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31.10.2002 | Von:
Detlef Pollack

Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob Religion und Kirche in Ost- und Ostmitteleuropa an gesellschaftlicher Relevanz verlieren oder gewinnen? Und welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

I. Einleitung

In dem folgenden Beitrag geht es um die Frage, von welchen Faktoren die gesellschaftliche Relevanz von Religion und Kirche in Ost- und Ostmitteleuropa abhängt. Früher sah man den gesellschaftlichen Wandel von Religion häufig in Abhängigkeit von Prozessen der Modernisierung. Heute wird nicht selten die Bedeutung des Verhältnisses von Staat und Kirche oder allgemeiner von Politik und Religion für die Attraktivität von Kirchen und Religionsgemeinschaften herausgestellt. [1] Gerade dieses Verhältnis ist in den postkommunistischen Ländern Ost- und Ostmitteleuropas besonders spannungsvoll und durch historische Erfahrungen negativ wie positiv aufgeladen.


In der Zeit des Staatssozialismus waren die Kirchen und Religionsgemeinschaften Osteuropas politisch unterdrückt und ideologisch stigmatisiert. Im Prozess des politischen Umbruchs und in den letzten Jahren davor erlebten sie eine Phase des Aufbruchs und der unmittelbaren politischen Relevanz. Heute aber gestaltet sich das Verhältnis von Kirche und Staat bzw. Religion und Politik in vielen Regionen Osteuropas schon wieder schwierig. Osteuropäische Länder könnten sich als ein interessanter Fall erweisen, um die allgemeinen Aussagen über die Konsequenzen des Kirche-Staat-Verhältnisses für die Vitalität von Religion zu überprüfen. Freilich wird man auch andere Faktoren auf ihre Relevanz für den Bedeutungswandel des Religiösen untersuchen müssen, etwa die erwähnten Modernisierungsprozesse oder Prozesse der religiösen Pluralisierung.

Fußnoten

1.
Vgl. L. R. Iannaccone, The Consequences of Religious Market Structure: Adam Smith and the Economics of Religion, in: Rationality and Society, 3 (1991), S. 156 - 177; M.'Chaves/D. E. Cann, Regulation, Pluralism and Religious Market Structure: Explaining Religion"s Vitality, in: Rationality and Society, 4 (1992), S. 272 - 290; R. Stark/L. R. Iannaccone, A Supply-Side Reinterpretation of the "Secularization" of Europe, in: Journal for the Scientific Study of Religion, 33 (1994), S. 230 - 252; D. Martin, Europa und Amerika: Säkularisierung oder Vervielfältigung der Chris"tenheit - Zwei Ausnahmen und keine Regel, in: O. Kallscheuer (Hrsg.), Das Europa der Religionen: Ein Kontinent zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus, Frankfurt/M. 1996, S. 161 - 180.