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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 29-30/2008)

Doping: der entfesselte Leistungssport


Karl-Heinrich Bette / Uwe Schimank
Inhalt

Einleitung

Akteure: Das Publikum

Akteure: Die Massenmedien

Akteure: Wirtschaft und Politik

Dopingbekämpfung als "Konstellationsmanagement"

Hemmnisse

Einleitung
Das Dopingthema ist in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil der Kommunikation über den Sport geworden.
Karikatur Doping
Grossansicht des Bildes
Karikatur: Paul Pribbernow
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen einzelne Athleten, aber auch Trainer, Sportfunktionäre, Manager, Ärzte oder Apotheker, denen der Vorwurf gemacht wird, hinter einer Fassade der Regeltreue perfide Täuschungsakte vollzogen, abverlangt, unterstützt oder geduldet zu haben, um sportliche Leistungen zu steigern und um tatsächliche oder nur befürchtete Nachteile gegenüber Konkurrenten aus der Welt zu schaffen. Als Antriebsfaktoren werden übersteigerte Erfolgsmotive, Ruhmsucht, Geldgier und insgesamt moralische Verkommenheit unterstellt. Entsprechend einfach fallen die Reaktionen aus. Das Motto lautet: "Haltet den Täter und bestraft ihn!" Nur mit Kontrolle, Strafe und einer begleitenden ethischen Aufrüstung könne der mittlerweise existierende "Dopingsumpf", so die Meinung, nachhaltig trockengelegt werden.

Zur Person
Karl-Heinrich Bette
Dr. Sportwiss., geb. 1952; Professor für Sportsoziologie an der Technischen Universität Darmstadt, Magdalenenstraße 25, 64289 Darmstadt.
E-Mail: bette@sport.tu-darmstadt.de

Zur Person
Uwe Schimank
Dr. rer. soc., geb. 1955; Professor für Soziologie an der FernUniversität in Hagen, Universitätsstraße 21, 58084 Hagen.
E-Mail: uwe.schimank@fernuni-hagen.de

Wenn nicht nur die Sportverbände Doping als individuelles Fehlverhalten darstellen, sondern Medienvertreter, Juristen, Pädagogen und selbst viele Dopingkritiker ins gleiche Horn stoßen, ist es Aufgabe der Soziologie, dieses weitverbreitete Beobachtungsschema zu unterlaufen und durch eine komplexere Version der Realität zu ergänzen. Das Fehlverhalten einzelner Personen wird damit nicht etwa relativiert oder entschuldigt, sondern lediglich in einen größeren Zusammenhang gestellt. Vor allem kommen die bislang verdeckten Stellgrößen in den Blick, an denen man anzusetzen hätte, um Doping wirksam zu reduzieren.

In einer soziologischen Perspektive steht fest: Doping ist nicht das Resultat isolierter individueller Entscheidungen, die etwa auf Grundlage eines schlechten Charakters oder fehlgeleiteter Siegesambitionen getroffen würden. Doping ist vielmehr als ein "normaler Unfall" anzusehen, der sich im heutigen Spitzensport aufgrund genau benennbarer sozialer Bedingungen immer wieder neu ereignet. Die starke Dopingneigung, die in vielen Disziplinen zu beobachten ist, wird strukturell erzeugt. Sie ist das unbeabsichtigte Ergebnis des Zusammenwirkens unterschiedlichster Interessen aus Leistungssport, Wirtschaft, Politik, Massenmedien und Publikum.

Der soziologische Beobachter stößt zunächst auf die Logik des Leistungssports, der sich die Athletinnen und Athleten ohne Wenn und Aber zu unterwerfen haben. Handlungsleitend für alle, die in Wettkämpfen gegeneinander antreten, ist das Dual von Sieg und Niederlage. Diese Leitorientierung hat unerbittliche Wettkämpfe institutionalisiert und weltweite Konkurrenzen auf Dauer gestellt. Gewinnen kann immer nur einer. Der Zweite ist bereits der erste Verlierer. Das olympische Motto drückt diese auf Steigerung und Überbietung ausgerichtete Logik unmissverständlich aus: Schneller, höher, stärker! (Citius, altius, fortius!) Jeder Rekord ist nur dazu da, möglichst bald eingestellt zu werden. Das paradoxe Ziel leistungssportlichen Handelns besteht darin, niemals ein Endziel der Leistungsentwicklung festzuschreiben. Die einzige Freiheit, die individuelle Akteure in einer derart rigide vordefinierten Situation haben, besteht darin, sich dem Code nicht zu unterwerfen, den Spitzensport zu meiden oder nach einschlägigen Erfahrungen schnell wieder zu verlassen. Wer hingegen an organisierten Wettkämpfen Spaß hat, weil er sich dort vor den Augen eines zuschauenden Publikums mit Konkurrenten messen möchte, hat sich mit der Sieg/Niederlage-Orientierung zu arrangieren.
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09. Februar 2012
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