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17.12.2004 | Von:
Beate Leopold
Katja Grieger

Gewaltprävention durch Arbeit mit Minderjährigen in der Prostitution

Prostituierte werden deutlich häufiger Opfer von Gewalt als andere Frauen. Davon sind jüngere Frauen noch stärker betroffen. Im Sinne der Gewaltprävention ist es besonders dringend, sich prostituierenden Mädchen und jungen Frauen Beratung und Hilfe anzubieten.

Gewalt im Leben von Prostituierten

Der Zusammenhang von Prostitution und Gewalt ist ein vielschichtiges Thema. Sei es, dass Prostitution als solche bereits als Gewalt gegen Frauen gesehen, sei es, dass sie als ein Feld mit andauernden gewalttätigen Übergriffen wahrgenommen wird. Überfälle auf Prostituierte, Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und Morde scheinen im Prostitutionsmilieu an der Tagesordnung zu sein. Prostitution ist durchaus ein Bereich mit einem hohen Gewaltpotenzial, und nicht wenige Prostituierte haben im Laufe ihres Lebens deutlich mehr Gewalt erlebt als andere Frauen. Eine pauschale Aussage, die Prostitution mit Gewalt gleichsetzt, ist jedoch falsch und wenig hilfreich. Vielmehr muss genauer hingeschaut und zwischen den Zusammenhängen, in denen Gewalt gegen Prostituierte vorkommt, differenziert werden. Nur so können sinnvolle Angebote zur Unterstützung und zum Durchbrechen eines teilweise vorhandenen Gewaltkreislaufes entwickelt werden.











Gewalt im Leben von Prostituierten ist nicht identisch mit Gewalt in der Prostitution. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen gewalttätigen Übergriffen, die mit der Ausübung der Prostitution verbunden sind, und erlebter Gewalt außerhalb der Prostitution.

Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend

In einer Untersuchung zur Lebenssituation von Prostituierten[1] wurden per Fragebogen bundesweit 250 und im persönlichen Interview 40 ehemalige und noch tätige Prostituierte u.a. zu verschiedenen Formen erlebter Gewalt befragt. 50 Prozent der Befragten (119 Frauen) mit gültigen Antworten wurden bis zu ihrem 18. Lebensjahr Opfer eines oder mehrerer strafrechtlich relevanter Sexualdelikte wie Vergewaltigung oder sexueller Nötigung durch inner- oder außerfamiliäre Täter.

Der Vergleich mit einer repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zu Opfererfahrungen[2] zeigte eine außergewöhnlich hohe Belastung der durch die oben genannte EVA-Studie erreichten Prostituierten durch sexuelle Nötigung und Vergewaltigung bis zum 18. Lebensjahr. Aus den Daten der KFN-Befragung ergab sich eine entsprechende Belastung bei 5,7 Prozent der Befragten. Bei den Probandinnen der EVA-Studie waren es mit 50 Prozent fast zehnmal mehr. Dazu kamen bei vielen von ihnen stark belastende Beziehungen zu einem oder beiden Elternteilen, einem gewalttätigen bzw. durch Alkoholmissbrauch geprägten Elternhaus, wechselnde Bezugspersonen, Trebeerfahrungen und/oder Heimaufenthalte.

Die hohe Belastung von Prostituierten durch Gewalt in Kindheit und Jugend wird durch die Ergebnisse der vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld durchgeführten Prävalenzstudie zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland[3] bestätigt. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden u.a. 110 Prostituierte befragt, davon hatten 43 Prozent in ihrer Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erlebt, und ein hoher Anteil erfuhr körperliche Misshandlungen durch Erziehungspersonen.

Gewalt während der Prostitutionstätigkeit

Das Risiko, in der Prostitution Gewalt ausgesetzt zu sein, ist sehr hoch. 54 Prozent der im Rahmen der EVA-Studie befragten Frauen waren während ihrer Tätigkeit als Prostituierte verschiedenen Gewalttaten durch unterschiedliche Täter ausgesetzt. Sie wurden Opfer physischer und/oder sexueller Gewalt durch Kunden, Zuhälter und/oder Betreiber eines Etablissements. 34 Prozent wurden im Rahmen ihrer Tätigkeit sexuell genötigt oder vergewaltigt. Die Prävalenzstudie der Universität Bielefeld kommt zu ähnlichen Ergebnissen. 41 Prozent der befragten Prostituierten hatten im Kontext der Prostitutionsausübung körperliche oder/und sexuelle Gewalt erlebt.

Das Risiko, in der Prostitution Opfer einer Gewalttat zu werden, ist jedoch ungleich verteilt. Frauen, die im Alter bis zu 21 Jahren in die Prostitution gingen, berichteten in der EVA-Studie deutlich häufiger über erlittene Gewalt. Je jünger sie waren, als sie mit der Prostitutionstätigkeit begannen, desto öfter wurden sie Opfer gewalttätiger Zuhälter bzw. Betreiber. Frauen, die von dieser Tätergruppe noch nie Gewalt erlitten hatten, waren beim Einstieg in die Prostitution durchschnittlich 23,8 Jahre alt. Frauen, die ein- bis fünfmal entsprechende Gewalt erlebten, waren beim Prostitutionsbeginn durchschnittlich 21,9 Jahre alt, und Befragte, die mehr als fünfmal körperlicher Gewalt durch Zuhälter/Betreiber ausgesetzt waren, begannen mit durchschnittlich 18,6 Jahren mit der Prostitution. Es ist daher im Sinne der Gewaltprävention besonders wichtig, Mädchen und junge Frauen in der Prostitution zu erreichen, sie zu unterstützen und zu stärken sowie mit ihnen Alternativen für ein Leben außerhalb der Prostitution zu entwickeln.


Fußnoten

1.
Vgl. Beate Leopold/Elfriede Steffan, Evaluierung unterstützender Maßnahmen aus der Prostitution (EVA-Projekt). SPI-Forschung gGmbH, Berlin 1997.
2.
Vgl. Peter Wetzels/Christian Pfeiffer; Sexuelle Gewalt gegen Frauen im öffentlichen und privaten Raum - Ergebnisse der KFN-Opferbefragung 1992. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Materialien zur Frauenpolitik 48/1995), Bonn 1995.
3.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Studienergebnisse, Berlin 2004.