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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 44/2002)
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Veränderung der Schulkultur als Ansatz schulischer Gewaltprävention |

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Wolfgang Melzer / Frank Ehninger
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I. Schulbezogene Gewaltforschung |
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Forschungen zur Gewalt in der Schule lassen sich in Westdeutschland bis in die sechziger Jahre zurückverfolgen, in denen es einen ersten Schwerpunkt gab; Anfang der neunziger Jahre erlebte die Gewaltforschung eine gesamtdeutsche Hochkonjunktur. Von den wissenschaftlichen Arbeiten der siebziger und achtziger Jahre, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind, haben einige auch im Hinblick auf den derzeitigen Erkenntnisstand nachhaltige Bedeutung. Hierzu gehört die Analyse von Günter Grauer und Jürgen Zinnecker, in der auf den engen Zusammenhang von Schul- und Schülergewalt verwiesen wird.
Eine andere wegweisende Studie ist die von Manfred Brusten und Klaus Hurrelmann
zur Verbreitung abweichenden Verhaltens. Übereinstimmend mit späteren Studien der achtziger Jahre
zeigte sich, dass die Gewalt durch Schülerinnen und Schüler als ein eher randständiges Problem anzusehen ist, das durch alltägliche Probleme des Schülerverhaltens überlagert wird. Aber schon seinerzeit erbrachten die Untersuchungen gesicherte Hinweise auf die unterschiedliche Relevanz der Thematik in den verschiedenen Schulformen.
Anfang der neunziger Jahre stellte sich eine neue Phase der "Gewaltemergenz"
ein; gleichzeitig stieg die Sensibilität, Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft (z. B. sexuelle Gewalt in der Familie, Mobbing am Arbeitsplatz) zu registrieren. Als Reaktion auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen gab es einen Boom der empirischen Forschung auf diesem Gebiet, an dem die Sozial- und Erziehungswissenschaften beteiligt waren. Weniger als ein Jahrzehnt später konnten auf vielen Gebieten wissenschaftliche Fortschritte verzeichnet werden. In einer Bilanz der "Forschung über Gewalt an Schulen"
heißt es, dass wir inzwischen recht gut über Formen und Häufigkeiten von Gewalterscheinungen an bundesdeutschen Schulen und über Schulform-, Alters- und Geschlechtsunterschiede informiert seien und auch die Beziehungen zwischen "Täter sein" und "Opfer sein" differenziert beschrieben werden könnten. Weniger Klarheit besteht nach Einschätzung der Autoren hinsichtlich der Zunahme der Gewalt, ihrer sozialisatorischen Ursachen und insbesondere des Einflusses der Schulkultur sowie der gesamtgesellschaftlichen Prozesse (z. B. Jugendarbeitslosigkeit) als mögliche Verursachungsfaktoren. Mit dem partiellen Perspektivenwechsel von der institutionellen Gewalt (siebziger und achtziger Jahre) zur Schülergewalt (neunziger Jahre) hat sich darüber hinaus die von Lehrern ausgehende Gewalt als ein weiteres Dunkelfeld aufgetan. Volker Krumm und Susanne Weiß haben sich diesem methodisch schwer zu erschließenden Gebiet genähert und sind in einer rekonstruktiven Befragung von Studierenden über eigene Mobbingerfahrungen in der Schulzeit auf ein Besorgnis erregend breit gefächertes Spektrum von Formen kränkenden Lehrerverhaltens (von der willkürlichen Notengebung bis zur rechthaberischen Stigmatisierung von Schülerinnen und Schülern) gestoßen.
Schließlich ergibt sich aus der kritischen Analyse der empirischen schul- und jugendbezogenen Gewaltforschung ein weiteres Forschungsdesiderat: der Wechsel von der Analyse der Gewaltursachen hin zur Präventionsforschung sowie zur Entwicklung und Evaluation wirkungsvoller Präventionskonzepte. Eine erfolgreiche Bilanz hinsichtlich des Theorie-Praxis-Transfers können die anregenden Untersuchungen der Arbeitsgruppe des Skandinaviers Dan Olweus für sich in Anspruch nehmen, die zugleich als Präventionsforschung zu charakterisieren sind.
Vor dem Hintergrund des u. a. von Volker Krumm
und Heinz Günter Holtappels
beklagten mangelnden Theoriebezugs empirischer Gewaltforschung der frühen und mittleren neunziger Jahre hat es in jüngster Zeit zunehmende Bemühungen gegeben, komplexe Theoriemodelle und Untersuchungsdesigns zur Ermittlung der Ursachen von Gewalt zu entwickeln.
In einem eigenen, sozialökologisch orientierten Erklärungskonzept
folgen wir dabei einschlägigen Sozialisations- und Entwicklungstheorien, nach denen neben den bio-physischen und personalen Voraussetzungen (z. B. Geschlecht, Alter, soziale Herkunft, Selbstkonzept) vor allem die primäre Sozialisation innerhalb des emotionalen Zentrums der Familie, die sekundäre Sozialisation mit dem Einfluss schulischer Prägungen, Erfahrungen und Interaktionen sowie die insbesondere in der Jugendphase relevante Sozialisation in Gleichaltrigengruppen (Peers) mit ihren vergleichsweise höheren Freiheitsgraden von grundlegender Bedeutung für die "Ökologie menschlicher Entwicklung"
sind. Dementsprechend sind im Hinblick auf die Erklärung des Gewaltverhaltens mögliche Ursachen im Bereich des familialen Erziehungsstils und des Familienklimas, der Lern-, Erziehungs- und Kommunikationskultur in den Schulen sowie der Verkehrsformen der Gleichaltrigengruppen einschließlich des Medien- und Freizeitverhaltens der Jugendlichen zu erwarten.
Im Zentrum des Theoriemodells steht der Begriff der "Gewaltemergenz". Die auf einer bestimmten Ebene, z. B. der Schulklasse, auftretende Gewalt stellt eine andere Qualität als die Summe der Aggressionsbereitschaft der Schüler dar, da immer auch Verhaltensregeln, Interventionen, z. B. von Lehrern, oder interne Kommunikationsprozesse Einfluss auf das Gewaltniveau haben.
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10. Februar 2012
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