APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Hybride Identitäten - muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa


23.1.2009
Im Prozess der Entfremdung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und muslimischen Migranten können Menschen, die sich unterschiedlichen kulturellen Räumen zugehörig fühlen, stärker als Vermittler agieren.

Einleitung



Hybride Identität bedeutet, dass ein Mensch sich zwei oder mehreren kulturellen Räumen gleichermaßen zugehörig fühlt. Die Untersuchung konzentriert sich auf jene Individuen, die einen muslimischen Migrationshintergrund haben und diesen mit einer nationalen (etwa deutschen, französischen, holländischen usw.) Identität verbinden, also auf "Zweiheimische", die als Teil der Lebenskultur westlicher Einwanderungsländer immer selbstverständlicher werden.[1]








Im 19. Jahrhundert wurde mit dem Begriff "hybride Identitäten" eine Negativabgrenzung vorgenommen.[2] Ihre Träger wurden degradiert, da sie die "natürliche" Auseinanderhaltung der "menschlichen Rassen" gefährdeten.[3] In den Naturwissenschaften, aus denen der Begriff übernommen wurde, werden mit "Hybriden" Kreuzungen unterschiedlicher Pflanzen- bzw. Tierarten bezeichnet. In den Geistes- und Sozialwissenschaften wird der Begriff Hybridität seit Beginn der Postcolonial Studies vermehrt in einem kulturellen Kontext benutzt. Er bezeichnet ein weites Spektrum, welches sich mit Aushandlungen kultureller Zugehörigkeiten auseinandersetzt.[4] Dessen ungeachtet haftet ihm mitunter etwas Negatives an, wie neuerdings auch dem Begriff "Multikulti". Hybridität wird entweder als emphatische Überhöhung des Konzepts der kulturellen Differenz belächelt und dem ideellen Konstrukt der Kosmopolitisierung gleichgestellt[5] oder als semi-wissenschaftlicher Begriff abgewertet, der sämtliche Bereiche, von den Sprachwissenschaften über die Botanik bis hin zu Technik und Kultur, in sich zu vereinen suche. Außerdem steht der Vorwurf des kulturellen Synkretismus im Raum: also der Vermischung von kulturellen Ideen, Werten und Weltbildern zu einem neuen System oder Weltbild. In der englischsprachigen Wissenschaftsdebatte ist der Begriff hybrid identities eher positiv besetzt. Hybride Identitäten gelten als inter-, trans- und multikulturell; ihre Träger sind zweiheimisch, bi- oder trinational; sie sitzen entweder zwischen den Stühlen, oder auf einem Dritten Stuhl;[6] sie sind Menschen mit Migrationshintergrund oder aber "Andere Deutsche".[7]

Auf jeden Fall gehören sie dazu. Sie sind Teil der deutschen und europäischen Gesellschaften. Sie sind keine Fremden, sondern Menschen mit unterschiedlichen "Zugehörigkeitsspielen".[8] Teilweise lassen sich die ursprünglichen, kulturellen Unterscheidungsmerkmale rekonstruieren. Träger hybrider Identitäten sind deutsche Staatsbürger, haben aber häufig Namen, Gesichter, Haut- und Haarfarben, die sie für Andere "erkennbar" machen; in den meisten Fällen haben sie auch zusätzlich andere Erfahrungswelten. Auch wenn sie diese keineswegs als unvereinbar mit ihrer deutschen Lebenswelt begreifen, so wird ihnen dadurch doch bewusst, dass sie "anders" als die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft sind. Dieses Anderssein muss nicht immer auf einer konkreten Ausgrenzungserfahrung basieren, es kann auch aus dem eigenen kulturellen Innenraum entstehen. Diese sozialstrukturelle Gruppe steht für die Überschreitung von Grenzen, für kulturelle Interaktion und Neuverortung von Identitäten in Deutschland und Europa.


Fußnoten

1.
Cornelia Spohn (Hrsg.), "Zweiheimisch". Bikulturell in Deutschland, Bonn 2007.
2.
Vgl. Robert Young, Colonial Desire. Hybridity in Theory, Culture and Race, London-New York 1995.
3.
Vgl. Kerstin Hein, Hybride Identitäten. Bastelbiografien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa, Bielefeld 2006. S. 54ff.
4.
Vgl. Homi Bhabha, Die Verortung der Kultur, Tübingen 2000. Auch in der Technologie wird heute von hybriden Strukturen gesprochen, etwa wenn eine Zusammenführung unterschiedlicher Sphären gelingt (Beispiel: Hybridmotoren).
5.
Vgl. Jochen Dreher/Peter Stegmaier (Hrsg.), Zur Unüberwindbarkeit kultureller Differenz. Grundlagentheoretische Reflexionen, Bielefeld 2007, S. 10f.
6.
Vgl. Tarik Badawia, "Der Dritte Stuhl" - Eine Grounded Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz, Frankfurt/M. 2002.
7.
Paul Mecheril, Andere Deutsche gibt es nicht. Zusammenhänge zwischen subalterner Erfahrung und diskursiver Praxis, in: AntiDiskriminierungsBüro Köln und cyberNomads (Hrsg.), The Black Book. Deutschlands Häutungen, Frankfurt/M. 2004, S. 82-90.
8.
Vgl. Arim Soares do Bem, Das Spiel der Identitäten in der Konstitution von "Wir"-Gruppen, Frankfurt/M. 1998.

 
zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10-12 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.