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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 36/2001)
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Moderne Wissensgesellschaften |

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Nico Stehr
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Die Beobachtung einer unaufhaltsamen Konzentration, Rationalisierung, Homogenisierung oder Globalisierung der modernen Lebenswelt und die Warnung vor diesen angeblich unaufhaltsamen Entwicklungen haben immer wieder eine dominante Rolle in den Kulturwissenschaften gespielt. Und oft sind es die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft und Technik, die für die skizzierte Verengung des modernen Lebens verantwortlich gemacht werden.
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Zur Person |
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Nico Stehr Ph.D., F.R.S.C.; Professor für Soziologie in Kanada; derzeit Senior Research Associate, Sustainable Development Research Institute, University of British Columbia, Vancouver, British Columbia, Canada und Fellow im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.
Anschrift: Kulturwissenschaftliches Institut, Goethestraße 31, 45027 Essen.
E-Mail: nico.stehr@gkss.de
Veröffentlichungen u. a.: Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften, Frankfurt/M. 2000; Governing Modern Societies, Toronto 2000; Practising Interdisciplinarity, Toronto 2000; The Fragility of Modern Societies: Knowledge and Risk in the Information Age, London 2001.
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Diese Argumentationsweise kritischer Beobachter der sozialen und kulturellen Entwicklungsmuster moderner Gesellschaften lässt sich mit einigen Worten auf den Punkt bringen: Soziale, ökonomische und technische Handlungsmittel haben in der modernen Gesellschaft insgesamt einen äußerst organisierten, rationalen, regulierten, kurz systematischen Charakter.
”Jene mächtige Tendenz zur Uniformierung des Lebensstils” hat schon Max Weber
in seinem klassischen Essay „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” mit nüchterner Bestimmtheit hervorgehoben. Und insofern sich diese umfassenden Entwicklungstendenzen auf den „mächtigen Kosmos der modernen ... ökonomischen ... Wirtschaftsordnung” beziehen - so hat Weber hinzugefügt -, ist die Sozialordnung an „die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion” gebunden, die „heute den Lebensstil aller Einzelnen, die in dieses Treibwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brandstoffs vielleicht verglüht ist”
.
In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts formulierte Helmut Schelsky neuerlich einen Albtraum: Die Verwendung elektronischer Rechenmaschinen werfe das Problem des totalitären Staates auf. „Diese Regierungsmaschine verlangt unbedingten Gehorsam, weil sie die perfekte und voraussagesichere Planung produziert”, prophezeite der Soziologe. „Gegen die technisch garantierte Wahrheit ist jede Opposition unvernünftig.”
Ein halbes Jahrhundert später warnt der amerikanische Unternehmer und Zukunftsforscher Billy Joy vor einer Entwicklung, die ähnlich albtraumhafte Züge annimmt: Er befürchtet eine Verselbstständigung der Nanotechnologie. Sie und andere zukünftige Techniken könnten den Menschen zu einem vom Aussterben bedrohten Wesen machen. Wie André Gorz deshalb mit Recht unterstreicht, ist einerseits denkbar, dass dort, „wo Macht sich auf Wissenschaft und auf wissenschaftlich erkannte Notwendigkeiten beruft,” für „politische Willensbildung überhaupt kein Platz”
mehr sein kann; und andererseits mögen sich vom Menschen erdachte intelligente Kreaturen der Herrschaft ihrer Erzeuger weitgehend entziehen, um erfolgreich mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Sowohl im Politiksystem als auch in anderen gesellschaftlichen Institutionen sowie im Alltagsleben wird die Macht des Wissens zum Machtmittel über den Menschen.
Schelsky repräsentierte mit seiner Einschätzung trefflich den Zeitgeist der Mitte des vorigen Jahrhunderts - und dieser hat sich, wie die Mahnungen Joys zeigen, bis heute tapfer gehalten. Der Schlüssel zu diesem Phänomen liegt in einer symptomatischen Überschätzung der Macht moderner Wissenschaft und Technik. Gerade Soziologen zeigen sich bis heute außerstande, die sozialen Folgen technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse anders als aus der Perspektive ihrer vermeintlich bedrohlichen und repressiven Konsequenzen zu reflektieren.
Paradoxerweise sind jedoch gerade Wissenschaft und Technik die vielleicht wichtigsten Quellen der wachsenden Offenheit und Unbestimmtheit moderner gesellschaftlicher Verhältnisse. Allen Voraussagen zum Trotz befinden wir uns heute eher am Ende des Zeitalters der Vorherrschaft der großen Institutionen wie Staat, Kirche oder Militär. Die Verhaltensweisen ihrer Vertreter lassen die Zweifel an der kompetenten Planung und Steuerung der immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Prozesse wachsen.
Die Gesellschaft ist demnach zerbrechlicher geworden. Verantwortlich dafür ist jedoch nicht die vielbeschworene Globalisierung oder Ökonomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern ein Herrschaftsverlust durch Wissen.
Das Zeitalter der Industriegesellschaft geht dem Ende entgegen; die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nötig waren, um deren soziale Ordnung zu sichern, verlieren an Bedeutung. Die sich am Horizont abzeichnende Gesellschaftsordnung basiert auf Wissen. |
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09. Februar 2012
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