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28.11.2005 | Von:
Gertrud M. Backes

Alter(n) und Geschlecht: ein Thema mit Zukunft

Frauen leben länger als Männer, scheinen Veränderungen besser zu bewältigen und sind gleichzeitig - vor allem im hohen Alter - stärker von gesundheitlichen und sozialen Einbußen und Verlusten betroffen.

Einleitung

Im anglophonen Bereich, vor allem in Großbritannien, den USA und Kanada, aber auch in skandinavischen Ländern, gehören Themen im Zusammenhang von "Gender and Ageing" seit langem selbstverständlich auf die Agenda der alter(n)swissenschaftlichen Diskussion: "Gender is a crucial organizing principle in society that profoundly shapes the experience of old age and aging and the distribution of resources to older women."[1]

Dimensionen geschlechterspezifischen Alter(n)s werden dort vielseitig in ihrer individuellen Bedeutung ("gendered identities in old age"[2]) wie auch als Dimension von Sozialstruktur in sich wandelnden Gesellschaften untersucht ("Patriarchy and the sex/gender system"[3]).[4] Es geht um "Gender roles as structured inequality" und "Social construction of gender" ebenso wie um "Putting gender in life course context"[5] und um "The body, gender, and age"[6], um nur wenige Beispiele des sehr breiten thematischen Spektrums zu nennen. Und in einer 2003 in England erschienenen Monographie zum Thema: "Social theory, social policy and ageing. A critical introduction" von Carroll L. Estes, Simon Biggs und Chris Phillipson steht neben Themen wie "The politics of ageing", "Ageing and globalization", "Age and identity" oder "Productive ageing, self-surveillance and social policy" das Thema: "Feminist perspectives and old age policy" gleichermaßen mit auf der Agenda. Dabei geht es um Fragen der feministischen Erkenntnistheorie und Perspektiven auf Alter, Sozialpolitik und Staat, um feministische Ökonomie, Theorien der männlichen Herrschaft, um Ideologie, Gender und soziale Bewegungen wie auch um feministische Transformation und Alterspolitik.[7]

Im deutschsprachigen Bereich - in Deutschland, Österreich und in der Schweiz - gibt es noch immer weit weniger wissenschaftliche Analysen zum Themenfeld "Geschlecht und Alter(n)", wobei sich in den Grundlinien ähnliche Ergebnisse wie in der oben genannten anglophonen Forschungstradition erkennen lassen. Eine gut überschaubare Zahl von Forschungen in diesem Themenfeld entwickelte sich in der Gerontologie und Alter(n)ssoziologie,[8] zum Teil auch in der feministischen Kritik der Sozialsysteme[9] als Teil der Frauen- und Geschlechterforschung. Erste weitergehende Ansätze finden sich etwa in der Auseinandersetzung mit den "Auswirkungen weiblicher Langlebigkeit auf Lebensformen und Generationenbeziehungen"[10] und neuerdings auch in der Betrachtung des "anderen" Alter(n)s von Männern[11] sowie des Übergangs von Frauen vom Erwerbsleben in den Ruhestand.[12] Mittlerweile ist "Geschlecht" zumindest als durchgängig notwendiges Unterscheidungsmerkmal auch bezüglich des Alter(n)s anerkannt (exemplarisch hierfür sind die Berichte der Enquête-Kommission "Demografischer Wandel" oder die bisherigen fünf Altenberichte der Bundesregierung). Was die Notwendigkeit dieser Differenzierung wie auch eine weitergehende Analyse anbelangt, so sprechen Zahlen und Fakten eine klare Sprache. Als wissenschaftlich wie politisch unzulässig gälte es, der Dimension "Soziales Geschlecht/Gender" bei der Betrachtung des Alter(n)s keine Beachtung zu schenken. Dabei wird sie mancherorts bereits durch die Dimension "Diversity" ersetzt, ohne dass die Konsequenzen dieser Entwicklung für eine angemessene Analyse der Thematik "Geschlecht und Alter(n)" bereits immer hinreichend bedacht worden wären.


Fußnoten

1.
Carroll L. Estes, Social security privatization and older women: A feminist political economy perspective, in: Journal of Aging Studies, 18 (2004), S. 9 - 26, hier S.9.
2.
Catherine B. Silver, Gendered identities in old age: Toward (de)gendering?, in: ebd., 17 (2003), S. 379 - 397.
3.
Carroll L. Estes/Simon Biggs/Chris Phillipson, Social theory, social policy and ageing. A critical introduction, Berkshire 2003, S. 44 - 62, hier S. 50.
4.
Vgl. Sara Arber/Jay Ginn, Gender and Later Life. A Sociological Analysis of Resources and Constraints, London-Newbury Park-New Delhi 1991; Sara Arber/Jay Ginn (Eds.), Connecting Gender and Ageing. A Sociological Approach, Buckingham-Philadelphia 1995 (2002); Jean M. Coyle (Ed.), Handbook on Women and Aging. Westport, Connecticut-London 1997; Miriam Bernard/Judith Phillips/Linda Machin/Val Harding Davies (Eds.), Women Ageing. Changing identities, challenging myths, London-New York 2000; Toni M. Calasanti/Kathleen F. Slevin, Gender, Social Inequalities, and Aging, Walnut Creek-Lanham-Oxford 2001; Sara Arber/Kate Davidson/Jay Ginn (Eds.), Gender and Ageing. Changing Roles and Relationsships, Maidenhead-Philadelphia 2003.
5.
Laurie Russell Hutch/Jon Hendricks (Eds.), Beyond Gender Differences: Adaptation to Aging in Life Course Perspective, Amityville-New York 1999.
6.
Julia Twigg, The body, gender, and age: Feminist insights in social gerontology, in: Journal of Aging Studies, 18 (2004), S. 59 - 73.
7.
Vgl. C. L. Estes/S. Biggs/Ch. Phillipson (Anm. 3); Carroll L. Estes and Associates, Social Policy & Aging. A Critical Perspective, Thousand Oaks-London-New Delhi 2001.
8.
Vgl. Insa Fooken, Älterwerden als Frau, in: Andreas Kruse/Ursula Lehr (Hrsg.), Gerontologie, eine interdisziplinäre Wissenschaft, München 1987, S. 164 - 237; Gertrud M. Backes, Geschlechterverhältnisse im Alter, in: Birgit Jansen/Fred Karl/Hartmut Radebold/Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.), Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Weinheim-Basel 1999, S.453-469; dies., "Geschlecht und Alter(n)" als künftiges Thema der Alter(n)ssoziologie, in: Gertrud M. Backes/Wolfgang Clemens (Hrsg.), Zukunft der Soziologie des Alter(n)s, Opladen 2002, S.111-148; Wolfgang Clemens, Frauen zwischen Arbeit und Rente. Lebenslagen in später Erwerbstätigkeit und frühem Ruhestand, Opladen 1997; François Höpflinger. Frauen im Alter - Alter der Frauen. Ein Forschungsdossier, Zürich 1994.
9.
Vgl. Ilona Kickbusch/Barbara Riedmüller (Hrsg.), Die armen Frauen. Frauen und Sozialpolitik, Frankfurt/M. 1984; Claudia Gather/Ute Gerhard/Karin Prinz/Mechthild Veil (Hrsg.), Frauen-Alterssicherung. Lebensläufe von Frauen und ihre Benachteiligung im Alter, Berlin 1991.
10.
Vgl. François Höpflinger, Auswirkungen weiblicher Langlebigkeit auf Lebensformen und Generationenbeziehungen, in: Pasqualina Perrig-Chiello/ François Höpflinger (Hrsg.), Jenseits des Zenits. Frauen und Männer in der zweiten Lebenshälfte, Bern-Stuttgart-Wien 2000, S. 61 - 74; François Höpflinger. Frauen im Alter - die heimliche Mehrheit. http://www.mypage.bluewin.ch / hoepf / fhtop / fhalter1K. html: 2002.
11.
Vgl. Insa Fooken, Gerontologie eine Männerwissenschaft oder: Der Mann im Alter das unbekannte Wesen?, in: Zeitschrift für Gerontologie, 19 (1986), S. 221 - 222; dies., Geschlechterverhältnisse im Lebensverlauf, in: Birgit Jansen/Fred Karl/Hartmut Radebold/Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.), Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Weinheim-Basel 1999, S. 441 - 452; François Höpflinger. Männer im Alter. Eine Grundlagenstudie, Zürich 2002.
12.
Vgl. W. Clemens (Anm. 8).