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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 1-2/2001)

Leitkultur als Wertekonsens


Bilanz einer missglückten deutschen Debatte
Bassam Tibi
Inhalt

I. Abschnitt

II. Abschnitt

III. Abschnitt

I. Abschnitt
Mit dem von mir geprägten Begriff einer europäischen (nicht deutschen) Leitkultur als demokratischer, laizistischer sowie an der zivilisatorischen Identität Europas orientierter Wertekonsens zwischen Deutschen und Einwanderern habe ich als syrischer Migrant versucht, eine Diskussion über Rahmenbedingungen von Migration und Integration auszulösen [1] . Der Anspruch dabei ist ein doppelter: Wir integrierten Migranten wollen mitreden und nicht länger dulden, dass bestimmte Deutsche als unser Vormund auftreten; ferner gilt es, die Diskussion endlich in rationale Bahnen zu lenken.

Zur Person
Bassam Tibi
Dr. phil. habil., geb. 1944; Studium der Sozialwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt/M.; seit 1973 Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen; zahlreiche Gastprofessuren in Asien, Afrika und den USA.

Anschrift: Georg-August-Universität zu Göttingen, Platz der Göttinger Sieben 3, 37073 Göttingen.

Veröffentlichungen u. a.: Der wahre Imam, München 1998; Europa ohne Identität, München 2000; Der Islam und Deutschland. Muslime in Deutschland, Stuttgart 2000.

Zunächst sei jedoch eine Selbstverständlichkeit für diese Diskussion erwähnt: Eine ethnische Identität kann nicht erworben werden, beispielsweise kann ein Türke nicht Kurde oder ein Deutscher kein Araber werden [2] . Aber eine zivilisatorische, an Werten als leitkulturellem Leitfaden orientierte Identität - z. B. die Identität des Citoyen im Sinne der Aufklärung - kann erworben werden. So kann ich als Araber, wenn die Definition des Begriffes "deutsch" "entethnisiert" wird, in der Bestimmung als Wahldeutscher ein Verfassungspatriot (im Sinne von Sternberger und Habermas), jedoch ethnisch kein Deutscher werden.

Was aber ist unter nationaler Identität zu verstehen? Es lässt sich hier zwischen gewachsenen und konstruierten Identitäten unterscheiden:

Die gewachsene Identität kann ethnisch-exklusiv sein - wie z. B. beim Deutschtum, Arabertum, Turktum - oder demokratisch offen wie z. B. die französische Identität des Citoyen [3] oder die angelsächsische des Citizen. Aus diesem Grunde gibt der Soziologe Reinhard Bendix [4] England und Frankreich, nicht Deutschland, als Modell für die westlichen Demokratien an [5] ; in diesem Sinne spreche ich von europäischer, nicht von deutscher Leitkultur.

Konstruierte Identitäten sind sowohl in klassischen Einwanderungsländern (USA, Kanada und Australien) erforderlich als auch in Ländern der "Dritten Welt", die nach der Entkolonialisierung eine ethnisch gemischte Bevölkerung haben (z. B. Nigeria mit ca. 60 Ethnien oder Senegal mit 13 Ethnien). In den USA ist die übergeordnete und von allen geteilte Identität des Amerikaners: "color blind, ethnicity blind, religion blind"; sie basiert auf der Bejahung der Werte der American constitution und des American way of life [6] . In den USA gibt es kulturelle Vielfalt im Rahmen des gesellschaftlichen Pluralismus [7] stets mit Wertekonsens - im Gegensatz zum Multi-Kulturalismus, der Wertebeliebigkeit kulturrelativistisch propagiert, also keine Leitkultur zulässt und somit zur "Disuniting of America" beitragen würde [8] .
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19. März 2010
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