|
|
 |

 |

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)
 |
 |
 |
 |
 |
Feldpost eines Frontsoldaten |

 |
 |
Astrid Irrgang
|
 |
|

Vom richtigen Leben im falschen |
   |
 |
 |
 |
 |
 |
Stöltens prismatische Berichterstattung deckt die fünf Jahre ab, in denen der deutsche Vormarsch funktionierte, langsamer wurde, sich in Rückzug und schließlich in eine Art letztes Gefecht verwandelte. Diese äußere Entwicklung findet ihre Entsprechung in Stöltens innerer Welt. Bewegend und exemplarisch an dieser deutschen Vita ist, wie sich der hoch begabte, differenziert denkende junge Mann kraft seiner Vaterlandsliebe und Erziehung durch das auch für ihn spätestens ab Warschau 1944 erkennbar verbrecherische Regime hat in Dienst nehmen lassen. Stölten durchlief zwar alle nationalsozialistischen Sozialisierungsstationen wie Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, aber es waren offenbar die bildungsbürgerlichen Tugenden aus seinem Elternhaus, die er für seine Rolle im Krieg mobilisierte. Die Führerpropaganda spielte dabei keine Rolle.
Stöltens Milieu war das eines anspruchsvollen Bildungskanons, tätigem Christentum verpflichtet, großstädtisch, protestantisch-national gesinnt und schichtspezifisch staatstragend. Es entsprach seinem Selbstverständnis, dem Staat, wie auch immer dieser sich präsentieren mochte, auch bei Zweifeln zu dienen. Wirkmächtig war hier sicherlich das Obrigkeitsverständnis des Paulinischen Römerbriefes. Einer besonderen Staatsnähe, etwa durch Parteimitgliedschaft, bedurfte es nicht: "Gehorsam, mehr haben wir nicht zu verantworten!", schreibt Stölten, und meint damit, dass er auch nicht weniger zu verantworten habe. Seine Gewissensnöte bleiben stets erkennbar. Typischerweise ergeht sich Stölten in seinen Briefen häufig nur in Andeutungen, was offenbar weniger der Furcht vor der äußeren Zensur denn der "Schere im Kopf" und dem Bemühen um Selbsterhaltung geschuldet war. Das so geschaffene Bild von einer Kriegswirklichkeit, in dem Gräuel sehr selten und die Judenvernichtung gar nicht benannt werden, bestimmte auch das Nachkriegsweltbild, zumindest in der Bundesrepublik. Stölten hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit im Falle seines Überlebens wie das Gros seiner Kameraden und anders als Böll nach dem Krieg über das Erlebte geschwiegen und sich um Verdrängung bemüht, wie er selbst in einem wichtigen Briefzitat an einen Freund voraussagt. Hier prophezeit er klug, was zur Lebenswirklichkeit der Kriegsteilnehmer werden sollte, dass nämlich jene Verdrängung gleichwohl nicht zur Erlösung von den bedrückenden Kriegseindrücken führen würde.
Die Auswertung der Quellen gestattet es, die Loyalität eines nicht nationalsozialistisch ideologisierten jungen Mannes zu verstehen und zugleich das Verdrängungsmoment zu erfassen, das jedem seiner Briefe eingeschrieben ist. Die stark protestantisch und bildungsbürgerlich geprägte Erziehung des Studienratssohnes bildete den Humus für eine Mentalität, die sich bei völlig unterschiedlicher Motivlage mit der Vernichtungs- und Selbstvernichtungspolitik der nationalsozialistischen Führung treffen konnte. Es ist bezeichnend, dass Stölten die Vorbildfunktion der Warschauer Aufständischen für den Endkampf in seiner Feldpost thematisiert, noch ehe Heinrich Himmler sie nur wenig später, im November 1944, vor Vertretern von Partei, Wehrmacht und Wirtschaft als offizielle Losung vorgeben sollte. Stölten ist geradezu idealtypisch für jene jungen Offiziere, die Hermann Göring in seiner berüchtigten Thermopylen-Rede zur Kapitulation Stalingrads 1943 erreichen wollte - zur Opferbereitschaft musste Stölten nicht überzeugt werden, sie war ihm natürliche Bedingung ehrenhaften Soldatentums. Aus dieser Fessel haben sich nur sehr starke Persönlichkeiten lösen können. Selbst ein Offizier wie Wilm Hosenfeld, der seine Freiräume in Warschau 1944 zur Rettung von Juden und Polen einsetzte, kämpfte anschließend als Hauptmann in der Uniform der Wehrmacht weiter und ließ alle Chancen auf Rettung der eigenen Person ungenutzt.
Wie Stölten uns aus seinen Briefen entgegentritt, kann man ihn sich schlecht als jemanden vorstellen, der sich mit strategischen Optionen beschäftigt oder gar politische Alternativen abwägt. Es ist auch keinerlei Interesse an einer solchen Tätigkeit erkennbar. Er erscheint eher als Mann des Hier und Jetzt, als ein tatkräftiger Arbeiter am Nächstliegenden. Ganz im Sinne des Paulinischen Römerbriefs war er ohne Wenn und Aber der Obrigkeit untertan und dürfte kaum auf die Idee gekommen sein, sie in Frage zu stellen. Stöltens Ausbeutung seitens dieser Obrigkeit wurde durch eine tief empfundene Liebe zum Vaterland erleichtert; personifiziert gewiss nicht im "Führer", sondern in den Seinen zu Hause. Er setzte sein Leben dafür ein, zu ihrem Schutz auch in aussichtsloser Lage beizutragen.
Die Umstände seines Todes zeigen, dass ihm nicht die Courage zur Alleinstellung fehlte, sondern allenfalls das Vermögen, seinen Standpunkt auf der höheren Ebene des politischen Großen und Ganzen zur Geltung zu bringen. Diese Haltung, am Fall Stölten ausgeleuchtet, musste konsequenterweise in der totalen Niederlage gegenüber einer Welt selbstgeschaffener Feinde enden. |
 |
 |
|
 |
10. Februar 2012
 |
 |
 |
Dossier |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|