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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 47/2001)

Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus


Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus
Norbert Suchanek
Inhalt

Einleitung

I. Fernreisen

II. All-inclusive

III. Kreuzfahrttourismus

IV. Golf- und Sex-Tourismus

V. Natur- oder Ökotourismus

VI. Zum UN-Jahr des Ökotourismus

IV. Golf- und Sex-Tourismus
Eng verbunden mit den drei vorher beschriebenen Tourismustrends sind die Spezialtourismusarten, wie z. B. Sex- und Golftourismus. Um Platz für Golfanlagen zu schaffen, wurden und werden rund um den Globus Kleinbauern vertrieben, Wälder abgeholzt, das Trinkwasser der lokalen Bevölkerung wird verbraucht und die Umwelt mit Pestiziden verschmutzt. Obwohl weltweit gegen den ökologisch und sozial katastrophalen Golftourismus protestiert wird, setzt sich dieser Trend ungehindert fort - von den Philippinen bis Mexiko, von Ägypten bis Marokko: Immer mehr Golfplätze müssen her, selbst in der Wüste. Golfreise-Experten rechnen mit Steigerungsraten im Golftourismus von jährlich über zehn Prozent.

"In Thailand schossen neue Golfprojekte - gewöhnlich im Stil von Country Clubs, ergänzt mit anderen Sport- und Erholungseinrichtungen, Luxushotels und Ferienhauskomplexen - in nahezu allen Landesteilen wie Pilze aus dem Boden", berichtet die südostasiatische Tourismuskritikerin Anita Pleumarom, die für das Tourism Investigation and Monitoring Team (TIM-Team) in Bangkok arbeitet. [10] Bis 1991 entstanden in Thailand über hundert Golfplätze mit einer Gesamtfläche von rund 96 000 Hektar. Viele dieser Projekte rund um Bangkok, Chiang Mai oder Phuket seien - thailändischen Investitionsgesetzen zum Trotz - im Besitz von ausländischen Investoren, schätzt Anita Pleumarom. Während folglich die Gewinne nach Japan, in die USA oder in die Taschen anderer Investorländer und Eliten fließen, bekommen die Auswirkungen dieses auswuchernden Flächenverbrauchs lokale Bevölkerung und Natur zu spüren. "Gewöhnlich werden", so Anita Pleumarom, "die landschaftlich schönsten und ökologisch wertvollsten Plätze in der Nähe von Stränden, Wäldern und Hügeln von den Golfkursplanern bevorzugt." Als Folge davon waren Konflikte mit Kleinbauern, Waldbewohnern und Naturschützern vorprogrammiert und eher die Regel als die Ausnahme: Der Bau von neuen Golftourismus-Resorts wurde zur wichtigsten Ursache von Landraub, der Vertreibung von Bauern von ihren Feldern und ihren Dörfern in Thailand.

Zufall oder nicht: Parallel zum Golftourismuswahn boomte der Sextourismus in Thailand. Und so wie weltweit immer mehr Reiseländer mit Golfplätzen aufwarten, verbreitet sich der scheinbar grenzenlose Sextourismus. Selbst die Angst vor AIDS konnte ihn bislang nicht stoppen. Lediglich die Urlaubsorte ändern sich, und die missbrauchten Frauen, Mädchen und Jungen werden von Jahr zu Jahr jünger. Wenn die AIDS-Gefahr in einem Zielgebiet zu groß geworden ist, wird einfach das nächste Land angesteuert. Inzwischen suchen die europäischen Sexurlauber zunehmend die Karibik sowie Mittel- und Südamerika auf. Auch die ehemaligen Ostblockstaaten sind ein immer beliebteres Sexziel. Die Seuche AIDS und der zunehmende sexuelle Missbrauch von Kindern durch Touristen reisen im Gepäck mit. Umfragen der Europäischen Kommission zufolge sprechen sich 94 Prozent der Europäer gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Urlauber aus. [11] Gleiches gilt für alle Regierungen der EU und praktisch alle maßgeblichen Tourismusverbände. Dennoch nimmt der Kindersextourismus zu. Weder kirchliche oder nichtkirchliche Hilfsorganisationen noch Regierungen oder Tourismusverbände haben bisher ein Mittel gefunden, um diese Urlaubsform zu unterbinden.

Dank der 1990 im thailändischen Chiang Mai gegründeten internationalen Kampagne "Stoppt die Kinderprostitution im asiatischen Tourismus" (ECPAT) und anderer Kinder- oder Frauenrechtsorganisationen wurden zwar in einigen Ländern die Gesetze gegen Kindesmissbrauch durch Touristen verschärft und Dutzende von Sexurlaubern wegen Kindesmisshandlung vor Gericht gebracht, doch ein Ende von Sextourismus und Kinderprostitution ist nicht in Sicht. Jüngsten Untersuchungen der Europäischen Kommission zufolge steigt die Zahl der Kinderprostituierten konstant an. Weltweit kommen, so die offiziellen Schätzungen, jährlich eine Million Kinder hinzu, die Opfer von Sextourismus und organisierter Prostitution werden. "Anfangs konzentriert in Südostasien, hat sich nun Kindersextourismus in viele Länder Asiens selbst, Südamerika, die Karibik und Afrika ausgebreitet", stellte die Europäische Kommision 1998 fest. [12] "Darüber hinaus beginnen einige Staaten in Osteuropa damit, Sextouristen anzulocken und Kinderprostituierte in andere Länder zu exportieren."

Eines der seit den neunziger Jahren besonders bei Deutschen beliebten Reiseländer ist die Dominikanische Republik. Die UNICEF-Studie "La Neo-Prostitucion Infantil en Republica Dominicana" schätzte dort die Anzahl der Kinderprostituierten zwischen 12 und 17 Jahren im Jahr 1993 auf über 25 000. [13] Die meisten Kinderprostituierten zählte UNICEF in Boca Chica, wo 88 Prozent der "Sexkunden" internationale Reisende sind. Im Kreuzfahrthafen Puerto Plata wiederum seien 65 Prozent der "Kunden" von Kinderprostituierten Touristen oder Schiffsbesatzungen. Weitere Untersuchungen von UNICEF machen darüber hinaus auf ein besonderes Problem des Kindersextourismus aufmerksam: von Sextouristen geschwängerte Mädchen. Befragungen von Prostituierten in einer dominikanischen Touristensiedlung ergaben, dass dort 48 Prozent aller weiblichen Prostituierten zwischen 16 und 18 Jahren bereits ein oder zwei Kinder haben - Folge des ungeschützten Geschlechtsverkehrs mit Sextouristen, von denen viele aus Deutschland kommen.

Die rund zwei Millionen Mark, die die Europäische Kommission jüngst für Kampagnen gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Touristen an verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und die WTO vergeben hat, werden das Problem kaum beseitigen können. Die Reisefirmen stecken übrigens weiterhin ein Vielfaches dieser Summe in sexorientierte Werbung.
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18. März 2010
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