APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf


26.5.2002
Die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung fand 1992 in Rio de Janeiro statt. Ihr Konzept der Nachhaltigkeit hat seitdem weltweit eine beachtliche Karriere gemacht.

Einleitung



Unsere Gesellschaft sei sich überhaupt nicht bewusst, welche Verpflichtung sie mit dem Rio-Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung eingegangen sei, hat mir vor einigen Jahren auf einem Gang durch seine sommergrünen Buchenbestände im Steigerwald der bayerische Forstmann Georg Sperber gesagt: "Das ist ein Umkrempeln bis tief hinein in das Wesen der Industriegesellschaft. Eine Revolution im wahrsten Sinne des Worten . . . ." [1]

  • PDF-Icon PDF-Version: 43 KB





    Jenes Bekenntnis ist in den fast zehn Jahren seit dem Erdgipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro vielfach bekräftigt worden, auch noch in jüngster Zeit: Die EXPO 2000 hatte "sustainable development" zum Leitbild. Die Europäische Union legte sich in der Präambel ihrer Grundrechte-Charta auf eine "ausgewogene und nachhaltige Entwicklung" fest. Im April stellte Bundeskanzler Schröder in Berlin seinen "Rat für nachhaltige Entwicklung" vor.

    Trotz alledem - der Warnruf des altgedienten Forstmanns, der sein ganzes Berufsleben lang die forstliche Nachhaltigkeit zur Richtschnur hatte, wirkt höchst aktuell. Das Thema hat noch immer nicht die ihm gebührende Priorität. Die Berufung des Rates für Nachhaltigkeit fand kein größeres Presseecho als (nur ein Beispiel vom selben Tag) eine Schmiergeldaffäre im Rathaus von Saarbrücken. Im Text der EU-Charta taucht der Begriff "nachhaltig" eher beiläufig auf. Und auf der EXPO? Stärker präsent als Bilder von "sustainable development" war die Ideologie des Techno-Futurismus. Wir bekommen - so dessen Botschaft - die Zukunft mit Hightech in den Griff und koppeln uns endgültig von der von uns unaufhaltsam weiter zerstörten Natur ab.

    Meinungsforscher ermitteln, dass nur etwa 13 Prozent der Bevölkerung mit dem Wort "nachhaltig" überhaupt etwas anfangen können. (Allerdings stimmte in denselben Umfragen eine Zweidrittel-Mehrheit den zugrunde liegenden Inhalten zu.) Gleichzeitig gilt es in einigen intellektuellen Milieus als chic, es als bloßes Plastikwort, als Leerformel abzutun. Mangelnde öffentliche Akzeptanz, Gleichgültigkeit und Zynismus haben freilich immer ihre Ursachen. Fast alle Daten deuten darauf hin, dass die Degradierung der natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem blauen Planeten in dem Jahrzehnt seit Rio so gut wie ungebremst weitergegangen ist. Kein Zweifel: Das Konzept der Nachhaltigkeit greift noch nicht. Es ist auch deshalb noch nicht in der gesellschaftlichen Mitte, in den Köpfen und Herzen der Menschen und - allen Bekenntnissen zum Trotz - auch nicht in der politischen Klasse angekommen. Was tun?

    Viel hängt davon ab, ob es gelingt, den Begriff zu schärfen und die Idee zu entfalten, also ihr ganzes Spektrum und ihr volles Potential ins Spiel zu bringen. Nachhaltigkeit ist weit mehr als ein technokratischer Reißbrettentwurf zur intelligenteren Steuerung des Ressourcen-Managements, mehr als ein Begriff aus der Retorte von Club of Rome, Weltbank und UNO. Schubkraft bekommt die Idee, sobald sie als ein neuer zivilisatorischer Entwurf wahrgenommen wird, als ein neuer Entwurf, der allerdings in unseren Traditionen und in der menschlichen Psyche verwurzelt ist. Tradition und Innovation müssen keine Gegensätze sein. Ein gemeinsamer Vorrat an Werten, Ideen und Träumen ist eine wichtige kulturelle Ressource.


    Fußnoten

    1.
    Ulrich Grober, Ausstieg in die Zukunft, Berlin 1998, S. 248.