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Die Pluralisierung partnerschaftlicher Lebensformen in Westdeutschland und Europa


30.4.2004
In Europa hat eine Pluralisierung der partnerschaftlichen Lebensformen stattgefunden, die Lebensverläufe sind vielfältiger geworden. Es wird ein deutlicher Trend weg von der Ehe festgestellt.

Einleitung



Seit etwa 20 Jahren wird in der deutschen Familienforschung eine "Pluralisierung der Lebensformen" konstatiert. Zwar ist die Verwendung dieser Begrifflichkeit nicht ganz eindeutig, aber die meisten Autoren verbinden damit die Vorstellung, dass es einen Trend weg von der "Parsons'schen Normalfamilie" der fünfziger und sechziger Jahre (Mutter, Vater, zwei Kinder) hin zu einer höheren Vielfalt der Lebensformen gegeben hat.[1] Diese Behauptung gilt inzwischen im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs als "wahr". Das geht so weit, dass die entsprechende Begrifflichkeit Eingang in die Programmatik der meisten Parteien gefunden hat.[2]




Die wissenschaftlichen Belege für diesen Trend sind jedoch eher dünn. Niemand bestreitet, dass die Normalfamilie auf dem Rückzug ist. Viele Studien belegen, dass sich in den meisten westlichen Industrieländern die demographischen Prozesse zum Teil dramatisch verändert haben: Die Heiratsrate ist gesunken und die Scheidungsrate gestiegen. Gesunken sind ebenfalls die Wiederverheiratungs- und die Fertilitätsrate. Dafür haben ehemals seltene Lebensformen wie nichteheliche Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende an Bedeutung gewonnen. Diese Veränderungen werden heute von vielen Demographen als "zweiter demographischer Übergang" bezeichnet.[3]

Es ist offensichtlich, dass der zweite demographische Übergang einen Trend weg von der Normalfamilie erzeugt. Aber er hat nicht notwendigerweise einen Anstieg der Vielfalt der Lebensformen zur Folge. So könnte der Anstieg der Scheidungsrate durch den Rückgang der Heiratsneigung kompensiert werden, so dass sich in der Bevölkerung kein höherer Anteil an Geschiedenen findet. Der Rückgang der Heiratsneigung könnte weiterhin dazu führen, dass sich ein neues "Normalmodell" herausbildet (nämlich ledig zu bleiben oder nichtehelich zusammenzuleben). Man hüte sich also davor, vom zweiten demographischen Übergang vorschnell auf eine Pluralisierung zu schließen!

Eine Pluralisierung kann nur von Studien belegt werden, welche die Vielfalt der Lebensformen direkt in den Blick nehmen. Überraschenderweise kommen entsprechende Studien aber teilweise zu dem Schluss, dass keine Pluralisierung stattgefunden hat.[4] Sie basieren jedoch auf amtlichen Querschnittsdaten. Dies hat zwei Probleme zur Folge: Erstens ist durch die Vorgaben der amtlichen Statistik die Zahl der unterscheidbaren Lebensformen erheblich beschränkt. Zweitens betrachten diese Studien nur die aggregierten Lebensformverteilungen zu zwei Zeitpunkten. Damit gerät die Dynamik individueller Lebensverläufe aus dem Blick.

Deshalb sind Studien nötig, die individuelle Lebensverläufe untersuchen und deren Vielfalt beurteilen. Die Pluralisierungsthese kann mit diesem Untersuchungsansatz folgendermaßen präzisiert werden: Die Vielfalt bzw. die Heterogenität der familialen bzw. partnerschaftlichen Lebensverläufe hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse einer solchen Studie vorgestellt werden.[5]

Die Ausführungen stützen sich auf die Daten des Familiensurveys 2000 des Deutschen Jugendinstituts (DJI). In die Analysen gehen 5 192 Lebensverläufe von in den alten Bundesländern lebenden Deutschen ein.[6] Von diesen Personen wurde rückblickend eine Partnerschaftsbiografie erhoben, welche die Grundlage der folgenden Analysen ist. Infolgedessen beschränkt sich die Studie auf partnerschaftliche Lebensformen. Die Partnerschaftsbiografie des Familiensurveys ermöglicht die Unterscheidung folgender Lebensformen (im Folgenden synonym "Zustände" genannt): ledig (partnerlos vor einer ersten Ehe), nichteheliche Lebensgemeinschaft (vor einer ersten Ehe; NEL), verheiratet (erste Ehe), getrennt (partnerlos nach einer Ehe, die durch Trennung/Scheidung beendet wurde), verwitwet (partnerlos nach einer Ehe, die durch Tod des Ehepartners beendet wurde), nacheheliche NEL, wiederverheiratet. Zwischen den ersten beiden Zuständen kann man wechseln, solange man nicht geheiratet hat, zwischen den letzten vier Zuständen, nachdem die erste Ehe beendet ist. Von jeder Person ist das Alter bekannt, in dem sie in diese Lebensformen eintrat bzw. sie diese wieder verließ.



Fußnoten

1.
Zur Begriffsgeschichte vgl. Michael Wagner/Gabriele Franzmann, Die Pluralisierung der Lebensformen, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 25 (2000), S. 151 - 173.
2.
Vgl. Norbert Schneider, Pluralisierung der Lebensformen: Fakt oder Fiktion?, in: Zeitschrift für Familienforschung, 13 (2001), S. 85 - 90.
3.
Einen Überblick gibt Rüdiger Peukert, Familienformen im sozialen Wandel, Opladen 20024.
4.
Z.B. Klaus Peter Strohmeier, Pluralisierung und Polarisierung der Lebensformen in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 17/93, S. 11 - 22; M. Wagner/G. Franzmann (Anm. 1).
5.
Weitere Ergebnisse dieser Studie findet man in Josef Brüderl/Thomas Klein, Die Pluralisierung partnerschaftlicher Lebensformen in Westdeutschland, 1960 - 2000, in: Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.), Partnerschaft und Familiengründung, Opladen 2003, S. 189 - 217.
6.
Die Lebensverläufe in der DDR waren in hohem Maße standardisiert. Mit der Wiedervereinigung begannen auch in Ostdeutschland gravierende Veränderungen. Vgl. Abschnitt 5 unten und Karl-Ulrich Mayer, Lebensverlauf, in: Bernhard Schäfers/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 20012, S. 446 - 460.