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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 3-4/2000)
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Aufwertung der elterlichen Erziehungsarbeit in der Einkommensverteilung |

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Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen eines "Erziehungseinkommens" Max Wingen
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IV. Chancen und Grenzen einer neuen Dimension der familiengerechten Einkommensgestaltung |
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1. Handlungsspielräume erweitern
Bei der vergleichenden Analyse der verschiedenen Modellvorschläge drängt sich die Einsicht auf, dass ein Modell nicht mit zu vielen Zielsetzungen gleichzeitig ,,überfrachtet" werden sollte. Die Kombination einer Reihe von Zielen mag aus Gründen angestrebter möglichst großer politischer Zustimmung nahe liegen, aber es kann der tatsächlichen Verwirklichung der nebeneinander stehenden und in gewissem Grade sogar miteinander konkurrierenden Ziele eher abträglich sein.
Behutsamkeit ist besonders auch dort geboten, wo Zielsetzungen ins Spiel gebracht werden, die mit einem Erziehungseinkommen allenfalls mit befördert, aber damit nicht - gleichsam ,,automatisch" - erreicht werden können. Hier ist vor allem an das Ziel der ausgewogeneren Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in Familienarbeit und Erwerbsarbeit zu denken. Ein Erziehungseinkommen kann zwar eine geschlechterarbeitsteilige Erwerbs- und Familientätigkeit fördern, aber es kann sicher kein in diesem Sinne partnerschaftliches Familienmodell mit größerer Gleichheit der Lebenschancen zwischen Frauen und Männern bereits gewährleisten. Hierzu bedarf es weiter reichender Anstöße schon auf der Bewusstseinsebene, ein Umdenken gerade der Männer hinsichtlich ihres Selbst- und Rollenverständnisses. Dies kann aber wiederum mit der nötigen Breitenwirksamkeit solange kaum erwartet werden, wie die Strukturen der Erwerbsarbeitswelt so sind, wie sie heute sind. Frauenförderung im Sinne der Angleichung an bisherige Männerrollen ändert im Grunde kaum etwas an den überkommenen Rollenzuweisungen der Geschlechter. Erst wenn für Männer durch zielgerichtete Änderung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (bis hin zu einer familienbewußten unternehmerischen Personalpolitik) Wege aus ihrer ,,eindimensionalen Ausrichtung auf die Erwerbsarbeit" geöffnet werden, kann die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen auch in Erwerbsarbeit gelingen
.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der insbesondere unter frauenpolitischen Aspekten nicht selten vorgebrachte Einwand, ein Erziehungseinkommen führe dazu, Frauen und Mütter an ,,Haus und Herd" zu binden. Solche Einwände gipfeln im Vorwurf der arbeitsmarktpolitischen ,,Instrumentalisierung" einer solchen Leistung. Sie greifen letztlich aber umso weniger, je mehr ein Erziehungseinkommen erwerbsarbeitszeit- und erwerbseinkommensunabhängig ausgestaltet wird
. Für Eltern, die beide eine mehr oder weniger weitgehende durchgängige Erwerbstätigkeit auch bei noch kleineren Kindern wünschen, oder auch Alleinerziehende, die aus wirtschaftlichen Gründen auf eine Erwerbstätigkeit besonders angewiesen sind, kann das Erziehungseinkommen in Teilen dazu dienen, sich zeitweilige außerhäusliche Kinderbetreuung ,,einzukaufen". Hier wird von der wirtschaftlichen Seite her der familiäre Entscheidungsspielraum hinsichtlich der im konkreten Falle gewünschten Betreuungsform erweitert (was tendenziell zugleich auf einen Wechsel von einer ,,Objekt-" zur ,,Subjektförderung" mit einer Stärkung der Marktposition der Eltern im Feld der außerhäuslichen Kinderbetreuung hinauslaufen kann).
Nicht selten verbergen sich hinter den hier angesprochenen Einwänden auch gesellschaftspolitische Positionen, die insofern recht problematisch sind, als sie im Grunde eine durchgängige, für Frauen allenfalls durch Mutterschaftsurlaub kurzfristig unterbrochene Erwerbstätigkeit für beide Eltern neben der Kleinkinderversorgung favorisieren. Ebenso wie es mit Blick auf die Lebenswirklichkeit von Familien nicht vertretbar erschiene zu fordern, (Klein)kinder dürften ausschließlich nur zu Hause betreut werden, ist umgekehrt auch der Position entgegenzutreten, es müsse möglichst alles'für eine außerfamiliale Kleinkinderbetreuung getan werden, damit beide Eltern ,,normalerweise" ohne Unterbrechung erwerbstätig sein könnten. Eine zukunftsfähige Familienpolitik wird hier eine Entwicklungsperspektive verfolgen müssen, bei der eine möglichst große Entscheidungsfreiheit für die einzelnen Eltern, ihren eigenen Lebensentwurf besonders mit Blick auf die Bedürfnisse des Kindes verwirklichen zu können, wirtschaftlich und außerwirtschaftlich abgesichert wird. In einer auf den gesamten Lebenslauf bezogenen Sicht müssen unterschiedliche Muster - das so genannte simultane Verhaltensmuster des gleichzeitigen Nebeneinanders von Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung sowie das so genannte sukzessive Muster des zeitlich versetzten Nacheinander, auch mit flexiblen Übergangsmöglichkeiten - gleichwertig nebeneinander stehen. In der (familien)soziologischen Forschung ist gerade in jüngerer Zeit auf die Probleme aufmerksam gemacht worden, die mit der Zwei-Verdiener-Familie mit durchgängiger voller Erwerbstätigkeit beider Eltern hinsichtlich der persönlichen Betreuung der Kinder und ihres Bedarfs an personaler Zuwendung verbunden sind. Jedenfalls lässt sich danach die Frage, ob das Modell der kontinuierlichen Erwerbsarbeit (beider Eltern bei Vorhandensein von betreuungsbedürftigen Kindern) in der postindustriellen Gesellschaft eine notwendige Voraussetzung erfolgreicher beruflicher Tätigkeit sein muss, eindeutig verneinen
. Für eine (nicht rückwärtsgewandte) Familienpolitik erscheint es wichtig, solche Einsichten nicht zu verdrängen. Ebenso wichtig ist allerdings auch zu sehen, dass Berufsverläufe mit verschiedenen Lebensverlaufssequenzen (Hans Bertram) ohne die Einbeziehung der Männer und deren Integration in den Fürsorgebereich keinen Beitrag zur Verminderung der Ungleichheit von Mann und Frau in der Gesellschaft leisten können
.
Für eine zukunftsbezogene Familienpolitik kann es kaum wegweisend sein, gleichzeitige Erwerbstätigkeit neben der Übernahme von Verantwortung für Kleinkinder automatisch als ,,fortschrittlich" und deshalb positiv und eine - je nach Kinderzahl unterschiedlich lange - zeitweilige Unterbrechung der Erwerbstätigkeit mit vorrangiger Konzentration auf die Versorgung von Kleinkindern als rückschrittlich und damit eher negativ zu bewerten. Es kommt auf die persönliche und familiäre Situation im Einzelfall an, welches Verhaltensmuster situationsangemessen ist. Politikleitend darf hier nicht ein einziges ideologisch festgeschriebenes Lebensentwurfsmodell sein, das angeblich ohnehin ,,heute mehrheitlich gewünscht" wird. Es sollte vielmehr darum gehen, für die unterschiedlichen Verhaltensoptionen die jeweils verhaltensmuster-spezifischen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen abzusichern, damit der individuelle Lebensentwurf möglichst gut gelingen kann.
Nicht selten kann bei Diskussionsteilnehmern der für gemeinsame Bemühungen um die Weiterentwicklung einer ,,rationalen" Familienpolitik fatale Eindruck entstehen, dass Einwände wie etwa der des ,,Zuhause-bleib-Geldes" zur ,,Argumentationskeule" gegen ein Erziehungseinkommen genutzt werden, weil tiefer reichende, nicht selten geradezu dogmatisch verhärtete Standpunkte zum einzig ,,wahren" Leitbild fraulicher Selbstentfaltung ernannt werden sollen. Es muss zu denken geben, wenn in diesem Zusammenhang strukturelle Schwierigkeiten eines späteren Wiedereintritts in die Erwerbstätigkeit, wie sie bei einem zeitlich phasenversetzten Nacheinander von persönlichen Schwerpunkten in Erwerbstätigkeit und Betreuung und Erziehung kleinerer Kinder im Ernst gar nicht einfach bestritten werden können, von vornherein als Datum für eine eben deshalb notwendige durchgängige Erwerbstätigkeit genommen werden. Es wird aber keineswegs ebenso nachdrücklich auf entsprechende strukturelle Reformen im Erwerbsarbeits- und Wirtschaftsleben gedrängt wie bei der Überwindung der unverkennbaren Schwierigkeiten eines gleichzeitigen Nebeneinanders von Erwerbstätigkeit sowie Betreuung und Erziehung noch kleinerer Kinder.
2. Erziehungseinkommen contra Fraueninteressen?
So gesehen ist außerhäusliche Erwerbsarbeit auch von Müttern eine zu bejahende Perspektive, unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss auch eine möglichst freie, wirtschaftlich abgesicherte Entscheidung für eine (vorübergehende) Arbeit nur in der Kinderbetreuung und -erziehung in der Familie möglich sein. Zweitens bedarf es im Wirtschaftsprozeß einer bewußten Berücksichtigung der Besonderheiten der Erwerbsarbeit von Personen, die für (Klein)kinder besonders verantwortlich sind (meist sind dies immer noch die Mütter), ohne dass sie deshalb diskriminiert werden. Dies läuft letztlich auch auf eine Anerkennung von gewissen Unterschieden in der Erwerbstätigkeit bis in die Organisationsformen des Erwerbsarbeitslebens hinaus. Dahinter steht die wertbesetzte Position, dass die außerhäusliche Erwerbsarbeit keineswegs per se wichtiger ist als die Familien- und Erziehungsarbeit, letztere unter bestimmten Bedingungen insbesondere in den ersten Lebensjahren des Kindes - nicht zuletzt für die Gesellschaft - noch wichtiger sein kann als andere Tätigkeiten. Wo die Entscheidung für Kinder zur Biographie der Frau dazugehört, kann die einfache Übernahme des männlich geprägten Leitbildes vom Erwerbsarbeitsleben kein wirklich befriedigender Weg zu echter Gleichheit von Männern und Frauen sein.
Die Staatssekretärin im norwegischen Außenministerium, Janne H. Matlary, hat in ihrem Vortrag auf der Konferenz der Weltmütterbewegung anlässlich deren fünfzigjährigen Jubiläums am 8.'April 1999 unter Verweis auf ihre eigenen Erfahrungen mit dem Aufziehen von vier kleinen Kindern bei gleichzeitiger außerhäuslicher Berufstätigkeit betont
, Frauen müssten darauf bestehen, dass nicht nur ihre Arbeit als Mütter anerkannt werde, sondern dass sie auch Arbeitsbedingungen vorfänden, die die Kombination von Familien- und Erwerbsarbeit ermöglichten. (Ähnliches gilt sicherlich auch für Väter, die sich zugleich größeren Verpflichtungen in der Kleinkindbetreuung und -erziehung gegenübersehen). Wenn man den mutigen Schritt mache, den Vorrang von Mutterschaft in einem persönlich-existentiellen Sinn anzuerkennen, dann werde es sehr klar, warum die Mutterschaft viele Frauen dazu veranlasse, sich für die Arbeit in der Familie zu entscheiden, und warum dies eine außerordentlich wichtige Option nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes sei. ,,Es reicht ganz einfach nicht aus, wenn die Arbeitsbedingungen von Männern und Frauen im Erwerbsleben gleich sind. Dies lässt Frauen in die Falle von Arbeitsbedingungen treten, die denjenigen der Männer gleichen. Frauen werden dadurch dazu gedrängt, das kaum zu bewältigende Problem der Doppelbelastung zu ,privatisieren'". Grundlegende rechtliche Veränderungen zugunsten von Frauen, die Mütter werden und dann zu Bedingungen arbeiten könnten, die ihrer Lebenssituation angepasst sind, erforderten ein radikales Umdenken im Hinblick auf die Beziehung zwischen Familie und Erwerbsarbeitsleben. Erste Zeichen dieses Umdenkens seien in den Ländern erkennbar, die die Phase des Gleichheits-Feminismus schon hinter sich hätten. Den Kern eines "neuen Feminismus" sieht Janne H. Matlary in der politischen und rechtlichen Anerkennung, dass Frauen, die sich für Kinder entscheiden, einerseits das Recht auf spezifische Erwerbsarbeitsbedingungen und andererseits einen Anspruch darauf haben, dass ihre familiäre Arbeit vom Staat anerkannt und unterstützt wird. Von den Marktkräften könnten entsprechende Korrekturen nicht erwartet werden; hier sei eindeutig die Politik gefragt, die politisch-ökonomische Rahmenbedingungen schaffen müsse, die es Frauen erlauben, entweder Familienarbeit mit einer außerhäuslichen Erwerbsarbeit zu kombinieren, wenn sie dies wollen, oder als ,,Vollzeit-Mutter" in der Familie zu arbeiten, solange die Kinder klein sind.
Für die Abschätzung der Realisierungschancen von Konzepten eines Erziehungseinkommens bleibt vor allem auch die Bedeutung der nachhaltigen gleichzeitigen Verwirklichung eines Bündels integrativ aufeinander bezogener flankierender Maßnahmen hervorzuheben. Solche werden durchweg in den einzelnen Modellvorschlägen mehr oder minder ausgeprägt angesprochen. Das geschieht etwa mit den Hinweisen auf die unverzichtbaren Leistungsangebote außerhäuslicher Kinderbetreuungseinrichtungen mit hoher pädagogischer Qualität, auf die berufliche Weiterqualifizierung während der Erziehungsphase und anschließende Wiedereingliederungshilfen in das Erwerbsleben oder den erleichterten Zugang zu (qualifizierter) Mobilzeit und damit bis hin zu einer familienfreundlichen Unternehmenskultur.
3. Finanzierungsprobleme
Eine ,,offene Flanke" von Erziehungsgehaltskonzepten bildet die Finanzierung - trotz aller Bemühungen, auch diesen wichtigen Aspekt konstruktiv mit zu bedenken. Solche Finanzierungsvorschläge für die je nach Ausgestaltung erheblichen Milliardenbeträge fußen häufig auf ,,Gegenfinanzierungen" i.S. von Einsparungen an anderer Stelle. Diese erscheinen aber teils nur begrenzt realistisch - wie etwa die Beseitigung des Ehegattensplittings oder die Schaffung eines eigenen ,,Familiensoli" - oder könnten sich teils auch im Gestrüpp föderaler Finanzkompetenzen verheddern. Aber auch Erwartungen, die an Finanzierungsmöglichkeiten über expansive wirtschaftliche Effekte (mit Stärkung der Binnennachfrage und erhöhten Staatseinnahmen in der Folge) geknüpft werden, bedürfen zumindest noch weiterer makroökonomischer Untersuchungen. Bei weitem nicht alle Konzepte sind in der Vorzugslage wie das (vom Österreichischen Institut für Familienforschung vorgelegte) Modell des ,,Kinderbetreuungsschecks", das auf erhebliche Mehreinnahmen des dortigen aus Mitteln der Wirtschaft gespeisten Familienlastenausgleichs-Fonds zurückgreifen kann. Einige Vorschläge verstehen sich - zumindest zum Teil - auch als politische Zielvorgabe, bei der die Finanzierung weitgehend offen gelassen wird. Ohnehin wird sich von vornherein im Rahmen erschlossener Finanzierungsquellen ein nur schrittweises Vorgehen anbieten.
Allerdings dürfen auch die bestehenden politischen Prioritäten in der Verteilungspolitik nicht als unabänderlich hingenommen werden. Vielmehr gilt es, über neue Prioritäten in der Verteilung der Einkommen und seiner Zuwächse aus Fernverantwortung (Hans Jonas) für die nachfolgenden Generationen nachzudenken und im gesamtgesellschaftlichen Konsens zu längst überfälligen Entscheidungen einer nachhaltigen familienorientierten Korrektur der Verteilungsstrukturen zu kommen. Bei einem Umbau des Sozialstaates darf dieser Aspekt nicht auf der Strecke bleiben. Ein gravierendes Dilemma besteht darin, dass im immer wieder stiefmütterlich behandelten Feld der sozialökonomischen Absicherung der (langfristigen) Übernahme von Elternverantwortung entscheidende Schritte noch zu tun sind zu einem Zeitpunkt, zu dem die Grenzen der zweiten Einkommensverteilung unübersehbar geworden sind. |
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10. Februar 2012
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