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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 27/2010)

John Lennons Tod und die Generationswerdung der "68er"


Detlef Siegfried
Inhalt

Einleitung

Beat- und Beatles-Deutungen in den 1960er Jahren

Signum einer pessimistischen Zeitdiagnose

Generationswerdung der "68er"

John Lennon als neoliberales Exempel

Einleitung

Wenn einer, der schöne Sachen gemacht hat, tot ist, bricht die Zeit der Heldengesänge an.

Wiglaf Droste

Zur Person
Detlef Siegfried
Dr. phil. habil., geb. 1958; Associate Professor für Neuere Deutsche Geschichte und Kulturgeschichte an der Universität Kopenhagen, Njalsgade 128, DK-2300, Kopenhagen S/Dänemark. detlef@hum.ku.dk

Noch immer meinen viele Zeitgenossen sich erinnern zu können, was sie getan und gedacht haben, als sie am Morgen des 9. Dezember 1980 erfuhren, dass John Lennon vor seinem Haus am Rande des Central Park in New York erschossen worden war.[1] Sie trauerten in den unterschiedlichsten Formen: Jugendliche hefteten sich einen selbstgemachten Lennon-Button an den Pulli oder gingen mit schwarzer Krawatte in die Schule, etwas ältere "68er" hörten stundenlang Beatles-Platten, in die Jahre gekommene Redakteure schrieben Gedenkartikel. Mittlerweile ist Lennons Todestag längst inkorporiert in den Annuitätenkanon der deutschen Kulturgeschichte: 1985, 1990, 2000, 2005 - immer wieder gedachten Medien, Zeitzeugen und Nachgeborene des ermordeten Künstlers. Auch auf der politischen Ebene ist er postum in manche Hall of Fame eingerückt. Im linken Spektrum ratifizierte die Aufnahme in das 1989 von der Büchergilde Gutenberg verlegte "Lexikon linker Leitfiguren" die Kanonisierung, während 1994 die Umbenennung des "2. Gymnasiums" im vormaligen Ost-Berlin in "John-Lennon-Gymnasium" richtungsübergreifende Anerkennung dokumentierte.[2]

Im Unterschied zu verstorbenen Rock-Heroen wie Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Janis Joplin hatte Lennon den Höhepunkt seiner Popularität zum Zeitpunkt seines Todes längst überschritten. Doch im Gegensatz zu ihnen, die an Begleiterscheinungen eines Lebens auf der Überholspur starben, fiel Lennon einem Attentat zum Opfer - was auch angesichts seines politischen Profils sehr viel häufiger Assoziationen mit John F. Kennedy und Martin Luther King hervorrief, in der Bundesrepublik auch mit Rudi Dutschke, dem Wortführer der Studentenbewegung, der ein knappes Jahr zuvor an den Spätfolgen eines Attentats gestorben war. Die Ermordung John Lennons war nicht nur in den USA und Großbritannien, sondern auch in der Bundesrepublik ein kritisches Ereignis, das aktuelle Befindlichkeiten in einem Großteil der Gesellschaft schlagartig zum Ausdruck kommen ließ sowie die Selbstthematisierung der "68er-Generation" und ihre soziale Verbreiterung vorantrieb. Gleichzeitig legitimierte sich in der Erzählung vom endgültigen Ende der Sixties über die Figur Lennons die neoliberale These von der Subjektwerdung des vormals kollektiv gezähmten Individuums.
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10. Februar 2012
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