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22.8.2005 | Von:
Martin Hartmann

Das Unbehagen an derGesellschaft

Die gegenwärtig zu konstatierende Krise der Sozialwissenschaft hat mit der Krise der Gesellschaftsidee zu tun. Der Beitrag untersucht die Gründe für das Unbehagen an der Kategorie der Gesellschaft, versucht zugleich aber diejenigen Elemente dieser Kategorie zu benennen, die auch gegenwärtig noch relevant sind.

Einleitung

Spricht man in einem öffentlichen Kontext von der "Krise" der Sozialwissenschaft,[1] so macht man eine interessante Erfahrung: Während sozialwissenschaftlich interessierte Laien der Diagnose eher zustimmend begegnen, reagieren die Vertreterinnen und Vertreter des Fachs ganz unterschiedlich. Drei Reaktionsweisen lassen sich ausmachen: eine gleichgültige, eine verächtliche und eine besorgte.






Die Gleichgültigen verspüren angesichts der Diagnose so etwas wie gelassene Langeweile. Dass sich die Sozialwissenschaft in einer Krise befinde, sei, so sagen sie, "ein alter Topos, der in regelmäßigen Abständen aus einer nicht näher definierbaren Schublade gezogen wird. Aber siehe: Es gibt uns noch!" Die Tatsache, dass die Sozialwissenschaften ungeachtet aller Krisendiagnosen noch existieren - das ist damit wohl gemeint -, zeigt, dass diese falsch sind. Diese Art, mit Krisendiagnosen umzugehen, hat zweifellos etwas Beruhigendes, da sie die Möglichkeit bietet, auf den eingefahrenen Gleisen weiterzufahren. Darüber hinaus fällt es schwer, eine Krisendiagnose aufrechtzuerhalten, wenn diejenigen, auf die sie zugeschnitten ist, ihren eigenen Zustand nicht als krisenhaft erfahren. Zumindest mit Blick auf menschliche Handlungszusammenhänge können wir, so scheint es, erst dann von einer Krise sprechen, wenn bestimmte, von außen beobachtbare Problemlagen subjektiv auf Resonanz stoßen, wenn sie gewissermaßen ein Problembewusstsein erzeugen. Fehlt dieses Bewusstsein, kann nicht sinnvoll von einer Krise gesprochen werden.[2]

Die Verächter der Krisendiagnose reagieren ungleich schärfer. Häufig wird diese Diagnose nämlich nicht unter Verweis auf ihre regelmäßige Wiederkehr diskreditiert, sondern durch Heranziehen empirischer Daten, und diese sprechen tatsächlich eine recht eindeutige Sprache. Mit Blick auf das Fach Soziologie etwa kommt eine Studie des Centrums für Evaluation der Universität des Saarlandes zu dem Schluss, dass "die Zahl der Studierenden und Absolventen (...) in den 90er Jahren deutlich zugenommen" hat. Auch seien die Berufsaussichten für soziologische Abschlüsse keinesfalls schlecht.[3] Einzig nicht zu leugnende Stellenstreichungen an vielen soziologischen Instituten verdüstern das Bild, wobei diese Streichungen nach Auskunft der Autoren nicht auf einen reduzierten Bedarf zurückgeführt werden können (woher sollte der angesichts steigender Studierendenzahlen auch kommen?), sondern auf eine, wie es heißt, "politisch gewollte Verkleinerung des Faches"[4]. Dessen ungeachtet schließt der Bericht damit, dass das "Krisengerede" im Großen und Ganzen keine empirische Basis habe. Gleichwohl erleichtere es den politischen Instanzen die Rechtfertigung des Stellenabbaus. Unverhohlen wird das "Krisengerede" selbst als eine mögliche Erklärung der drohenden institutionellen Schwächung des Fachs ausgemacht: "Politiker sind gerade in Zeiten knapper Haushaltsmittel um jeden Hinweis dankbar, der Kürzungsmöglichkeiten legitimiert."[5] Folgt man dem, so gibt es gar keine Krise der deutschen Sozialwissenschaften, sondern nur ein "Krisengerede", und dieses könnte über kurz oder lang - im Sinne einer self-fulfilling prophecy - eine echte Krise auslösen. Die Konsequenz aus diesen Schlussfolgerungen liegt nahe: Schluss mit dem "Krisengerede"!

Die Sorgenvollen räumen ein, dass der Bestand der Sozialwissenschaften von der Zustimmung oder Akzeptanz einer inneruniversitären Verwaltung und eines außeruniversitären Publikums abhängig ist und sehen darin eine gewisse Krisensymptomatik. Es lässt sich tatsächlich nicht länger übersehen, dass an zahlreichen deutschen Universitäten gerade im Fach Soziologie Stellen gestrichen werden.[6] Besonders markant ist der Fall des traditionsreichen Soziologieinstituts der Freien Universität Berlin, an dem fünf von neun Professuren fortfallen. Nicht zu leugnen ist auch das missliche Verhältnis der Sozialwissenschaften zur breiteren Öffentlichkeit. Schon seit langem ertönt die Klage, man werde über die Fachgrenzen hinaus kaum noch wahrgenommen. Tatsächlich scheinen die Sozialwissenschaften in der Öffentlichkeit die "kulturelle Leitfunktion" verloren zu haben, die man ihnen in den fünfziger und sechziger Jahres des letzten Jahrhunderts unumwunden zugesprochen hatte.[7] Demgegenüber stellen sie heute offenbar nicht mehr die Kategorien und Begrifflichkeiten bereit, in denen sich die bundesdeutsche Gesellschaft wieder erkennen kann. Mehr noch, die Kategorie der "Gesellschaft" selbst scheint ihre alte Bündelungskraft verloren zu haben. Diente sie einstmals als begriffliches Passepartout für die Erklärung der wichtigsten sozialen Phänomene - und beanspruchte folglich eine besonders gesellschaftsnahe Disziplin wie die Soziologie den Status einer "Königsdisziplin" -, so bedingt die Krise der Gesellschaftskategorie unmittelbar eine Krise aller Wissenschaften vom Sozialen. In diesem Sinne scheint es unausweichlich, dass das Gewicht der Sozialwissenschaften schwinden muss.


Fußnoten

1.
Vgl. Martin Hartmann, Lange Narkose, verwirrtes Erwachen. Die deutsche Sozialwissenschaft ist in ihrer Existenz bedroht, in: Die Zeit vom 30. 9. 2004, S. 50.
2.
Vgl. Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1973, S. 12.
3.
"Trotz schwieriger ökonomischer Rahmenbedingungen und steigender Absolventenzahlen hat sich die Arbeitsmarktsituation für Soziologen in den 90er Jahren positiv entwickelt. Es scheint, dass es der Soziologie zunehmend gelingt, auch außerhalb der Universität Anerkennung für ihr Qualifikationsprofil zu finden." Thomas Knoll/Wolfgang Meyer/Reinhard Stockmann, Soziologie im Abwärtstrend? Eine empirische Untersuchung zur Situation der Soziologie an den bundesdeutschen Hochschulen, in: Soziologie, 4 (2000), S. 21.
4.
Ebd.
5.
Ebd., S. 22.
6.
Vgl. Hans-Peter Müller, Soziologie in der Eremitage?, in: Eva Barlösius/Hans-Peter Müller/Steffen Sigmund (Hrsg.), Gesellschaftsbilder im Umbruch. Soziologische Perspektiven in Deutschland, Opladen 2001, S. 41f.
7.
Vgl. Paul Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 272.