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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 23-24/2006)

Brecht im 21. Jahrhundert


Jan Knopf
Inhalt

Einleitung

Nicht für Meinungen, sondern für Geschmacklosigkeiten

Nicht für das gute Alte, sondern für "Ford-Schritt"

Nicht für Innerlichkeit, sondern für Haltungen

Nicht für Klassizität, sondern für Offenheit

Einleitung
In Brechts letztem Originalstück Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher (1954) gibt es eine Szene, in der die Tuis "auf dem Strich" gehen und ihre Meinungen verkaufen: "Es kostet nur drei Yen und geht im Stehen."[1] Tuis - gebildet aus der abgekürzten Umstellung von "intellektuell" in "tellekt-uell-in" - nannte Brecht diejenigen Geister, die stur an ihren Überzeugungen festhalten, und ginge darüber auch die Welt unter.

Zur Person
Jan Knopf
Dr. phil., geb. 1944; Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Karlsruhe, Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB), Kollegium am Schloss, Bau II, Universität Karlsruhe, Kaiserstraße 12, 76128 Karlsruhe.
E-Mail: ef01@rz.uni-karlsruhe.de

Es ist eine Farce, dass ausgerechnet Bertolt Brecht, der sich schon als Schüler über Meinungen lustig machte, weil sie so wenig mit den Tatsachen übereinstimmten, auf eine Weltanschauung, die des Marxismus nämlich, festgelegt worden ist, obwohl er als kritischer Materialist stets dafür plädiert hat, dass die Anschauungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu entnehmen sind und dass sie sich mit dieser ständig verändern - und auch verändert werden müssen. Weltbilder seien viel zu mickrig, als dass die Welt in sie hinein passe, und moralische Überzeugungen seien vor allem dazu da, sich realiter nicht an sie zu halten. Sogar das Bühnenbild benannte Brecht um in "Bühnenbau", um jede Assoziation zum "Weltbild" auszuschließen. Und als 22-Jähriger witzelte er: "Ich vergesse meine Anschauungen immer wieder, kann mich nicht entschließen, sie auswendig zu lernen." (GBA 26,139)
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10. Februar 2012
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