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Kollektive Erinnerung im Wandel


1.10.2003
Die Wiederkehr des Themas Flucht und Vertreibung zeigt, dass die teilweise traumatischen Spätfolgen unterschätzt worden sind. Zudem ist die Debatte über Deutsche als Opfer des Krieges lange verdrängt worden.

Einleitung



Mit Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944/45 kehrt ein Thema in die öffentliche Debatte zurück, das jahrzehntelang als anstößig und rückwärtsgewandt, ja revanchistisch verpönt war. Wer sich nicht vor der Übernahme der Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes scheue und die Aussöhnung mit den Nachbarn anstrebe, so hieß es, dürfe über Deutsche als Opfer nicht reden. Allein die Vertriebenenverbände kümmerten sich um die Betroffenen - und ihre allzu einseitige Betrachtungsweise galt vielen als hinreichender Beleg für die Diskreditierung des Themas. Als gebe es nur die Alternative zwischen einem reuigen Deutschen, der die Vertreibung als Strafe für die Verbrechen des Hitler-Regimes akzeptiert, und einem Ewiggestrigen, der das Leiden der Nachkriegszeit vor sich her trägt, um über die Schuld der Kriegszeit nicht zu reden.




Seit Anfang der neunziger Jahre weicht diese Frontstellung auf. Der ehemalige deutsche Osten rückt wieder ins Gesichtsfeld. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs löste eine wahre Erinnerungsflut und eine Neugier nach unterdrückten Wahrheiten aus. Verena Dohrn und Martin Pollack etwa schilderten das untergegangene Habsburgerreich in Galizien, Ralph Giordano reiste nach Ostpreußen und beschrieb mit großer Empathie die Trauer der einstigen Bewohner, Christian von Krockow schilderte die Strapazen der Flucht, Freya Klier griff das bis dahin tabuisierte Thema der Verschleppung von Frauen in die Sowjetunion auf, Ulla Lachauer notierte ostpreußische Lebensläufe, Roswitha Schieb machte sich auf die Reise in die Heimat ihrer Eltern nach Schlesien, Andreas Kossert entfaltete das Beziehungsgeflecht von Deutschen und Polen in Masuren, Matthias Kneip fuhr mit Großmutter, Vater und Tante in deren oberschlesische Heimat, und Helga Hirsch recherchierte über die Lager für deutsche Zivilisten in Polen.[1]

Günter Grass schließlich war mit seiner Novelle "Im Krebsgang"[2] ganz sicher kein Tabubrecher mehr. Aber sein Buch bewirkte den Durchbruch. Wenn dieser Linke, der stets vor neuen deutschen Großmachtträumen gewarnt und sich der Wiedervereinigung entgegengestellt hatte, das Ausblenden des Themas als "bodenloses Versäumnis" empfand und nun Empathie für Vertreibungsopfer zuließ, dann wollten auch Zaudernde nicht mehr bestreiten, dass sich das Bekenntnis zu deutscher Schuld und die Trauer über deutsches Leid nicht widersprechen müssen, sondern zwei Seiten einer Medaille sind.

Und so sind Flucht, Vertreibung und auch der Bombenkrieg präsent wie selten zuvor: durch Jörg Friedrichs "Der Brand"[3], im Fernsehen durch die Produktionen Guido Knopps, im Film durch "Schlesiens wilder Westen" von Ute Badura, in Talkshows, Seminaren und bei Podiumsdiskussionen. Und der Deutsche Bundestag hat die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen beschlossen, über dessen Standort heftig gestritten wird.



Fußnoten

1.
Verena Dohrn, Reise nach Galizien. Grenzlandschaften des alten Europa, Berlin 2000; Martin Pollack, Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina, Frankfurt/M. 2001; Ralph Giordano, Ostpreußen ade. Reise durch ein melancholisches Land, Köln 1994; Christian von Krockow, Die Stunde der Frauen. Bericht aus Pommern 1944 - 1947, Stuttgart 1997; Freya Klier, Verschleppt bis ans Ende der Welt. Schicksale deutscher Frauen in sowjetischen Arbeitslagern, Berlin 1998; Ulla Lachauer, Ostpreußische Lebensläufe, Reinbek 1998; Roswitha Schieb, Reise durch Schlesien und Galizien. Eine Archäologie des Gefühls, Berlin 2000; Andreas Kossert, Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001; Matthias Kneip, Grundsteine im Gepäck. Begegnungen mit Polen, Paderborn 2002; Helga Hirsch, Die Rache der Opfer, Berlin 1998.
2.
Göttingen 2002.
3.
München 2002.

 
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