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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)
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Juden im deutschen Fußball |

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Franz-Josef Brüggemeier
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Unter den Nationalsozialisten änderte sich die Situation schlagartig. Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 wurden in wenigen Wochen die jüdischen Mitglieder aus den Vereinen ausgeschlossen. So weit bekannt ist, gab es keine ernsthaften Versuche, die jüdischen Mitglieder in Schutz zu nehmen oder für sie einzutreten, obwohl sie vielfach schon seit dem Kaiserreich dazu gehörten. Lediglich einzelne Vereine wie Bayern München hielten zumindest den Kontakt aufrecht und ließen ihre jüdischen Mitglieder so lange wie möglich am Vereinsleben teilhaben.
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Quellentext
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Brutale Ausgrenzung - Julius Hirsch Ein Beispiel für die Situation der jüdischen Spieler nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ist Julius Hirsch. Am 10. April 1933 schrieb er seinem Verein, dem Karlsruher FV, einen Brief. Er hatte in der Zeitung von dem Beschluss der süddeutschen Spitzenklubs gelesen, marxistische und jüdische Mitglieder auszuschließen. Hirsch erklärte deshalb seine Absicht, aus dem Verein auszutreten, was ihm sehr nahe ging: "Ich gehöre dem KFV seit dem Jahre 1902 an und habe demselben treu und ehrlich immer meine schwache Kraft zur Verfügung gestellt. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt. Nur aus diesem Grunde, und nicht um mich zu brüsten, will ich Ihnen im nachstehenden einen Beweis erbringen." Er verwies auf die militärischen Dienste und Auszeichnungen seiner Brüder, von denen einer im Ersten Weltkrieg gefallen war. Außerdem erwähnte er seine eigenen Leistungen und Auszeichnungen. Dazu zählten zwei deutsche Meisterschaften, vier süddeutsche Meistertitel, sieben Einsätze in der Nationalmannschaft und als Höhepunkt die Teilnahme am Fußballturnier bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn hatte er dem KFV ehrenamtlich als Trainer und im Spielausschuss zur Verfügung gestanden.
Das alles zählte seit dem 10. April 1933 nicht mehr. Doch der Karlsruher FV spielte auf Zeit und teilte Hirsch mit, er wolle erst die Richtlinien abwarten, die noch nicht vorlagen. Vorerst bestehe deshalb für Hirsch kein Grund, den Verein zu verlassen, er solle vielmehr seine Austrittserklärung als ungültig ansehen. Doch kurz darauf lagen die Richtlinien vor, Hirsch musste aus dem Verein ausscheiden und hatte in den folgenden Jahren große Mühe, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Zeit lang arbeitete er als Trainer für den jüdischen Turnverein Karlsruhe 03. 1935 hielt Hirsch eine Rede vor diesem Verein. Darin schilderte er seine Probleme, schloss aber mit der optimistischen Bemerkung, er hoffe, der Verein werde geeignete Sportplätze erwerben und höhere Ziele erreichen können. Angesichts seiner Erfahrungen und der Unterdrückung des jüdischen Sports können die Bemerkungen als Versuch gesehen werden, seine Zuhörer aufzumuntern. Sie drücken aber auch aus, dass nicht nur Hirsch lange Zeit kaum glauben konnte, was um ihn herum geschah. Wie viele andere Juden sah er sich trotz der Ausgrenzungen und des brutalen Vorgehens der Nationalsozialisten weiterhin als Teil der deutschen Gesellschaft.
Nach seiner Zeit bei Karlsruhe 03 arbeitete Hirsch für einen französischen Verein im Elsass. Außerdem verdiente er Geld als Buchhalter in einer jüdischen Firma und versuchte mehrfach - allerdings ohne Erfolg -, im Ausland aufgrund seiner erfolgreichen Spielerlaufbahn eine Stelle als Trainer zu finden. Als 1938 die jüdische Firma arisiert wurde, verlor er seine Existenzgrundlage, wurde depressionskrank in eine Anstalt eingewiesen und erhielt nach seiner Entlassung nur noch eine Stelle auf einer städtischen Müllkippe. Seit 1941 musste er zudem den "Judenstern" tragen und konnte Heimspiele des KFV nur deshalb besuchen, weil ihn ein älterer Kartenkontrolleur heimlich an einem Hintereingang einließ.
Zwei Jahre vorher hatte Hirsch die Scheidung von seiner protestantischen Frau beantragt, um sie und die beiden Kinder durch die Trennung von ihrem jüdischen Ehemann bzw. Vater zu schützen. Hirsch wurde 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sich seine Spuren verlieren. Seine Kinder kamen nach Theresienstadt und konnten dieses Lager mit viel Glück überleben.
Eine späte Würdigung erfuhr Julius Hirsch 2005. Der DFB vergab zum ersten Mal den Julius-Hirsch-Preis. Er soll jährlich an Personen und / oder Vereine verliehen werden, die sich besonders "für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit sowie gegen nationalsozialistische, rassistische, fremdenfeindliche oder extremistische Erscheinungsformen" einsetzen. Erster Preisträger ist der FC Bayern München, dessen U-17-Team im Sommer 2005 gegen eine israelisch-palästinensische Jugendauswahl gespielt hatte.
Franz-Josef Brüggemeier
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Trotz dieser Erfahrungen nahmen viele jüdische Sportler zunächst an, dass die schlimmsten Ausschreitungen bald vorüber sein würden. Im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1936 gab es Anzeichen für diese Hoffnung. Um die Weltöffentlichkeit zu täuschen, gingen die Nationalsozialisten etwas vorsichtiger vor, ohne ihre Aussonderungs- und Unterdrückungsmaßnahmen jedoch zurückzunehmen. So blieben Juden aus "bürgerlichen" Vereinen ausgeschlossen und waren gezwungen, jüdischen Vereinen beizutreten, die jetzt einen Aufschwung erlebten. Sie bestanden schon seit der Jahrhundertwende, hatten bisher jedoch nur wenige Mitglieder, denn die große Mehrheit der Juden sah sich als Deutsche und lehnte den Beitritt zu einem explizit jüdischen oder gar zionistischen Verein ab. Gerade Sportvereine waren für sie eine wichtige Möglichkeit der Integration, hier erlebten sie eine gleichberechtigte Teilnahme - bis die Nationalsozialisten dies verboten, Juden absprachen, Deutsche zu sein, und sie in den Konzentrationslagern millionenfach ermordeten.
Eines von ihnen, das KZ-Theresienstadt, sollte als "Musterlager" die internationale Öffentlichkeit in die Irre führen. Hier ließen die Nationalsozialisten Fußballspiele zu und erlaubten den Häftlingen, eigene Ligen zu gründen. Zynischerweise benannten sie dabei eine der Begegnungen, die für eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes stattfand, nach Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Aus Erinnerungen wissen wir, wie wichtig Fußballspiele für viele Häftlinge in Theresienstadt waren. Sie boten Schutz und eine Flucht vor den Schrecken des Lagers, insbesondere für Jugendliche, die eigene Mannschaften mit Fahnen und Ausrüstung bildeten. Gerade für sie war Fußball ein wichtiges Gesprächsthema, und es bedeutete eine große Enttäuschung, wenn sie am Samstag Arrest erhielten und weder teilnehmen noch als Zuschauer zu einem Spiel gehen konnten.
Auch in anderen Konzentrationslagern wurde Fußball gespielt. Daran konnten auch Juden teilnehmen, die in diesen Lagern jedoch eine Minderheit bildeten, denn sie wurden in der Regel in die Vernichtungslager transportiert und dort ermordet. Es gab vereinzelt auch Boxkämpfe mit Juden, die jedoch nicht den Regeln eines fairen Wettkampfes folgten. Im Gegenteil: Die Nationalsozialisten wählten bewusst körperlich schwache und zudem erschöpfte Juden aus, um deren vermeintliche rassische Unterlegenheit vorzuführen. |
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09. Februar 2012
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Schriftenreihe (Bd. 519) |
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Fußball unterm Hakenkreuz
Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen. |
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