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Der israelisch-
palästinensische Konflikt


4.5.2004
Im historischen Überblick werden die Ereignisse bis zur Staatsgründung Israels im Mai 1948 geschildert. Außerdem stehen die Kriege und die Suche nach Frieden im Mittelpunkt.

Programmierung des Konflikts



Das Erbe des Osmanischen Reiches

Ein Ziel Großbritanniens und Frankreichs im Ersten Weltkrieg war es, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches den Vorderen Orient unter ihre Kontrolle zu bringen. Nach einem Geheimabkommen zwischen London und Paris von 1916 sollte Frankreich Syrien mit dem Libanon, Großbritannien das Zweistromland sowie Palästina mit Jordanien erhalten. Sherif Ibn al Hussein, Haupt der haschemitischen Dynastie und Herrscher des Hedschas mit den heiligen Stätten Mekka und Medina, ging eine Allianz mit Großbritannien ein, um nach dem Krieg ein arabisches Großreich errichten zu können. Er setze 1917 seinen Sohn Feisal in Damaskus als König ein. Die Pariser Friedenskonferenz stellte 1919 die ehemals türkischen Gebiete des Nahen Ostens vorerst unter das Mandat des Völkerbundes, doch im April 1920 übertrug die Konferenz von San Remo Großbritannien das Mandat über Mesopotamien und Palästina, Frankreich über Syrien mit dem Libanon. Als die Franzosen 1920 Syrien übernahmen, vertrieben sie den in Damaskus residierenden Feisal, der dafür mit britischer Hilfe König des neuen Landes Irak wurde. Husseins jüngster Sohn Abdullah erhielt Transjordanien, das man 1928 zu einem unabhängigen Königreich machte. Das restliche, bereits konfliktreiche Palästina blieb Mandatsgebiet ohne Staatscharakter unter dem britischen Kolonialministerium, das hier einen Hochkommissar einsetzte.




Der Zionismus und die Balfour-Deklaration

Für Palästina war bereits der Zionismus von Bedeutung. Der Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und bezeichnete den Wunsch der in vielen Ländern verfolgten Juden, nach Zion in das Land der Väter zurückzukehren. 1897 konnte in Basel der erste internationale Zionistenkongress zusammentreten und ein Grundsatzprogramm verabschieden, in dem die jüdische Besiedlung Palästinas gefordert wurde. Initiator war der österreichische Jude Theodor Herzl, der in seinem 1896 erschienenen Buch "Der Judenstaat"[1] organisatorische Vorschläge dafür dargelegt hatte. Herzl gilt daher als Vater der jüdischen Heimstätte in Palästina und somit des Staates Israel.

1897 war bereits die erste Alija (Einwanderungswelle) im Gang, in der von 1882 bis 1903 30 000 Juden nach Palästina kamen. Damals lebten dort bereits 350 000 Menschen, größtenteils Araber. Die lange in der Historiographie vertretene Auffassung, Herzl und seine Anhänger hätten ein nahezu unbewohntes Palästina vor Augen gehabt, ist nicht mehr haltbar. Vielmehr ist Herzl auf den wirklichen Sachverhalt aufmerksam gemacht worden,[2] dachte aber nicht an gewaltsames Vorgehen. Mit der zweiten Alija bis 1914 konnte die jüdische Bevölkerung Palästinas auf 85 000 ansteigen.

Palästina war für Londons Kolonialpolitik von zentraler Bedeutung. Damit war der Suezkanal vom Osten abzusichern und der Landweg von Ägypten nach Indien frei. Als 1917 die Führung der britischen Zionisten von der Londoner Regierung die Anerkennung Palästinas als Heim des jüdischen Volkes wünschte, versprach der britische Kolonialminister Lord Balfour dem Vorsitzenden der Vereinigung jüdischer Gemeinden in England, Lord Rothschild, dieses Vorhaben zu erleichtern, jedoch mit der Einschränkung, dass nichts getan werden dürfe, "was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Land beeinträchtigen könnte". Auf diese "Balfour-Deklaration" haben sich die Zionisten Palästinas lange berufen. Lord Rothschild war mit Chaim Weizmann (1874 - 1952) befreundet. Dieser sollte für die Verwirklichung der zionistischen Idee von größter Bedeutung werden. 1918 wurde Weizmann nach Palästina entsandt, wo er alsbald als Vertreter der wirtschaftlichen und politischen Interessen der wachsenden jüdischen Bevölkerung fungierte. 1928 wurde er Präsident der "Jewish Agency" und setzte sich immer wieder für eine enge arabisch-jüdische Zusammenarbeit ein.

Arabischer Terror 1920/21 und 1929

Als die dritte Alija eingesetzt hatte, wurden viele Araber von der Furcht ergriffen, dass die Einwanderung eines Tages zur jüdischen Majorität führen könnte. Das schürte den schon länger wachsenden Antizionismus, der in blutigen Ausschreitungen 1920 und 1921 seinen Ausdruck fand. Eine britische Untersuchungskommission gab der Balfour-Deklaration und der zionistischen Propaganda die Mitschuld an den Vorfällen. Das "Churchill White Paper" vom Mai 1922 nannte die Errichtung der jüdischen Heimstätte rechtmäßig, sprach sich aber auch gegen den extremen Zionismus aus.

Inzwischen hatten die gut 600 jüdischen Siedlungen miteinander Kontakt aufgenommen und bildeten zusammen ein Gemeinwesen, den Jischuv mit der Jewish Agency an der Spitze. Die Araber versäumten es, eine vergleichbare Institution zu gründen. Mit der zweiten Alija waren ungefähr 40 000 Juden ins Land gekommen, von denen ein großer Teil Palästina wieder verließ. Doch gerade jene, die blieben, waren von dem Willen beseelt, den Jischuv zu einem Staatswesen auszubauen. Unter ihnen war David Gruen, der sich bald David Ben Gurion nannte und 1948 Israels erster Ministerpräsident werden sollte.

Der erste britische Hochkommissar Sir Samuel (1920 - 1925) wollte die einflussreichen Jerusalemer Clans versöhnen und ernannte den aus dem bedeutendsten Clan kommenden Hadj Amin el-Husseini zum Großmufti von Jerusalem. Dieser wurde überdies Vorsitzender des Obersten Islamischen Rates und damit Sprecher der arabischen Nationalisten. Im August 1929 kam es zu einem heftigen arabisch-jüdischen Zusammenstoß in Jerusalem, hinter dem die Agitation des Großmufti stand. Die Unruhen griffen auf andere Städte über. Am schlimmsten waren die arabischen Massaker in Hebron und Safed. Die Ereignisse leiteten eine tiefe Feindschaft zwischen den beiden ethnischen Gruppen und Religionen ein. Die britische Regierung kündigte 1930 eine Reduzierung oder gar vorübergehende Einstellung der Einwanderung an, doch Chaim Weizmann konnte die Durchsetzung verhindern. Mit der fünften Alija 1931 bis 1939 erreichte die Einwanderung mit 265 000 Personen einen ersten Höhepunkt, bedingt durch den Nationalsozialismus in Deutschland.



Fußnoten

1.
Theodor Herzl, Der Judenstaat, Augsburg 1996.
2.
Vgl. Friedrich Schreiber/Michael Wolffsohn, Nahost. Geschichte und Struktur des Konflikts, Opladen 19892; Ludwig Watzal, Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, Berlin 20022, S. 13f.