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29.10.2003 | Von:
Detlef Siegfried

"Trau keinem über 30"

Konsens und Konflikt der Generationen in der Bundesrepublik der langen sechziger Jahre

Zwischen 1958 und 1973 bildeten sich jugendliche Subkulturen heraus. Auf der gesellschaftlichen Ebene kam es zu Konflikten vor allem deshalb, weil zwar kulturelle, aber kaum politische Spielräume zur Verfügung standen.

Einleitung

Bis weit in die zweite Hälfte der sechziger Jahre hinein war Großbritannien für viele westdeutsche Jugendliche das gelobte Land. Dies lag nicht zuletzt daran, dass ihre Altersgenossen es dort offenbar in mancher Hinsicht leichter hatten, kulturelle Vorlieben zu verwirklichen, weil sie mit mehr Toleranz von Seiten der Älteren rechnen konnten. Einen überwiegend günstigen Eindruck von der jungen Generation hatten Anfang der sechziger Jahre 32 Prozent der Italiener, 34 der Franzosen, 39 der Deutschen, 41 der Niederländer, aber mit weitem Abstand 59 Prozent der Briten.[1] In dieser Reihe zeigten sich die Deutschen ihrem Nachwuchs gegenüber weder besonders freundlich noch besonders unfreundlich. Dennoch nahmen die deutschen Akteure der neuen und anfangs vielfach noch bekämpften Jugendkulturen die Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien als gravierend wahr. In England, so meinte der Erfinder des Hamburger Star-Club, Manfred Weißleder, werde in der Beatmusik "nicht eine Art von Rebellion gegen die staatliche Ordnung" gesehen, sondern "ein anerkanntes Freizeithobby der Jugend"[2]. Demgegenüber bestehe ein "eingefleischte(s) deutsche(s) Übel" darin, gegen jugendlichen Musikgeschmack, eine bestimmte Art der Kleidung oder Haartracht teilweise gewaltsam vorzugehen.[3]




Kein Zweifel, die langen sechziger Jahre, also der Zeitraum zwischen etwa 1958 und 1973, waren in Westdeutschland "goldene Jahre" des wirtschaftlichen Wohlstands, der zunehmenden Freizeit, der Entformalisierung gesellschaftlicher Beziehungen, der politischen Liberalisierung. Viele dieser Entwicklungen hat die junge Generation maßgeblich vorangetrieben. Und dennoch kam es hier zu mitunter sehr scharfen Konflikten. Die Auseinandersetzungen zwischen den Generationen prägten die sechziger Jahre in der Wahrnehmung der Zeitgenossen. Die Tageszeitung "Die Welt" konstatierte am Ende der Dekade: "Zweifellos ist dieses Generationsproblem die große Überraschung der Nachkriegszeit, wahrscheinlich die größte Überraschung unter allem Unvorhergesehenen."[4] Ein erheblicher Teil der Dynamik der sechziger Jahre rührt aus diesem Widerspruch: dass jüngere Leute, die doch von dem gesellschaftlichen Wandel am meisten profitierten, die Gesellschaft gleichzeitig am schärfsten bekämpften - und zwar ausgerechnet ein Teil der Generationselite, Studierende oftmals bürgerlicher Herkunft.

Viele Erwachsene reagierten tolerant auf die Erweiterung des Stilrepertoires und auf die zunehmenden Partizipationsforderungen der nachwachsenden Generation. Doch für die Fähigkeit, sich an die Konsumgesellschaft anzupassen, mit dem Trend zur Liberalisierung Schritt zu halten und den Dialog zwischen den Generationen zu führen, waren die Umstände wichtig, unter denen die Beteiligten aufgewachsen waren. Diese Unterschiede waren derart vielfältig, dass die Unterscheidung zwischen "Erwachsenen" und "Jugendlichen" im Grunde zu grob ist - auch wenn die zeitgenössische Sozialforschung oft mit derlei Kategorien arbeitete und auch die historische Forschung nicht ganz auf sie verzichten kann.


Fußnoten

1.
Vgl. Das Beste aus Reader's Digest (Hrsg.), Sieben-Länder-Untersuchung. Eine vergleichende Marktuntersuchung in Belgien, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Luxemburg und der Bundesrepublik Deutschland, o.O. 1963, S. 21.
2.
Star-Club-News vom Oktober 1965.
3.
Vgl. Star-Club-News vom Juni 1965.
4.
Die Welt vom 18.5. 1969.