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Informationen zur politischen Bildung (Heft 276)
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Gesellschaft im Umbruch |

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Dieter Segert
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Die Stellung der Frauen im letzten Jahrzehnt war durch die Lage der tschechischen Familien sowie durch den Arbeitsmarkt in einer sich transformierenden Gesellschaft bestimmt. Die meisten tschechischen Frauen befinden sich in Vollzeitarbeitsverhältnissen, die nur durch Schwangerschafts- und Elternurlaub unterbrochen werden, während nur acht Prozent unter Teilzeitbedingungen arbeiten. Frauen stellten Ende der neunziger Jahre insgesamt circa 44 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Der hohe weibliche Beschäftigungsgrad ist in der wirtschaftlichen Situation der tschechischen Familien begründet, denen ein Einkommen allein nicht ausreichen würde und entspricht dem dortigen weiblichen Selbstverständnis.
Die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich trotz der im Verlaufe der neunziger Jahre erlassenen Anti-Diskriminierungsgesetze durch ausgeprägte Ungleichheiten aus. Auch wenn tschechische Frauen allmählich in traditionelle Männerdomänen eindringen, ist der Arbeitsmarkt weiterhin durch eine Segregation nach Geschlecht gekennzeichnet. Frauen arbeiten vornehmlich im Gesundheits- und Bildungswesen, in Privathaushalten, im Handel und in der Verwaltung. In diesen am schlechtesten bezahlten Bereichen sind überdies die Mehrzahl der leitenden Funktionen durch Männer besetzt. Der Anteil der Frauen an Leitungspositionen ist gegenüber dem der Männer nur halb so groß, die Spitzenpositionen großer Unternehmen wurden nur zu vier Prozent an Frauen vergeben. Frauen verdienen etwa 73 Prozent vom Durchschnittsgehalt der Männer, wobei sich das Verhältnis in den letzten Jahren weiter zu ihren Ungunsten verändert hat. Frauen sind von Arbeitslosigkeit in höherem Ausmaß betroffen, seit 1995 verdoppelte sich ihre Arbeitslosenquote. Die Frauenarbeitslosigkeit stieg bis 2000 von 4,8 auf 10,6 Prozent, während bei den Männern 1995 3,4 Prozent und im Jahre 2000 7,3 Prozent arbeitslos waren.
Ungeachtet der hohen beruflichen Belastung der Frauen – bei Vollzeitstellen beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 42,5 Stunden – müssen überwiegend sie die Hausarbeit erledigen und die Kinder versorgen. In Tschechien arbeiten die Frauen im Durchschnitt 25 Wochenstunden im Haushalt. Auch wenn seit 1995 die Möglichkeit eines Elternurlaubs eingeführt worden ist, durch den auch die Väter zu Hause bleiben können, ist dies nur von einem geringen Teil auch tatsächlich genutzt worden. Die Frauen wiederum, die im Schwangerschafts- bzw. Elternurlaub angesichts des sehr niedrigen Unterhaltsbetrags von 2552 tschechischen Kronen (etwa 75 Euro) vom Einkommen ihrer Partner abhängen, dürfen nur wenig dazu verdienen. Dadurch wird die berufliche Laufbahn unterbrochen und ihnen erwachsen weitere Nachteile bei der beruflichen Wiedereingliederung. Deshalb kehren Frauen oft noch vor dem Ende des Mutterschaftsurlaubs zur Arbeit zurück.
Viele junge Frauen verschieben die Gründung einer Familie, auch deshalb, weil der Staat für junge Familien kaum Bedingungen geschaffen hat, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. In den neunziger Jahren gehörten gerade junge Familien mit Kindern zu der Gruppe, die am meisten von Armut bedroht war.
Im letzten Jahrzehnt wurde der Zugang zur Hochschulbildung in Tschechien erschwert. Weil die Zahl der Studienplätze limitiert wird, gelang es durchschnittlich nur einer von drei studienwilligen Frauen, angenommen zu werden. Diese Tatsache kennzeichnet eine der Ungleichheiten innerhalb der tschechischen Gesellschaft, die damit auch im innereuropäischen Bildungsvergleich riskiert, auf die hinteren Ränge zurückzufallen.
In der tschechischen Gesellschaft wurde in den neunziger Jahren die Situation der Frauen kaum thematisiert. In der Politik sind sie unzureichend vertreten: Im Jahr 2001 waren nur neun Prozent der Senatoren weiblich. Bei den Wahlen 2002 schafften 34 Frauen (17%) den Sprung in das Abgeordnetenhaus. Der neu gebildeten Regierung unter Ministerpräsident Vladimir Spidla gehören zwei Ministerinnen an. Auch wenn am Beginn des Jahrzehnts gemeinnützige Frauenorganisationen entstanden, ist ihr Einfluss gering geblieben. Alle Fortschritte, die auf dem Gebiet der Gleichbehandlung erreicht worden sind – etwa entsprechende Ausschüsse in Ministerien oder Regelungen des Arbeitsrechts –, wurden nicht deshalb realisiert, weil die tschechische Gesellschaft darauf gedrängt hätte, sondern weil die EU diese Veränderungen zu Voraussetzungen für den Beitritt Tschechiens erhoben hat. |
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09. Februar 2012
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Dossier |
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Die Europäische Union
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