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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 28-29/2005)
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Der Aufstieg des Lokalen |

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Trutz von Trotha
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Konfliktregulierung zwischen Globalisierung und Lokalisierung |
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Konfliktregulierung findet heute durch internationale und global agierende Organisationen statt. Sie ist gleichfalls Konfliktregulierung durch die Großen Mächte, allen voran durch die USA. Die Vielzahl der Einrichtungen zur Konfliktregulierung birgt zahlreiche Chancen und unterschiedliche Regelungswege, die der Multidimensionalität von Konflikten entsprechen. Diese internationalen Wege und Foren der Friedensstiftung werden indessen so lange defizitär bleiben, wie sie der gewachsenen Bedeutung des Lokalen nicht gerecht werden. Dazu sind verschiedene Voraussetzungen nötig, die hier in sechs Punkten zusammengefasst seien.
Erstens wird Konfliktregelung vor Ort zu einer primären Aufgabe. Konfliktregulierung kann nur gelingen, wenn sie Streitschlichtung "von oben" mit Streitschlichtung "von unten" sorgfältig verbindet.
Zweitens benötigen Friedensanstrengungen eine Streitregelung durch einen Dritten. In Analogie zum Recht gelingen die Friedensanstrengungen allerdings nur, wenn der Dritte ein besonderer Dritter ist. Er muss in diesem Fall aus Vertretern der Gruppen der Friedenswilligen kommen. Die Gewalttätigen lassen sich natürlich nicht vollständig aus einer Friedenslösung heraushalten. Es gilt aber, ihren herrischen Ton durch den "lokalen Chor" der Friedenswilligen zu disziplinieren. Das "Programm Mali Nord", das die deutsch-malische Kooperation entwickelt hat, um nach der Zweiten Tuaregrebellion die Wege zum Frieden zu ebnen und den Wiederaufbau und die "Entwicklung" der kriegsgeschüttelten Regionen im Norden Malis zu ermöglichen, setzte systematisch auf die Integration und Zusammenarbeit mit denen, die vor Ort auf Frieden und Versöhnung setzten.
Drittens schließen Konfliktregulierungen vor Ort ein, dass lokale und regionale Institutionen der Konfliktregulierung und lokale und regionale Lösungen gegenüber den Institutionen und Lösungsdefinitionen der internationalen und global agierenden Einrichtungen nicht zweitrangig sind. Die hohe Funktionstüchtigkeit lokaler Einrichtungen und Lösungen hat die Rechtsethnologie wieder und wieder empirisch untermauert. Was im Bereich der Globalisierung heute das neue lex mercatoria, "Wall Street law firms" und die Internationale Handelskammer (CCI) in Paris sind, sind für die Suche nach Frieden in zerfallenden Staaten und für den Wiederaufbau im Anschluss an "Kleine Kriege" die Streitregelungseinrichtungen vor Ort.
Viertens werden Nichtregierungsorganisationen (NRO) zu Hauptakteuren der Friedensstiftung. Diese Rolle kommt ihnen primär zwar nicht zu, weil sie nach ihrem Selbstverständnis gemeinnützige und humanitäre Ziele verfolgen, ein Selbstverständnis, das inzwischen sehr kontrovers diskutiert wird. Aber sie sind deshalb Hauptakteure, weil sie globale Organisation mit lokaler Intervention verbinden.
Fünftens: NRO werden auch deshalb zu Hauptakteuren der Friedenssicherung, weil die Unterscheidung zwischen Konfliktregulierung und Entwicklungshilfe zunehmend schwindet und eine Entwicklungshilfe, welche zum Gewinn und zur Sicherung des Friedens beiträgt, sichtbare Erfolge auf der lokalen Ebene zeitigen muss.
Sechstens: Konfliktregulierung ohne ein Maximum an Wissen über lokale Verhältnisse und lokale Konfliktregulierung, einschließlich des Wissens um lokale Einrichtungen zur Konfliktregelung, wird an der Widerständigkeit des Lokalen scheitern. Hierfür sind die Sozialanthropologie und die Ethnologie unverzichtbar.
Der Aufstieg des Lokalen ist augenblicklich dabei, für die Wiederkehr einer europäischen Sicherheits- und Entwicklungspolitik, die auf Staats- und Nationenbildung setzt, ebenso zu einem bitteren Lehrmeister zu werden wie für eine kurzsichtig militaristische Demokratisierungspolitik, die sich nicht um lokale Verhältnisse schert. Die Toten im Irak und in Afghanistan sind die offenkundigen Belege. Die Suche nach Frieden wird heute wieder wie nie zuvor seit dem Aufstieg des Nationalstaates und seiner Kriege in "Dörfern" entschieden. Wie die Logik des Staatszerfalls, der Paraverstaatlichung, der segmentären Ordnung und des "Kleinen Krieges" ist auch die Logik des Friedens eine lokale und regionale Macht- und Herrschaftslogik. Eine Entwicklungs- und Friedenspolitik, die vom Globalen gebannt ist, Staatlichkeit bloß unterstellt und dabei nicht wahrhaben will, dass das Lokale nicht nur Teil, sondern auch machtvoller Gegenspieler des Globalen ist, und deshalb die vielfältigen Chancen alter und neuer Formen von Herrschaft und Machtkontrolle auf regionaler und lokaler Ebene nicht wahrnimmt, wird an der Widerständigkeit des Lokalen scheitern. Das Lokale ist kreativ und eigendynamisch dabei, Ordnungen jenseits des Staates zu modernisieren oder gar neu zu erfinden. |
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10. Februar 2012
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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Nation und Nationalismus
Der Nationalismus bleibt ein geschichtsmächtiger Faktor. Die Idee der Nation wurde zum Motor der Neugestaltung Osteuropas. Bringt der Nationalstaat im Globalisierungszeitalter ausreichend Integrationskraft auf, um die Stabilität von Gesellschaften zu gewährleisten? |
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