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Jugendgewalt und Gesellschaft


31.10.2002
Wir möchten uns im Spiegel von Amoklauf und Terror nicht selbst erkennen. Eher neigen wir dazu, die Täter zur Inkarnation "des Bösen" zu erklären.

I. "Immer schlimmer"



Jugendprobleme, erst recht Jugendgewalt, sind für Pädagogen und Kriminologen das, was Überschwemmungen für Klimaforscher darstellen: Medien und Öffentlichkeit interessieren sich für bad news über die Jugend, denn ähnlich wie zerstörerisches Hochwasser offenbar die Annahmen über die Klimakatastrophe bestätigt, scheint das Ansteigen der Jugendgewalt eine Folge des Verlusts von Werten und Tradition darzustellen. Sind die Schäden von Flut und Gewalt durch Menschen - präziser formuliert durch unkontrollierte Modernisierung - verursacht? Wird tatsächlich alles immer schlimmer? Im vorliegenden Beitrag soll diese Analogie nicht weiter strapaziert werden. Ziel ist es, mit einem auch kulturvergleichend interessierten Blick auf Jugendgewalt in Deutschland über den Tellerrand der Debatte hinauszuschauen.

Jugendforscher, Pädagogen und Kriminologen müssen von Berufs wegen über Jugendgewalt beunruhigt sein. Es besteht der Eindruck, dass Jugendgewalt "immer schlimmer" wird, tritt sie doch nach Meinung medienpräsenter Experten "immer entgrenzter" auf und wird von einer "stetig steigenden" Anzahl jugendlicher Täter verübt. Solcherlei "Berufsbesorgnis", noch dazu von Wissenschaftlern vorgetragen, erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit. Wird nach spektakulären Vorfällen oder bei der jährlichen Präsentation von Kriminalstatistiken nach den Gründen für das Ansteigen der Jugendgewalt gefragt, so sollen die Antworten der Jugend- und Gewaltexperten aufgrund der Marktgesetze des Medienbetriebs möglichst kurz und leicht nachvollziehbar sein. Doch die immer gleichen oder sich ähnelnden Interpretationsmuster ("Orientierungslosigkeit", "Desintegration", "Machotum") befriedigen nicht so recht, weil sie alles - vom Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft über den Amoklauf an Schulen bis hin zu statistischen Veränderungen der Kriminalitätszahlen - erklären sollen. Die Beunruhigung bleibt auf hohem Niveau erhalten.

Auslöser für eine allgemeine Beunruhigung sind meist konkrete Ereignisse, wobei nicht die gesamte Jugend, sondern Vereinzelte oder Jugendliche in Gruppierungen ihren Mitmenschen Leid antun. Im vereinigten Deutschland waren es vor allem ausländerfeindliche Ausschreitungen und Übergriffe bis hin zu den Brand- und Mordanschlägen sowie die Amokläufe von Bad Reichenhall und Erfurt, die das Thema Jugendgewalt auf der Prioritätenliste von Jugendforschern und Politikern weiter nach oben rücken ließen. Die Frage, ob Jugend ganz allgemein gewalttätiger wird, stellt sich vor allem dann, wenn sich solche Ereignisse in kurzen Zeiträumen häufen und die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik einen Anstieg im Bereich Körperverletzung oder gar Tötungsdelikte aufweisen.

Vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte unseres Landes und der Wiederkehr der Vergangenheit anlässlich der "Goldhagen"-Debatte oder bei den Auseinandersetzungen um die "Wehrmachtausstellung" wirken die Dramatisierungen der "Alles wird immer schlimmer"-Rufer merkwürdig unhistorisch. Auf diesen Mangel der auf Einstellungsdaten und Allerweltstheorien ("Individualisierung", "Desintegration") beruhenden Jugendforschung, bei der Jugendgewalt stets "immer schlimmer" wird, passt ein Zitat von Hannah Arendt, mit dem sie den Realitätsverlust moderner Ideologien in Bezug auf den Antisemitismus kennzeichnet: "Je mehr die Geschichtschreibung sich in die so genannte Gesellschaftswissenschaft auflöst, desto stärker hängt sie sich an scheinbar wissenschaftlich bewiesene oder beweisbare Arbeitshypothesen, die doch in Wahrheit nichts anderes als gängige Meinungen sind, die in geschichtlicher Verabsolutierung sich dann in Ideologien verwandeln und schlechterdings alles, und das heißt gar nichts mehr, erklären." [1] Millionen von jungen Männern aus unserem Land beteiligten sich am schwerwiegendsten Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts. "Aber das war ja Krieg" - diese Relativierung ist eben historisch kurzsichtig, weil die Themen "Verteidigung", "Ehre" und "richtige Männlichkeit" zur Legitimation der massenhaften Gewalttätigkeit der nazideutschen Truppen und Sondereinheiten auf der Makroebene ebenso tauglich waren, wie sie es auf der (allerdings weitaus weniger lebensvernichtenden) Mikroebene der Gewalt beispielsweise von Cliquen von Migrantenjugendlichen oder "nationalgesinnten" Gruppierungen und Kameradschaften heute sind. Deutlich wahrnehmbar kommt der deutschen Vergangenheit auf der Schiene der Legitimation von Gewalt eine Funktion zu, und zwar bei "Glatzen" oder "nationalgesinnten Scheitelträgern", welche Vaterland und "Rasse" schützen wollen, sowie bei denjenigen, die gegen "Nazischweine" Gewalt als Gegenmittel befürworten.

So vergesslich die Pädagogik in Bezug auf die neuere Zeitgeschichte argumentiert, so hartnäckig wird das Argument von der "Orientierungslosigkeit" als Ursache der Jugendgewalt aufrechterhalten. Wer mit Jugendlichen aus entsprechenden Cliquen und Gruppierungen zu tun hat, merkt wie irreführend diese Denkweise ist. Junge Gewalttäter haben Orientierungen, die ihre Haltungen und Handlungen legitimieren helfen. Diese muss man freilich anders ergründen als durch Einstellungsmessungen, wenn man der Jugendgewalt sinnvoll präventiv begegnen will.

Das seit einiger Zeit von der Frauenbewegung, aber auch von medienpräsenten Kriminologen vertretene Argument, dass Jugendgewalt eben "Jungengewalt" sei, kann empirisch kaum bestritten werden. Je gewalttätiger die Taten und Ereignisse werden, umso deutlicher steigt nach den verfügbaren Daten die Beteiligung männlicher Geschlechtsangehöriger auf der Täterseite - und mit Ausnahme der Straftatsbestände im Bereich sexueller Über- und Angriffe auch auf der Opferseite. [2] Der Blick auf gender - auf die Geschlechtszugehörigkeit - als sozial und kulturell vermittelte (und sanktionierte) Materialgrundlage für eine "männliche Geschlechtsidentität" in Abgrenzung zum "anderen" Weiblichen (und sonstwie "Fremden") ist sinnvoll und notwendig. Als Allgemeingültigkeit beanspruchende Kausalannahme dümpelt jedoch die "Maskulinitäts"-These (z. B. die "Macho-Türken") ähnlich wie die Desintegrationsthese im Fahrwasser des Essentialismus: "Männlich" wird als etwas wesensmäßig Bösartiges gesetzt, etwas Schlechtes, das "naturgemäß" mit Gewalt, Aggressivität und Zerstörung einhergeht, während "weiblich" als gut gilt. Mit solchen Dogmen erklären sich Krieg, Vergewaltigung und Jugendgewalt nahezu von selbst - und von daher wenig zufriedenstellend. Wenn es um notwendige Differenzierungen geht - z. B. zwischen subkultureller Gewaltakzeptanz bei Skinheads, die aber keineswegs in Gewaltausübung münden muss, und "funktionaler" Gewaltorientierung bei Cliquen von männlichen Jugendlichen mit einer Herkunft aus Migranten- oder Spätaussiedlerhaushalten -, versagen solche One-size-fits-all-Erklärungen. In gewisser Weise ist die männerkritische "Maskulinitäts"-These", ähnlich wie die eher gesellschaftskritische These der "sozialen Desintegration", ebenso wenig zur differenzierten Erklärung von Jugendgewalt geeignet, wie es die gängigen Annahmen über die gewaltfördernde Wirkung von Videos und Computerspielen sind: Wir finden bei Gewalttätern sehr häufig Hinweise auf Maskulinitätsbesessenheit und Probleme in Familie, Schule, Arbeitswelt et cetera, so wie uns bei ihnen gleichfalls häufig eine Vorliebe für gewaltstrotzende Medien entgegentritt. Würde aber bei allen Jugendlichen und jungen Männer, die "Macho-" und Gewaltmedien konsumieren und sich mit Vorliebe an PC-"Baller"-Spielen ergötzen, die Gewaltbereitschaft zunehmen, so wären vermutlich in unseren Städten weder Schulen noch öffentliche Plätze ohne bewaffneten Personenschutz begehbar. Und würde sozialer Ausschluss Jugendliche zwangsläufig gewaltbereiter machen, müssten dann nicht Gangs von waffenstarrenden Mädchen, die bekanntermaßen schlechtere Chancen bei der Verwirklichung ihrer beruflichen Vorstellungen haben, Straßenecken und Parks für Männer nahezu unpassierbar machen?

Das Problem liegt darin, dass in Erklärungen zur Jugendgewalt bestimmte Ansätze mit einem alleinigen Wahrheitsanspruch "aufmarschieren, dem die Komplexität des Problems entgegensteht. Tatsächlich bilden geschlechtsspezifische Ursachen zusammen mit den desintegrierenden Folgen von sozialen und kulturellen Entwicklungen sowie zusätzlich mit situativen Anlässen ein Bündel von Faktoren, das latente Gewaltbereitschaft und -faszination in tatsächliches Gewalthandeln gegen Mitmenschen umschlagen lässt. Das Zusammenwirken dieser und anderer Faktoren gerät jedoch nun ansatzweise in den Blick von Jugendexperten. [3] Die Hoffnung auf kurzfristig bessere und in der pädagogischen Praxis verwendbare Annahmen über auslösende Konstellationen scheint aufgrund der beschriebenen Komplexität allerdings wenig begründet.

Aus chronologischer Perspektive [4] betrachtet, lassen sich Erscheinungen von Jugendgewalt bzw. "Jugendprobleme" als eine Aufeinanderfolge - manchmal auch als ein Nebeneinander - provozierender, sich von der "anständigen Gesellschaft" abgrenzender Haltungen beschreiben. Darin lösen sich maskulinitätsorientierte Gruppierungen, häufig im Kernpunkt der jeweiligen Form von "Jugendgewalt", mit eher androgynen Szenen und Bewegungen ab, in denen auch Mädchen und junge Frauen eine wahrnehmbare Rolle spielen. Letztere können zwar durch Konfrontation mit der Gesellschaft gekennzeichnet sein, aber Gewaltgeschehen ist eher untypisch.

In den meisten Jugendsubkulturen lassen sich Elemente von Rebellion gegen Haltungen und Überzeugungen der "anständigen" Gesellschaft feststellen. Sichtbar wird dies durch den jeweiligen Stil in Kleidung, Auftreten, Gehabe und durch Musikvorlieben. Die Jugendlichen verstoßen gegen die Norm, dass man "in der Öffentlichkeit" möglichst unauffällig und "anständig" zu erscheinen habe. Gesellschaftskritische Jugendforscher unterlagen in den siebziger und achtziger Jahren häufig dem Zwang, insbesondere in den gewaltorientierten Szenen "Kulturen von politischem Widerstand" oder Traditionen von "Arbeiterjugend" erkennen zu wollen, bspw. bei jugendlichen Fußballfans oder bei den "ursprünglichen" Skinheads, die sich gern auf ihr Working-class-Erbe berufen - zum Teil wohl auch deshalb, weil diese Akademiker als 68er Gewalt gegen den Staat und seine Institutionen insgeheim befürworteten. Seit den Ausschreitungen von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und den mit der rechten Skinhead- und Hooligan-Szene im Zusammenhang stehenden Gewalttaten ist diese Apologetik verstummt und durch die der "Orientierungslosigkeit" und "Desintegration" als Grund für Jugendgewalt ersetzt worden.


Fußnoten

1.
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, New York 1951 (München 1986), S. 41.
2.
Vgl. Dirk Enzmann, Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen jugendlicher Gewaltdelinquenz, in: Detlef Gause/Heike Schlottau (Hrsg.), Jugendgewalt ist männlich. Gewaltbereitschaft von Mädchen und Jungen, Hamburg 2002.
3.
Vgl. Heinz Cornel, Schwere Gewaltkriminalität durch junge Täter in Brandenburg, Potsdam - Berlin 1999.
4.
Vgl. Klaus Farin, Generation-kick.de. Jugendsubkulturen heute, München 2001, S. 33 ff.; Joachim Kersten, Die Gewalt der Falschen, in: Klaus Farin (Hrsg.), Die Skins. Mythos und Realität, Bad Tölz 1997, S. 95 ff..