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2.3.2007 | Von:
Heidi Hein-Kircher

Politische Mythen

Politische Mythen erleben in Krisen- und Umbruchphasen immer wieder eine Konjunktur. Sie wirken Orientierung gebend für soziale Großgruppen und sind daher ein zentrales Mittel zur Massenkommunikation.

Einleitung

Politische Mythen erleben in Krisenzeiten und gesellschaftlichen und politischen Umbruchphasen, bei Identitäts- und Legitimationsdefiziten häufig eine Konjunktur. So erfuhr der Stalin-Mythos in Russland anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes ebenso eine Renaissance wie der amerikanische Frontier-Mythos unter der Regierung Bush jr. in den USA. Dies zeigt, dass sich verschiedene Gesellschaften und Systeme politischer Mythen bedienen können, auch wenn ein einzelner politischer Mythos aufgrund seiner semantisch veränderlichen Struktur zunächst als ahistorisch und unpräzise, als schwer fassbar erscheint.[1] Durch ihre Wirkungsmächtigkeit beeinflussen sie politisches Handeln und thematisieren es: Politische Mythen sind Subjekt und Objekt von Geschichte, vor allem, weil sie sinngebend wirken. Damit sind sie als Instrument der Kommunikation mit den Massen ein wichtiges Medium der Politischen Psychologie.






Die historische Mythosforschung hat in den vergangenen Jahren unter dem Einfluss der modernen Kulturwissenschaft einen Aufschwung genommen.[2] Als wesentlicher Impuls wirkten einerseits neue Trends in der Nationalismusforschung, die die Nation als "imaginierte Gemeinschaft" (Benedict Anderson) ansehen, als Gemeinschaft, die sich aufgrund einer gemeinsamen Erinnerung gebildet hat und fortbesteht. Die Perspektive hat sich inzwischen insofern erweitert, als dieser Ansatz nicht nur die Konstruktion von Nationsgesellschaften umfasst, sondern allmählich auch auf das Verständnis von anderen sozialen Großgruppen wie beispielsweise der "sozialistischen Gesellschaft" oder auch auf von Regionalismen beeinflusste Gemeinschaften ausgedehnt wird.

Um im Folgenden die aus systematischen Gründen separiert dargestellten Funktionen von politischen Mythen als Mittel Politischer Psychologie zu analysieren, müssen zunächst der Begriff "politischer Mythos" definiert und anschließend die Grundaussagen sowie die Vermittlungsformen von politischen Mythen dargestellt werden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass sich politische Mythen aus analysierbaren und vergleichbaren Bestandteilen zusammensetzen, deren inhaltliche Ausprägung und Nuancierung jedoch vom jeweiligen Kontext abhängig ist.

Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden vor allem: Heidi Hein-Kircher, Überlegungen zu einer Typologisierung von politischen Mythen aus historiographischer Sicht - ein Versuch, in: dies./Hans Henning Hahn (Hrsg.), Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa, Marburg 2006, S. 407 - 424; dies., Historische Mythos- und Kultforschung. Thesen zur Definition, Vermittlung, zu den Inhalten und Funktionen von historischen Mythen und Kulten, in: Mythos. Forum für interdisziplinäre Mythosforschung, 2 (2006), S. 30 - 45 (dort jeweils mit Hinweisen zu weiterführender Literatur); Heidi Hein, Historische Mythosforschung, in: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas. Themen und Methoden, www.vifaost.de/geschichte/handbuch (19.2. 2007).
2.
Ausführliche Bibliographien: ebd. sowie Heidi Hein-Kircher (unter Mitwirkung von Katja Ludwig), Texte zu politischen Mythen in Europa. Eine Bibliografie zur historisch-politischen Mythosforschung, in: Mythos, 2 (2006), S. 227 - 230; Überblick über aktuelle Forschungen: dies./H. H. Hahn (Anm. 1); die wichtigsten europäischen politischen Mythen werden in den Katalogen zu Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum (DHM) dargestellt: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Berlin 1998, und dies. (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945. Arena der Erinnerungen. Eine Ausstellung des DHM, 2 Bde., Berlin 2004.