APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Hansjörg Herr

Die Finanzkrise in Russland im Gefolge der Asienkrise

Im August 1998 machte eine tiefe Finanzkrise die Hoffnungen auf die Erholung der russischen Ökonomie zunichte. Mit der Folge: Der russische Staat wurde zahlungsunfähig.

I. Der Beginn des russischen Transformationsprozesses

Es ist in Russland nicht gelungen, den Beginn des Transformationsprozesses mit einem kohärenten Programm einzuleiten [1] . Dies lag nicht zuletzt an der Auflösung der Sowjetunion, die sich mit der ersten Transformationsphase überlappte. Beschlossen wurde ein erstes weitreichendes Reformprogramm im Oktober 1991, kurze Zeit nach der Entmachtung Präsident Gorbatschows durch Präsident Jelzin im August 1991. Ende des gleichen Jahres wurden die Organe der Sowjetunion abgeschafft und die Gruppe Unabhängiger Staaten (GUS) als Nachfolgeorganisation für die meisten ehemaligen Staaten der Sowjetunion gegründet. Trotz der Auflösung der Sowjetunion gab es in den GUS-Ländern bis Ende 1993 noch eine gemeinsame Währung.


Der erste große Reformschritt im Bereich der Ökonomie bestand in der Liberalisierung der meisten Preise im Januar 1992. Die Unternehmen hatten schon unter der Präsidentschaft von Gorbatschow ihre Autonomie ausweiten können. Mit der Auflösung der Institutionen der Sowjetunion wurde auch die Planbehörde beseitigt. Die Unternehmen agierten ab Mitte 1991 faktisch in einem institutionellen Vakuum, da sie keiner Planbehörde mehr unterworfen und auch keinem Eigentümer mehr verpflichtet waren. Gleichzeitig waren sie selbst bei hohen Verlusten keinem Konkursrisiko unterworfen. Zwar wurde in Russland 1993 ein Konkursgesetz verabschiedet, es wird jedoch bei größeren Unternehmen bis heute nicht angewandt.

Russland privatisierte schneller und radikaler als die meisten anderen Transformationsökonomien. Wurden 1991 nur fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von privaten Unternehmen produziert, stieg der Anteil der Privatproduktion am BIP 1994 auf 50 und 1998 auf 70 Prozent [2] . Privateigentum wurde über drei Kanäle geschaffen: Erstens eigneten sich Manager - ehemalige Parteikader oder Mitglieder neu entstandener Eliten - in der Phase des institutionellen Vakuums Vermögen durch "spontane" Privatisierung an. Zweitens wurde staatliches Vermögen im Rahmen der so genannten Voucher-Privatisierung zwischen Oktober 1992 und Juli 1994 verschenkt, wobei vor allem Arbeitnehmer und das Management bedeutende Vermögensanteile erlangen konnten. Schließlich wurde versucht, die noch existierenden Restbestände staatlichen Vermögens ab Mitte 1994 zu verkaufen. Die Privatisierung in Russland hat nicht zu den gewünschten Erfolgen geführt. Einerseits war das makroökonomische Umfeld so instabil und investitionsfeindlich, dass sich Unternehmen nicht entfalten konnten. Andererseits waren durch Rechtsunsicherheit und die Dominanz von "Insidern" in den Unternehmen - vor allem Arbeitnehmern und Managern - die Anreize für Restrukturierungen gering [3] .

Das zentrale makroökonomische Problem der ersten Transformationsphase in Russland bestand darin, dass die Unternehmen nahezu vollständig autonom einschließlich der Freiheit der Preisfestsetzung agieren konnten, während das Finanzsystem noch nach der Logik der Planwirtschaft arbeitete. In Planwirtschaften bestimmt der Mengenplan das Produktionsvolumen, während die Banken passiv die Kreditbedürfnisse der Unternehmen zu bedienen haben. Da das Bankensystem auch nach der Preisliberalisierung und der Aufhebung der Mengenplanung noch nach der alten Logik arbeitete, gab es den Kreditwünschen der Unternehmen nach. Letztere hatten aufgrund ihrer Anreizstruktur wiederum ein Interesse, möglichst viele Kredite aufzunehmen. So war eine Koalition zwischen Management und Arbeitern nahe liegend, die das Ziel hatte, möglichst viel Kredite zu erlangen, um die Löhne zu erhöhen oder das Sozialsystem auszubauen, das in Form von Betriebskinderstätten, Erholungsheimen etc. an die einzelnen Unternehmen gebunden war. Die Folge der Erhöhung der Autonomie der Unternehmen ohne Reform des Finanzsystems war eine ungezügelte Kreditexpansion.

Dazu kam der Kreditbedarf der öffentlichen Haushalte. Angesichts des Fehlens eines Kapitalmarktes konnten die außerordentlich hohen Budgetdefizite in Russland nur durch direkte Kredite der Zentralbank und damit die Notenpresse finanziert werden. Verschärft wurde die Situation durch einen Wettlauf der einzelnen Republiken zur Finanzierung ihrer eskalierenden Budgetdefizite durch Zentralbankkredite. Zwar hatte die Zentralbank in Russland innerhalb der Rubelzone das Monopol der Notenausgabe, jedoch konnten die Zentralbanken in den einzelnen Republiken unbegrenzt Kredite in der Form von Sichtdepositen vergeben. Russland schlitterte in eine Hyperinflation mit Inflationsraten von 1526 Prozent im Jahre 1992, 875 Prozent im Jahre 1993 und 311,4 Prozent im Jahre 1994 (vgl. Tabelle 1). Die nominellen Zinssätze wurden in dieser Phase der Inflationsrate nicht angepasst, so dass sich negative Realzinssätze von mehreren hundert Prozent ergaben. Geldvermögen und Verbindlichkeiten in Rubel wurden real auf einen Wert von nahe Null reduziert. Die Kreditexpansion der verschiedenen Zentralbanken außerhalb Russlands war so hoch, dass sich Bargeldknappheit ausbreitete. Es ist klar, dass die Rubelzone unter diesen Bedingungen keine Überlebenschance hatte [4] .

Das reale BIP schrumpfte unter den chaotischen makroökonomischen Bedingungen in Russland in den Jahren 1992 bis 1994 um 14,5, 8,7 und 12,7 Prozent [5] . Kurz: Die Situation war unhaltbar und führte zu einer beständig weiteren Zerrüttung der russischen Ökonomie. Jedoch erst im Jahre 1995 fand sich in Russland eine politische Mehrheit, die eine ernsthafte Stabilisierung der Ökonomie versuchte.

Fußnoten

1.
Der Transformationsprozess in Russland sowie den restlichen Ländern der ehemaligen Sowjetunion verlief nach einem anderen Muster als in den Ländern Mitteleuropas oder auch in der VR China. Vgl. Hansjörg Herr/Kurt Hübner (Hrsg.), Der "Lange Marsch" in die Marktwirtschaft. Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, Berlin 1999; ders., Das chinesische Akkumulationsmodell und die Hilflosigkeit der traditionellen Entwicklungstheorien, in: Prokla, 30 (2000), S. 181-209.
2.
Vgl. European Bank for Reconstruction and Development (EBRD), Transition Report, London 1999.
3.
Vgl. Jan Priewe, Privatisierung und Transformation - Lehren aus Russland, in: Osteuropa-Wirtschaft, 45 (März 2000), S. 41-67.
4.
Vgl. Jan A. Poser, Microeconomic Conditions and Macroeconomic Disruptions in Transition Economies, Ifo Studien zur Entwicklungsforschung 34, München - Bonn - London 1999.
5.
Die Halbierung des realen Sozialproduktes in den neunziger Jahren führte in Russland nur zu einer Arbeitslosenquote von etwas mehr als zehn Prozent. Es ist somit mit einer hohen versteckten Arbeitslosigkeit zu rechnen. Dies signalisiert wiederum, dass der Aufbau eines sozialen Netzes jenseits der Einzelunternehmen und die Restrukturierung der Unternehmen wenig vorangeschritten sind.