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26.5.2002 | Von:
Claus Leggewie

Nach dem Fall: Globalisierung und ihre Kritik

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sind sowohl die Globalisierung als auch die Kritik daran ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Globalisierungskritikern wird geistige Nähe zum Terrorismus unterstellt.

Einleitung

Nine eleven war der globale Zwischenfall. Wenn es für die Weltgesellschaft einen "Beweis" gäbe, der 11. September 2001 könnte als solcher dienen. Die Attacke auf das World Trade Center war (mehr noch als der Angriff auf das Pentagon) ein Weltereignis, von dem die gesamte Menschheit direkt oder indirekt betroffen ist oder doch sein wird. Kein media event erzeugte jemals eine solche Zeitgenossenschaft von über sechs Milliarden Menschen, wobei die Art der Betroffenheit ebenso unterschiedlich ist wie die Reaktionen, die von tiefer Niedergeschlagenheit bis zur hellen Schadenfreude reichten.

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  • Der 11. September stellte aber nicht nur eine virtuelle Weltöffentlichkeit her. Das katastrophale Ereignis zeigte auch, dass eine vernetzte Welt einen gewaltigen Schock auszuhalten in der Lage ist. Obwohl ein (nicht nur symbolisches) Zentrum der Weltwirtschaft schwer getroffen war und die materiellen Folgeschäden immens sind, wirkt die globale Ökonomie weniger angeschlagen als etwa im Jahr 1929. Der 11. September verschärfte lediglich eine Rezession, in der sich Amerika und der Rest der Welt schon seit dem Frühjahr 2001 befinden. Solche Abschwünge gehören zur ökonomischen Normalität; nur noch die in den neunziger Jahren fahrlässig genährte Illusion eines auf ewig krisenfreien Wachstums musste in sich zusammenstürzen.

    Nach den Terroranschlägen befremdete auch wohlwollende Beobachter, dass eine globalisierungskritische Bewegung sich weiterhin ungerührt "attac" nennt. [1] Silvio Berlusconi, gekränkt durch das Desaster "seines" G-8-Gipfels in Genua, unterstellte prompt Geistesverwandtschaft zwischen den Protesten vom Juli und dem Terroranschlag im September 2001. Sieben Jahre zuvor war er, auch damals als der frisch gewählte Ministerpräsident Italiens, Gipfel-Gastgeber und konnte noch ungestört mit Bill Clinton und Helmut Kohl in Neapel über die Lage der Welt plaudern. Mit solchen Kamingesprächen der so genannten "Davos-Elite" ist es vorbei; wo immer sich Regierungschefs und Delegierte internationaler Organisationen treffen, herrscht der Ausnahmezustand. Einmal abgesehen von den mehr als nur "unschönen" Gewalttaten (ich komme darauf zurück) ist diese Ruhestörung meines Erachtens eine Weltbürgerpflicht. Denn dass der Mythos einer rundum erfolgreichen Globalisierung gefallen ist, ist ebenso zu begrüßen wie die Umkehr der Beweislast, wonach jetzt die Fürsprecher die vermeintlichen Wohltaten der real existierenden Weltfinanzwirtschaft belegen müssen.

    Damit einher ging eine semantische Umstellung in der öffentlichen Meinung: Aus Globalisierungsgegnern wurden Globalisierungskritiker, und an den vermeintlichen "Anti-Globalisierern" erkannte man ihre eigene globale Reichweite, womit der wesentliche Unterschied zum "Internationalismus" früherer Protestbewegungen benannt ist. Transnationale Konzerne und Organisationen haben es heute nicht mehr mit kleinen radikalen Minderheiten wie der antikapitalistischen Bewegung der sechziger und siebziger Jahre zu tun, sondern mit einem weit verbreiteten Unbehagen am "Kasino-Kapitalismus". Es grassiert selbst im eigenen Lager, etwa bei dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem Großspekulanten George Soros, und es stößt in Kirchen- und Gewerkschaftskreisen auf beachtliche Resonanz. Seither werden andere Maßstäbe an die kapitalistische Weltwirtschaft gelegt: Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, kulturelle Diversität, und Globalisierung wird endlich nicht mehr auf ihre finanzwirtschaftliche Dimension verengt. In einer wirklich globalen Perspektive blieb, wie zuvor schon Kolonialismus und Dekolonisation, auch die weltwirtschaftliche Verflechtung seit den achtziger Jahren Stückwerk. Vernetzt wurden außerhalb der nördlichen Hemisphäre nur wenige Machtzentren und Knotenpunkte, und auch in den reichen und wohlständigen Metropolen wächst die Zahl der "Ausgeschlossenen". Die realexistierende Globalisierung wirkt also eher fragmentierend als integrativ; sie ist großräumig und grenzüberschreitend, aber nicht universal.

    Dass sich Ernüchterung gegen die triumphale Rhetorik der neunziger Jahre durchgesetzt hat, ist das unbestreitbare Verdienst der Protestierenden von Seattle, Prag und Genua. Aber wo stehen sie nach Genua und dem 11. September? Ihre Sprecher erkennen im sprunghaften Zustrom von Mitgliedern schon eine "Wachstumskrise", [2] doch dürften die Gefahren weniger im übergroßen Zuspruch als im unklaren Zuschnitt der Bewegung liegen, die bisher als bunte Vielfalt und oft auch als Einheit der Widersprüche (turtles & teamsters) voranmarschierte. Der gröbste Keil ist die Militanz, die klarer als bisher im Sinne gewaltfreien Protestes und zivilen Ungehorsams zurückgewiesen werden muss. Ebenso heikel ist das Verhältnis der Protestbewegung zur Demokratie, sowohl im Inneren der Protestbewegung als auch was ihre weltweiten Partner und Adressaten angeht. In beidem liegt eine unbewältigte Vergangenheit der antiautoritären Revolte von 1968, die zu Demokratie und staatlichem Gewaltmonopol ein ebenso ambivalentes Verhältnis hatte. Damit steht der transnationale Charakter der Globalisierungskritiker selbst auf dem Prüfstand: Herrschen bei ihnen national-protektionistische Strategien vor, die auf ein Wiedererstarken der einzelstaatlichen Souveränität setzen, oder verfechten sie eine inklusivere Variante der Globalisierung? Wollen sie also nur Populisten im Weltmaßstab sein, oder betätigen sie sich als neue weltbürgerliche Akteure?

    Fußnoten

    1.
    Attac heißt das 1998 in Frankreich gegründete Netzwerk "Association pour une Taxation des Transactions financières pour l‘Aide aux Citoyens", die sich hauptsächlich für die Einführung einer Devisenumsatzsteuer einsetzt. Vgl. die Erklärung von Attac-Deutschland zu den Terroranschlägen vom 12. September 2001 unter www.attacberlin.de/position.html
    2.
    So Attac-Sprecher Sven Giegold in einem Interview mit dem Verfasser.