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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 49-50/2003)

Vernetzte Welten - Identitäten im Internet


Joana Breidenbach / Ina Zukrigl
Inhalt

Einleitung

Ethnologie des Cyberspace

Expansive Verwirklichung und expansives Potenzial

Einleitung
"Heute bin ich müde, vom Wechseln der Identitäten im Netz. In den letzten acht Stunden war ich ein Mann, eine Frau, ein Sie/Er. Ich war ein Schwarzer, ein Asiate, Mixteco, Deutscher und eine multihybride Replik. Ich war zehn Jahre alt, 20, 42, 65. Ich habe sieben gebrochene Sprachen gesprochen. Wie Du sehen kannst, brauche ich wirklich eine Pause. Ich möchte bloß ich selbst sein, einige Minuten." Der mexikanische Performance-Künstler Guillermo Gomez-Pena spricht über sein Leben im Cyberspace.

Zur Person
Joana Breidenbach
Dr. phil., geb. 1965; freie Ethnologin und Autorin, Berlin.
Anschrift: Bayerische Straße 3, 10707 Berlin.
E-Mail: Breidenbach@compuserve.com

Veröffentlichung u.a.: (zus. mit Ina Zukrigl) Tanz der Kulturen. Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, München 1998.


Zur Person
Ina Zukrigl
Geb. 1967; freie Ethnologin und Projektmanagerin, Berlin.
Anschrift: Bochumerstraße 18, 10555 Berlin.
E-Mail: Zukrigl@onlinehome.de

Veröffentlichung u.a.: s. J. Breidenbach.


Schenkt man Visionären, aber auch Kritikern des Cyberspace Glauben, dann stehen wir an der Schwelle zu einer virtuellen Welt, in der Menschen ihre Identität hinter den neuen elektronischen Medien verschwinden lassen und die Kommunikation mit dem Rechner über den Plausch am Gartenzaun siegt. An der Bewertung dieser Entwicklung scheiden sich die Geister. Das utopische Lager sieht im Internet die Blaupause einer neuen, wissensbasierten Gesellschaft und einer transparenten und gerechteren Weltordnung, in der Menschen sich von repressiven (meist staatlichen) Mächten befreien und neue Identitäten erschaffen können. Für das dystopische Lager dagegen beschleunigt das Netz die individuelle Entfremdung. Der französische Philosoph Paul Virilio prophezeit einen fundamentalen Orientierungsverlust sowie eine "duplication of sensible reality, into reality and virtuality".[1] In dieser Vision erweitern neue Medien die Schleusen für kulturellen Imperialismus und führen entweder zur völligen Entpolitisierung durch die Kommerzialisierung ihrer Nutzer oder radikalisieren diese, indem bislang marginalisierte Nischenphänomene (Fundamentalismus, Rechtsradikalität) ein breites öffentliches Forum und neue Organisationsmöglichkeiten erhalten.

Was ist dran an der Virtualität von Individuen und Gemeinschaften? Unterscheiden sich die Online-Welten wirklich so sehr von ihren Offline-Varianten? Auf der Basis ethnographischer Fallstudien möchten wir anhand von sechs Thesen darstellen, welche kulturellen Identitäten mit Hilfe des Internets entstehen und wie diese sich politisch auswirken.
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19. März 2010
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