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28.12.2010 | Von:
Petra Böhnke

Ungleiche Verteilung politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation

Sozial benachteiligte Menschen nehmen seltener am politischen Geschehen teil und sind weniger ehrenamtlich tätig als der Bevölkerungsdurchschnitt. Defizite bei der Interessenvertretung gehen mit einer dauerhaft schlechten Lebenslage einher.

Einleitung

Zivilgesellschaftliche und politische Partizipationschancen gehören zum normativen Grundgerüst demokratischer Gesellschaften. Eine breite und möglichst über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg gleich verteilte Unterstützung des Gemeinwesens gilt als Qualitätsmerkmal einer Demokratie, eine lebendige Beteiligung am politischen Willensbildungsprozess als Ausdruck ihrer anerkannten Legitimität - mit anderen Worten: "Wer Demokratie sagt, meint Partizipation."[1]

Politische Teilhabe beschränkt sich nicht auf den Wahlgang oder die Parteimitgliedschaft. Sie hat viele Gesichter - von der Unterschriftenaktion bis zur Demonstration, von punktuellen themenspezifischen Aktivitäten bis zur langjährigen Gewerkschaftsarbeit. Auch freiwilliges Engagement in Vereinen, Verbänden oder bei kirchlichen und sozialen Trägern gehört dazu und zählt zu den immer wichtiger werdenden Stützpfeilern eines demokratischen Gemeinwesens.

Damit verbindet sich die Vorstellung, dass eine am Allgemeinwohl ausgerichtete Bürgerarbeit soziale Integration und gesamtgesellschaftliche Stabilität fördere und stärke. Im Kleinen, so die Putnam'sche These in Anlehnung an Alexis de Tocqueville, würden hier demokratische Verhaltensweisen geübt und erlernt, Kooperation, Kompromissbereitschaft, gegenseitiges Vertrauen und Gemeinwohlorientierung quasi unbewusst verinnerlicht.[2]

Die ernüchternde Nachricht: Bis auf die Stimmabgabe bei Wahlen und die Beteiligung an Unterschriftenaktionen ist politische Partizipation nicht weit verbreitet, im Gegenteil, nur sehr geringe Teile der Bevölkerung sind politisch aktiv. Zwar hat sich die Vielfalt der Beteiligungsformen erweitert, nicht - oder nicht wesentlich - aber ihr Nutzerkreis. Und trotz aller Bemühungen, freiwilliges Engagement zu fördern und mit einem positiven Image zu versehen, geht der regelmäßige und langfristige Einsatz für allgemeine Belange zugunsten kurzer Engagement-Perioden zurück.[3]

Fußnoten

1.
Jan W. van Deth, Politische Partizipation, in: Viktoria Kaina/Andrea Römmele (Hrsg.), Politische Soziologie, Wiesbaden 2009, S. 141.
2.
Vgl. Robert D. Putnam, Bowling Alone. America's Declining Social Capital, in: Journal of Democracy, 6 (1995), S. 65-78. Allerdings gibt es auch Hinweise auf negative Begleiterscheinungen von Vereinsbindungen wie etwa Konformitätsdruck, soziale Schließung, Autonomieverlust. Vgl. Alejandro Portes, Social Capital. Its Origin and Application in Modern Sociology, in: Annual Review of Sociology, 24 (1998) 1, S. 1-24.
3.
Vgl. Mareike Alscher/Dietmar Dathe/Eckhard Priller/Rudolph Speth, Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin 2009.