-Platz aus mit Wimpeln geschmückten langen Speeren, die wir als Tore in die Ecke rammten, zum Tempelhofer Feld hinaus. Das Fußballspiel, das wir damals pflegten, wurde hauptsächlich durch die Lauffähigkeit des Einzelnen entschieden. Eine Bezeichnung wie sie jetzt allgemein eingeführt ist, etwa als Stürmer und so weiter, gab es damals noch nicht. Nur die Torwarte wurden als solche bezeichnet. Auch die Halbzeit war noch nicht eingeführt, wenigstensnicht für uns." [...]
Die bisher genannten Spielgruppen waren die Keimzellen der Berliner Fußballvereine. [...]

Uwe Jahn, Gertrud Pfister, Als Fußball noch "Association" hieß. Die Anfänge des Fußballsports in Berlin, in: Gerd Steins (Hg.), Spielbewegung - Bewegungsspiel. Ausstellungskatalog, Berlin 1982, S. 67ff.

Wie in England bestanden auch in Deutschland neben Fußball anfangs Formen des Spiels, die dem Rugby glichen, also rauer waren und es erlaubten, den Ball auch mit der Hand zu spielen. Ebenfalls analog zu England kam es bald zu Bemühungen, einheitliche Regeln festzulegen, um diese nicht bei jeder Begegnung erst umständlich anpassen zu müssen. Diese Vereinheitlichung gelang mit der Gründung des DFB im Jahre 1900, dessen Regelwerk sich eng an die in England bestehenden Vorschriften anlehnte.
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09. Februar 2010
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Inhalt
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Fußball - mehr als ein Spiel
Editorial
Vom Randphänomen zum Massensport
Anfänge des modernen Fußballs
Entwicklung zum Volkssport
Juden im deutschen Fußball
Das "Fußballwunder" von 1954
Aufstieg des Frauenfußballs
Zuschauer, Fans und Hooligans
Geld und Spiele
Fußball weltweit
Daten zu den Teilnehmerländern der Fußball-WM 2006
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Schriftenreihe (Bd. 519)
Fußball unterm Hakenkreuz
Fußball unterm Hakenkreuz
Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen.
Fußball unterm Hakenkreuz