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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 20/2004)

Ist Frieden zwischen Israelis und Palästinensern möglich?


Yoav Gelber
Inhalt

Befreiungsbewegungen versus Unterdrücker und Opfer

Zionismus ist nicht Kolonialismus

Koexistenz, Vertreibung, Teilung

Flüchtlinge - eine Frage unterschiedlicher Traditionen

Überleben nur durch gesellschaftlichen Zusammenhalt

Befreiungsbewegungen versus Unterdrücker und Opfer
Der arabisch-jüdische Konflikt ist einzigartig und beispiellos. Anders als bei auf den ersten Blick vergleichbaren historischen Auseinandersetzungen in Europa und anderswo geht es hier nicht um einen zwischen zwei Staaten umstrittenen Grenzbereich, sondern um unversöhnliche Ansprüche zweier Konkurrenten, der Israelis und der Palästinenser, auf ein und dasselbe kleine Land und seine heilige und hoch empfindliche Hauptstadt - Jerusalem.[1]

Zur Person
Yoav Gelber
Ph. D., geb. 1943; Studium der Jüdischen Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem; seit 1987 ord. Professor für Jüdische Geschichte an der Universität von Haifa.
Anschrift: University of Haifa, Herzl Institute, Haifa 31905, Israel.
E-Mail: ygelber@univ.haifa.ac.il

Veröffentlichungen u. a.: Independence Versus Nakbah: The Arab-Israeli War of 1948; Israeli-Jordanian Dialogue, 1948 - 1953: Cooperation, Conspiracy, or Collusion?.


Die Palästinenser waren seit der Gründung Israels gegen das zionistische Unternehmen. Als die Vereinten Nationen (UN) im November 1947 eine Resolution zur Teilung Palästinas und Schaffung eines jüdischen und eines palästinensischen Staates annahmen, wiesen die Palästinenser diese Resolution umgehend zurück. Sie weigerten sich, die Verantwortung nur für ihren Teil des Landes zu erhalten, und begannen - unterstützt von den arabischen Staaten - einen Krieg, um einen jüdischen Staat zu verhindern. Indem sie diesen Krieg verloren, wurden sie zu seinen Opfern, aber sie sind weit davon entfernt, die unschuldigen Opfer zu sein, als die sie sich heute präsentieren.

Der zentrale Punkt in dieser Auseinandersetzung ist die arabische Weigerung, sich mit Israel auszusöhnen und dessen Existenzberechtigung anzuerkennen. Nach der Niederlage von 1948 machten die arabischen Staaten genau jene UN-Resolutionen, gegen die sie sich vor ihrer militärischen Niederlage so vehement gewehrt hatten - 181 (Teilung) und 194 (unter anderem Erlaubnis zur Rückkehr von Flüchtlingen) - zum Eckpfeiler ihrer Argumentation gegen Israel. Die Araber bestanden zynischerweise auf einer strikten Erfüllung der UN-Resolutionen, verweigerten aber im Gegenzug die Anerkennung ihres neuen Nachbarn. Politische und wirtschaftliche Beziehungen mit Israel, so wurde behauptet, seien Angelegenheit der Araber und sollten nicht mit der Implementierung der UN-Resolutionen verknüpft werden, die eine internationale Verpflichtung seien. Diese Haltung wurde bis zum Besuch von Anwar al-Sadat in Jerusalem 1977 vertreten. In jüngster Vergangenheit haben Teile der arabischen Welt ihre Position geändert, obwohl die Anerkennung der Rechtmäßigkeit Israels grundsätzlich ungelöst bleibt.

Der arabisch-jüdische Konflikt war niemals symmetrisch. Seine Asymmetrie ist in den gegensätzlichen Sichtweisen der Parteien begründet. Die Israelis nehmen den arabisch-jüdischen Konflikt als Zusammenprall zweier konkurrierender nationaler Befreiungsbewegungen wahr. In solchen Konflikten sollte ein Kompromiss möglich sein. Die Auffassung der Palästinenser ist damit nicht vereinbar: Sie sehen den Konflikt als das Aufeinandertreffen einer nationalen Befreiungsbewegung (der Palästinenser) und einer unterdrückenden Kolonialmacht (des Zionismus, also Israel), die von imperialistischen Mächten unterstützt wird (erst von Großbritannien und später den Vereinigten Staaten).

Israels Ziel war es, von den umliegenden arabischen Staaten akzeptiert zu werden und in einer Art Koexistenz mit seinen Nachbarn zu leben. Die meisten Israelis haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass sie zur Erreichung dieser Ziele Zugeständnisse machen und Kompromisse eingehen müssen. Innenpolitische Debatten konzentrieren sich auf das Ausmaß der Zugeständnisse und die Reichweite der Kompromissbereitschaft. Auf der anderen Seite wollen die Palästinenser weder Koexistenz noch Kompromiss, sondern Gerechtigkeit: In ihren Augen sollte eine abschließende, dauerhafte Konfliktlösung mit Israel alle Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren sind, wieder gutmachen. Solange die israelischen Zugeständnisse der palästinensischen Vorstellung von Gerechtigkeit entsprachen, dauerte der so genannte "Friedensprozess" an. Als Israel mit den Zugeständnissen aufhörte und auf bestimmten Positionen bestand, brach der Kampf der Palästinenser um das, was sie als ihr gutes Recht empfinden, wieder auf. Und das ist der Punkt, an dem sich die Parteien Anfang 2004 befinden. Die Rückkehr zur Gewalt signalisiert die fehlende Bereitschaft der Palästinenser, auf irgendetwas zu verzichten, das sie als das Ihre betrachten. Diese Taktik gab natürlich dem Zweifel der Israelis an der grundsätzlichen Aufrichtigkeit der Palästinenser neue Nahrung.

Mit Hilfe einiger revisionistischer israelischer Gelehrter - lautstark im Ausland, aber in Israel unbedeutend - haben die Palästinenser lange Zeit versucht, die kolonialistische Qualität des Zionismus nachzuweisen, um ihre Sache zu stützen. Die Verknüpfung des Zionismus mit dem Kolonialismus ist so alt wie der Konflikt, und die Beschwerden der Palästinenser reichen zurück bis zum ersten Palästina-Kongress in Jerusalem Anfang 1919, wenn nicht noch weiter. Diese Beweisführung beruht auf dürftigen und zweifelhaften historischen Fakten, die meist das Gegenteil belegen.
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08. Februar 2012
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Inhalt
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Nahost
Editorial
Der israelisch-
palästinensische Konflikt
Ist Frieden zwischen Israelis und Palästinensern möglich?
Das Unvorhersehbare vorhersagen: Der künftige Weg des israelisch-
palästinensischen Systems
Die israelisch-
palästinensische Konfrontation und ihre Widerspiegelung in der öffentlichen Meinung Israels
Die Al-Aqsa-Intifada und das Genfer Abkommen
Die Europäische Union und der Nahostkonflikt
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