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Jugend und Politik

Politisches Interesse und Engagement Jugendlicher im Lichte der 14. Shell Jugendstudie


6.5.2003
Die Ergebnisse der 14. Shell Jugendstudie 2002 sind als Alarmzeichen zu werten. Wie kann politisches Interesse und Bereitschaft zu politischem Engagement bei Jugendlichen geweckt werden?

Einleitung



Die 2002 erschienene 14. Shell Jugendstudie belegt ein weiterhin nachlassendes politisches Interesse bei Jugendlichen in Deutschland. Als politisch interessiert bezeichnen sich nur noch 34 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 24 Jahren (im Vergleich 1999: 43 Prozent; 1991: 57 Prozent).[1] Politisches Engagement geht zurück, sein Stellenwert in der Lebensgestaltung Jugendlicher sinkt weiter. Die Studie bestätigt damit einen sich fortsetzenden und zum Teil beschleunigenden Trend der so genannten "Politikverdrossenheit" unter Jugendlichen.

Zwar erweist sich diese bei näherem Hinsehen vor allem als eine PolitikerInnen- und Parteienverdrossenheit. Auch zeigt die 14. Shell Jugendstudie, dass sich diese nicht automatisch in einer Ablehnung des demokratischen Rechtsstaates oder einer Unterstützung extremistischer Tendenzen ausdrückt. Aber wenn man die Jugend als "Seismographen" zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen versteht, gilt es angesichts dieser Diagnose Alarm zu schlagen und verstärkt über Möglichkeiten nachzudenken, das politische Interesse und die Bereitschaft zum politischen Engagement bei Jugendlichen zu wecken. Zu denken gibt ein Ereignis, welches zeitgleich mit dem Erscheinen der Shell-Jugendstudie im August letzten Jahres für große Aufmerksamkeit sorgte: Nicht nur die Bilder der Fluten des Jahrhunderthochwassers haben sich in die Köpfe der Menschen eingeprägt, sondern auch die Aufnahmen der vielen freiwilligen, uneigennützig handelnden jugendlichen Helferinnen und Helfer. Diese bestätigen das in der Studie gewonnene Ergebnis, dass sich Jugendliche zwar durchaus engagieren, dies aber eher auf eine "kurzfristige" Art und Weise tun. Sie scheuen die längerfristige Bindung an Organisationen, ziehen problem- und projektbezogene Formen des Engagements vor.

Das ist vor allem bei jungen Frauen der Fall. Während junge Männer sich in etablierten Strukturen am ehesten wohlfühlen, bevorzugen junge Frauen unkonventionelle und weniger stark strukturierte Organisationen. Jungen sind vor allem in Vereinen aktiv, seien es Sport-, Musik- oder andere Vereine. Auch bei Rettungsdiensten, Feuerwehr und Jugendgruppen sind sie deutlich häufiger vertreten als Mädchen - und in Parteien kommen auf eine Frau zwei junge Männer. Mädchen dominieren dagegen beim Engagement in Schul- und Hochschuleinrichtungen, in Kirchengemeinden und anderen sozialen Verbänden wie Amnesty International, Greenpeace oder auch in Bürgerinitiativen. Eine starre und hierarchische Struktur von Organisationsformen wirkt auf sie abschreckend. Sie sind deutlich seltener als ihre männlichen Altersgenossen an Machtpositionen interessiert, möchten sich keine Rangkämpfe liefern müssen, sondern bei ihren Aktivitäten einfach Gemeinschaft erleben, soziale Kontakte pflegen, Leute treffen und Spaß haben.

Hinter den politischen Interessen stehen spezifische Wertorientierungen. Sozialengagement, Kontakt zu Menschen und die Beobachtung eigener Gefühle haben für junge Frauen nach eigenen Aussagen einen deutlich höheren Stellenwert als für Männer. Diese legen dagegen mehr Wert auf Macht und Einfluss als gleichaltrige Frauen. Offensichtlich weisen junge Frauen ein anderes Profil des Engagements auf als junge Männer. Besonders im klassischen parteipolitischen Bereich, der immer noch sehr patriarchalisch strukturiert ist, bekommen Mädchen schwer "ein Bein auf die Erde". Da verwundert es kaum, dass das ohnehin rapide gesunkene politische Interesse bei ihnen noch weitaus geringer ausgeprägt ist als bei Jungen. Hier gilt es zu überlegen, welche Formen des Engagements auch Frauen den Zugang zur (Partei-)Politik in hinreichendem Maße ermöglichen könnten. Denn die Voraussetzung für politisches Interesse, eine gute bis sehr gute Bildung, bringt ein Großteil von ihnen inzwischen mit - auch das hat die Studie eindrucksvoll gezeigt.

Wie ausschlaggebend Bildung(squalifikationen) und sozialer Hintergrund für Grad und Ausprägung des sozialen und politischen Engagements sind, lässt sich besonders gut an den vier Typen von Jugendlichen ablesen, die in der 14. Shell Jugendstudie aus der Auswertung aller Aussagen und Statements abgeleitet wurden.

Zum einen ist der Typus der "selbstbewussten Macherinnen und Macher" zu nennen. Diese Gruppe bringt meist eine gute bis sehr gute Bildung sowie einen soliden sozialen Hintergrund mit und zeichnet sich durch Ehrgeiz, Fleiß und Leistungsbereitschaft aus. Sie orientiert ihr Engagement überwiegend am eigenen, individuellen Nutzen - was durchaus mit sozialen Aktivitäten einhergehen kann. Die "Macherinnen und Macher" stellen sich den Anforderungen, versuchen diese aktiv zu bewältigen und legen dabei einen starken Durchsetzungswillen an den Tag. Sie benutzen den Kopf statt der Ellenbogen und sind mit dieser Strategie gerade in klassischen Organisationsstrukturen oft erfolgreich.

Die zweite Gruppe von Jugendlichen wurde in der Shell-Studie mit "pragmatische Idealistinnen und Idealisten" überschrieben. Diese Jugendlichen sind vorwiegend weiblich und entstammen meist dem klassischen Bildungsbürgertum. Ihre Stärken liegen vor allem in kreativen Bereichen, auch sind postmaterialistische Werte und soziales Engagement für sie wichtig. Mit diesen ideellen Werten verknüpfen sich zugleich Zielstrebigkeit und Karriereorientierung. Die pragmatischen Idealisten engagieren sich eher in gemeinnützigen Zusammenhängen; dort können sie sich an der Lösung konkreter Probleme beteiligen, wobei auch die soziale Komponente nicht zu kurz kommt.

Beide Typen, "Macher" und "Idealisten", kommen mit den Anforderungen der Leistungsgesellschaft insgesamt gut bis sehr gut zurecht, haben gute Zukunftsperspektiven und sind dementsprechend auch bereit und in der Lage, sich politisch und sozial zu engagieren. Über die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland kann einem dieser beiden Typen zugeordnet werden.

Auf der anderen Seite gibt es eine große und nicht zu vernachlässigende Gruppe von Jugendlichen, die fast jeglicher Form von Engagement eine klare Absage erteilt und sich vor allem durch Desinteresse auszeichnet. Diese Jugendlichen gehören eher zu den Verlierern der Leistungsgesellschaft, fühlen sich überfordert. Es lassen sich zwei - zahlenmäßig etwa gleich stark vertretene - Typen unterscheiden: die "zögerlichen Unauffälligen" und die "robusten Materialisten".

Die "zögerlichen Unauffälligen" fühlen sich nicht zuletzt aufgrund ihrer geringen Bildung(squalifikationen) und des eher schwachen sozialen Hintergrundes den hohen Leistungsanforderungen in Schule und Beruf nicht gewachsen und reagieren mit Apathie und Resignation. Die Gruppe der "Unauffälligen" zeigt kaum politisches oder soziales Engagement, ist sehr passiv und schicksalsergeben, glaubt, sowieso nichts ausrichten zu können.

Die vierte Gruppe wurde als "robuste Materialistinnen und Materialisten" bezeichnet. Diese Jugendlichen stammen vorwiegend aus den unteren sozialen Schichten und sind überdurchschnittlich häufig männlichen Geschlechts. Sie kommen mit den Anforderungen von außen kaum oder gar nicht zurecht, verlassen beispielsweise die (Haupt-) Schule vielfach ohne Abschluss. Aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit scheint ihnen gesellschaftliches Engagement zumeist sinnlos. Stattdessen versuchen sie sich durch aggressives, gewalttätiges Verhalten Macht und Respekt zu verschaffen. Von der Politik sind gerade diese Jugendlichen enttäuscht, fühlen sich im Stich gelassen.

Diese vier Wertetypen zeigen, wie stark bei Jugendlichen politische Orientierungen mit den allgemeinen Lebensperspektiven und alltäglichen Entwicklungsaufgaben zusammenhängen. Dass alle diese Gruppen von Jugendlichen dennoch für Formen des Engagements erreichbar und zugänglich sind, darauf deutet weit mehr hin als die Bilder der Flutkatastrophen-Helfer im vergangenen Sommer: etwa die vielfache Beteiligung in informellen Strukturen. Die Frage ist jedoch, wie man diesen Jugendlichen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden kann.

Es geht also darum, den Jugendlichen neue Formen der Beteiligung bereitzustellen, die ihren veränderten Verhaltensmustern besser gerecht werden. Diese Beteiligungsformen müssen von der Politik und den Parteien als solche akzeptiert und als Chance begriffen werden, obwohl sie teilweise eine "Entgrenzung" des Politikverständnisses weg von klassischen Formen (partei)politischen Engagements bedeuten. Gleichzeitig gilt es, den Jugendlichen zudem mehr "klassische" Beteiligungsformen, etwa in Jugendparlamenten, zu eröffnen, dies aber in ungleich konsequenterer Art als bislang.

Die Bereitschaft Jugendlicher, sich für bestimmte Aufgaben zu engagieren, sollte genutzt werden, um die politische Beteiligung zu erhöhen. Diese Forderung erscheint insofern recht abstrakt, als sie impliziert, dass der entsprechende politische Diskurs und die Mitwirkung unter weit gehender Absehung parteipolitischer Konkurrenz gestaltet werden soll. Dabei liegt es vor allem an den Parteien, den Jugendlichen Möglichkeiten zur Mitarbeit an konkreten Problemstellungen zu eröffnen. Die thematische Bandbreite ist hier enorm: Vorstellbar wäre sowohl eine Einbindung in "Jugendfragen" auf kommunaler Ebene in Zusammenarbeit mit Trägern der Jugendarbeit als auch ein verstärktes Einbeziehen in die Globalisierungsdebatte in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden und mit "Globalisierungskritikern" wie beispielsweise "Attac".

Dabei steht nicht nur die individuelle Ausgestaltung einer solchen projekt- bzw. problembezogenen Beteiligung im Vordergrund. Vielmehr sollten die Parteien - und dies gerade auch im Lichte der jüngst vorgetragenen Kritik an Schärfe und Stil der parteipolitischen Auseinandersetzungen - den Jugendlichen das Gefühl vermitteln, ernst genommen zu werden, aktiv zu Problemlösungen beitragen zu können und nicht unmittelbar in das parteipolitische Machtspiel hineingezogen zu werden. Dies verlangt von den politischen Parteien zunächst und vor allem, sich selbst aus der grundlegenden Logik der Parteienkonkurrenz zu lösen. Damit eröffnen sich den Parteien jedoch auch Chancen (und zwar über die Gewinnung neuer Anhänger und Mitglieder hinaus). Vor allem bietet sich ihnen die Möglichkeit, selbst einen Modernisierungsprozess anzustoßen. Sie könnten neue Umgangsformen im Sinne einer zunehmend entgrenzten Politik erlernen, in der wesentlich mehr Formen gemeinwohlorientierten Handelns in der Gesellschaft und insbesondere bei Jugendlichen als "politisch" angesehen werden, als ein enges, staatszentriertes Politikverständnis nahe legt (welches vorrangig mit der standardisierten Frage nach dem "Interesse an Politik" abgefragt wird).

Zu entwickeln sind also auch und gerade von den politischen Parteien solche Formen politischen Handelns und Engagements, die gemeinwohlorientiert sind. Die Parteien müssen dazu von der Links-rechts-Polarisierung in den politischen Auseinandersetzungen Abschied nehmen. Diese ist nicht nur immer schwerer zu vermitteln, sondern führt zu gerade bei Jugendlichen beobachteten Verdrossenheits- und Rückzugsreaktionen. Das Bereitstellen solcher Beteiligungsformen für Jugendliche läutet nicht das Ende der Parteiendemokratie ein. Vielmehr bietet es den Parteien die Möglichkeit, auf die veränderten Rahmenbedingungen von Politik in einer entgrenzten Welt, die nachlassende Identifikationskraft von umfassenden Wertesystemen für Jugendliche sowie die immer geringer werdende Bedeutung des Links-rechts-Schemas in der Politik aktiv zu reagieren.

Wie die "neuen" Formen der Beteiligung, so sollten auch die eher "klassischen" Formen den Jugendlichen vor allem vermitteln, dass "die Politik" sie ernst nimmt. Jugendparlamente stellen eine geeignete Beteiligungsform dar, die jedoch so lange wenig effektiv bleibt (oder gar kontraproduktiv wirkt), wie es sich dabei lediglich um eine (symbolisch) inszenierte Beteiligung handelt. Es verbietet sich aus vielerlei Überlegungen, einem Jugendparlament "echte" legislative Befugnisse zuzugestehen. Aber eine systematische Berücksichtigung der Meinungen eines regelmäßig tagenden Jugendparlaments in allen Politikbereichen (und nicht nur in Fragen der Jugendpolitik) - etwa vermittelt über regelmäßige Berichte der Jugendbeauftragten des "richtigen" Parlamentes - wäre eine Möglichkeit, um die Präsenz Jugendlicher im öffentlichen Meinungsraum und damit das Interesse Jugendlicher für politische Belange zu erhöhen.

Schließlich gilt es, ein "altes" Thema immer wieder neu aufzugreifen: So sinnvoll eine Beteiligung Jugendlicher außerhalb oder am Rande des parteipolitischen Konkurrenzkampfes sein mag, die maximale Berücksichtigung der Jugendlichen durch die Parteien gewährleistet letzthin möglicherweise doch nur deren Gewicht im Wettbewerb um Wählerstimmen. Deshalb wird die Absenkung des Mindestalters für das Wahlrecht auf 16, 14 oder 12 Jahre auch in den nächsten Legislaturperioden auf der Tagesordnung bleiben müssen.

Internetverweise der AutorInnen:

»http://www.shell-jugendstudie.de/hauptergebnisse.htm«

»http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag4/projekte/ index.html«

»http:/www.uni-bielefeld.de/soz/iw/projekte.htm«



Fußnoten

1.
Vgl. Jugend 2002. 14. Shell-Jugendstudie, Frankfurt/M. 2002 (Konzeption und Koordination Klaus Hurrelmann und Mathias Albert in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung).