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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 18-19/2005)

Kriegskinder in Europa


Ingvill C. Mochmann / Stein Ugelvik Larsen
Inhalt

Einleitung

Kriegskinder in der Nachkriegszeit

Die Suche nach der eigenen Identität

Kriegskinder gestern und heute

Einleitung
In ihren Heimatländern waren sie als Deutsche verpönt und wurden zusammen mit ihren Müttern aus der Gesellschaft ausgestoßen. In Deutschland hat kaum jemand von ihnen gehört - von den hunderttausenden Kindern, die von deutschen Soldaten in den während des Zweiten Weltkriegs okkupierten Gebieten mit einheimischen Frauen gezeugt wurden. Heute sind diese Kinder zwischen 60 und 65 Jahre alt und blicken mit gemischten Gefühlen auf die Feierlichkeitenzum 60. Jahrestagdes Endes des Zweiten Weltkrieges. Einerseits fühlen sich viele von ihnen eng mit ihrem Heimatlandverbunden, andererseits ist vielen von Geburt an in ihrer Gemeinschaft und Gesellschaft vermittelt worden, sie seien unerwünscht. Oder, wie es ein norwegisches Kriegskind[1] zum Ausdruck brachte: "Die Wahrnehmung, das Gemeinste auf dieser Erde zu sein, was es geben könnte, hat mir als Kind viele dunkle Stunden bereitet."[2]

Überall, wo deutsche Soldaten stationiert waren, wurden Beziehungen eingegangen und Kinder gezeugt. Über Zahlen kann man nur spekulieren, da viele Frauen ihre Schwangerschaft verschwiegen oder die Identität des Vaters aus Angst vor Rache und Repressalien verheimlichten. Es gibt wenige verlässliche Angaben über die Anzahl der Wehrmachtskinder. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 10 000 und 12 000 Kinder deutscher Soldaten in Norwegen, 6 000 in Dänemark, 40 000 in Belgien, 50 000 in den Niederlanden, 800 auf Jersey und bis zu 200 000 in Frankreich geboren wurden, wobei anzunehmen ist, dass diese Zahlen als Minimum gelten.[3] Dazu kommen Kinder in Italien, der ehemaligen Sowjetunion, in osteuropäischen Ländern und anderen Kriegsgebieten.[4]

Über die Schicksale der Mütter und ihrer Kinder ist wenig bekannt. In der ersten Zeit nach der Befreiung wurden vielen Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten - die so genannten Tyskertos (Deutschenflittchen) in Norwegen oder die Moffenmeiden in den Niederlanden -, von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Köpfe kahl geschoren und mit oder ohne Kinder durch die Straßen gejagt. Auch persönliche Diffamierungen und sogar Vergewaltigungen kamen vor.[5] Nach den ersten Nachkriegsjahren rückte das Thema mehr und mehr in den Hintergrund, und die Kinder und ihre Mütter wurden, gesellschaftlich stigmatisiert, sich selbst überlassen - jahrzehntelang.

In diesem Beitrag sollen drei Bereiche angesprochen werden. Wie sind die europäischen Gesellschaften mit dem Problem "Kriegskinder" in der Nachkriegszeit umgegangen? Hier soll Norwegen als Beispiel dienen, da es momentan das Land ist, in dem dieses Thema am intensivsten aufgearbeitet worden ist. Des Weiteren sollen Ergebnisse einer Umfrage unter Kriegskindern in Dänemark und zum Teil auch in Norwegen vorgestellt werden, vor allem hinsichtlich der Frage nach der Identität. Schließlich soll auf die weltweite Dimension des Themas eingegangen werden.
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15. März 2010
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