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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 09-10/2005)
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Mein Schiller-Jahr 1955 |

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Manfred Jäger
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Nicht am Neujahrstag selbst, sondern genau vier Wochen später, am 1. Februar 1955, wurden in der Tageszeitung "Neues Deutschland" spezielle Trinksprüche dargebracht. Fürs Jubeln hatte die SED, die Staatspartei der DDR, wieder einmal ein geeignetes Jubiläum gefunden. Eine Totenehrung diente dazu, sich selbst zu feiern. Die pathetische Überanstrengung verbarg die gewaltsamen, unwahren und heuchlerischen Momente dieser Vereinnahmung Friedrich Schillers: "Möge das Schiller-Jahr 1955 dazu dienen, die Einheit unseres Vaterlandes und seiner humanistischen Kultur im Gedanken und in der Tat zu stärken! Möge es dazu beitragen, ein wahres und lebendiges Bild dieses großen Dichters und Volkstribunen für alle Deutschen herauszuarbeiten! Möge es unserem Volk das Werk des lebendigen unsterblichen Schiller in künstlerisch vollendeten, unverfälschten Aufführungen erschließen! Möge das poetische Feuer des Patriotismus' das in Schiller glühte und in seinen Werken weiterlebt, die Herzen der deutschen Jugend begeistern und entflammen!"
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Zur Person |
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Manfred Jäger geb. 1934; Publizist.
Kettelerstraße 3,
48147 Münster.
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Der lange und weitschweifige Text war ganz und gar der politischen Aktualität verpflichtet. Schiller wird gegen Konrad Adenauer eingesetzt, gegen dessen antinationale Spaltungspolitik: "Schiller bewies mit dichterischer Kraft und in lebendiger Anwendung für den Kampf des deutschen Volkes, daß eine volksfeindliche Politik zum Scheitern verurteilt ist." Der Dichter habe das deutsche Volk zum Widerstand gegen Unterdrückung und staatliche Zerstückelung aufgerüttelt und Helden "aus dem einfachen werktätigen Volk" gestaltet. Gemeint waren damit - neben der "Jungfrau von Orleans" - vor allem Wilhelm Tell und seine Eidgenossen. Deshalb kulminierte die Stellungnahme des Zentralkomitees der SED in dem zur aktuellen Losung umfunktionierten Zitat: "Seid einig, einig, einig."
Ich war damals Student der Journalistik im dritten Studienjahr, an jener legendären und berüchtigten akademischen Institution im Leipziger Süden, die vor allem in den fünfziger Jahren treffend als "Rotes Kloster" charakterisiert wurde. Wir wurden angehalten, die ZK-Direktive in Sachen Schiller eingehend zu studieren.
Die hymnische Einstimmung auf ein in allen Bezirken zu feierndes Gedenkjahr konnte nicht einfach vergessen lassen, dass von Marx bis Mehring eine heftige Kritik an dem Idealisten und Kantianer Schiller vorlag, der als Opfer der deutschen Misere zu gern ins Reich des schönen Scheins floh. Auch dafür hatte das Zentralkomitee vorgesorgt. Als Nebenstimme - hinter dem enthusiastischen Forte - liefen die alten Vorbehalte und Einwände durch den Text mit. Schillers Haltung zur Französischen Revolution wird anhand des Modells "Wesen und Erscheinung" beschrieben. Mit dem "historischen Gehalt" sei er voll einverstanden gewesen, leider zeigte er aber "Unverständnis für die politischen Formen der Französischen Revolution, wie sie während der Herrschaft der Jakobiner in Erscheinung traten". Indirekt wird der als vorbildlicher Humanist gefeierte Dichter gerügt, weil er weder die Schönheit noch die Notwendigkeit der Guillotine sah. Seine Befangenheit und "die Einwirkung Kants" hätten ihn dazu verleitet, die wahre Freiheit jenseits der Wirklichkeit zu suchen. Aber immer nur zeitweilig. Schiller wandelte nicht dauerhaft auf Irrwegen. Er fand auf den fortschrittlichen Pfad zurück, vor allem unter Mithilfe des älteren, reiferen Goethe, der innerhalb der Klassik-Rezeption der SED stets die Spitzenposition behielt: "Von Goethe, der weiter zu materialistischen Anschauungen vorgedrungen war, empfing Schiller dabei die Stärkung seiner Entwicklung zum Realismus."
An der gefährlichen Wegstrecke des Fortschritts sorgte also der große Goethe für Stärkung, damit sich der gefährdete, verführbare Schiller wieder einfügte in die welthistorische Mannschaft, als deren Avantgarde sich auch im Gedenkjahr 1955 die SED selbst sah. |
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10. Februar 2012
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