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6.5.2003 | Von:
Hermann Clement

Die Wirtschaftsstruktur Russlands

Die Ökonomie Russlands steht vor der säkularen Herausforderung, eine neue Struktur zu gewinnen. Die bisherige einseitige Ausrichtung muss ersetzt werden durch ein breites Spektrum moderner Industrien und Dienstleistungen.

Historisches Erbe weiter prägend

Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist vielfach schon vergessen, dass Russland - wie alle ehemaligen "Ostblockstaaten" - nicht jungfräulich in die Transformationsphase ging, sondern ein historisches Erbe mit sich schleppte, das nachwirkt. Das sozialistische Planwirtschaftssystem hatte abgewirtschaftet. Es war zunehmend unfähig, die Produktionsfaktoren effizient zu kombinieren. Wirtschaftlich konnten die Staaten des "Sozialistischen Weltwirtschaftssystems" mit den westlichen Staaten nicht mehr mithalten. Das wesentliche Fundament des politischen und militärischen Systems zeigte gefährliche Risse, der Lebensstandard der Bevölkerung blieb zurück und die Produktionsbasis veraltete zusehends. Anstrengungen, das sozialistische System durch den Einbau kapitalistischer Elemente zu sanieren, brachten nicht den erhofften Erfolg. Der Zerfall auch des politischen Systems und der Übergang zu einem marktwirtschaftlichen System in einem längeren Transformationsprozess waren die Folge.


Die Transformationserfolge werden also zumindest von zwei Faktoren beeinflusst, und zwar von den angetroffenen wirtschaftlichen Strukturen sowie der eingeschlagenen Transformationspolitik und deren konsequenter Durchsetzung. Während Erstere vorwiegend die Tiefe der Transformationskrise bestimmten, sind Letztere vor allem für deren Länge verantwortlich. Vergleiche von Transformationserfolgen zwischen den verschiedensten Ländern müssen daher beide Komponenten betrachten, wenn sie aussagekräftig sein sollen.

In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion waren die strukturellen Verwerfungen am stärksten, da sie fast drei Generationen Sowjetwirtschaft hinter sich hatten (nur im Baltikum war die Zeit kürzer). Folge des sowjetischen Entwicklungsmodells waren eine "Überindustrialisierung" bei Dominanz der Schwerindustrie, d.h. der Energiewirtschaft, der Roh- und Grundstoffindustrie sowie der ersten Verarbeitungsstufen. Vergleichsweise wenig entwickelt waren die Konsumgüterindustrie und der Dienstleistungssektor. Ideologisch gefärbte wirtschaftspolitische Ziele und die systembedingte ineffiziente Verwendung von Energie, Rohstoffen und Vormaterialien auf allen Verarbei-tungsstufen waren dafür verantwortlich. Die aufgrund des geschützten Marktes geringe Konkurrenzfähigkeit sowjetischer verarbeiteter Produkte auf den Weltmärkten sowie die administrativ geplante Arbeitsteilung im "Sozialistischen Weltwirtschaftssystem" (COMECON/RGW) verstärkten diese strukturelle Deformation.

Neben den strukturellen Fehlallokationen kam es auch zu einer räumlichen Fehlallokation. Niedrige, administrativ festgelegte Frachtraten und die enorme Quersubventionierung von Produktionsprozessen durch staatlich fixierte Preise und "Plan-Verlustbetriebe" erlaubten die Erschließung und Gewinnung von Rohstoffen sowie die Standortwahl für industrielle Anlagen nahezu ohne Rücksicht auf die betrieblichen Kosten. Die Transportkosten waren kein die Raumstruktur bestimmender Faktor. Dieser Allokationsprozess führte daher zu erheblichen gesamtwirtschaftlichen Verlusten.

Beim Übergang zu einer Marktwirtschaft, bei der dieser zentrale Umverteilungsmechanismus abgebaut werden muss, war daher ein sektoraler sowie regionaler Strukturwandel erheblichen Umfangs bei gleichzeitiger Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Effizienz zu erwarten. Es wäre allerdings ein Wunschdenken, wenn davon ausgegangen würde, dass dieser Prozess ohne erhebliche soziale Kosten in Form von Freisetzungen beim Sach- und Humankapital und wesentlichen Verschiebungen in den Verteilungsprozessen in der Volkswirtschaft ablaufen könnte.



Außenpolitik

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